Ein Arzt in Hessen impft einen jungen Mann gegen Corona. (Archivbild vom 12.06.2021) | dpa

Corona-Impfung Nebenwirkungen auf niedrigem Niveau

Stand: 07.10.2021 18:25 Uhr

Experten haben einen leichten Anstieg von Herzproblemen nach einer Corona-Impfung bei jungen Männern festgestellt. Dennoch betonen sie: Die Vorteile der Impfung seien deutlich größer als die Risiken.

Von Andre Kartschall, rbb

Marc-Clemens Wecker ist 18 Jahre alt, zweimal geimpft und gerade dabei, sich von einer Herzmuskelentzündung zu erholen - eine Nebenwirkung seiner Impfung mit dem Wirkstoff von BioNTech-Pfizer. An einem Freitag im Juli hatte er sich seine zweite Dosis abgeholt. Am Sonntag dann ging es ihm schlecht. "Es ging schnell", sagt er. "Kopfschmerzen, Schwächegefühl, und dann ging es schon ins Krankenhaus. Da kam ich dann gleich auf die Intensiv-Überwachungsstation."

Andre Kartschall

Wecker habe es kaum glauben können, als ihm die Ärzte sagten, er müsse auf jeden Fall für mehrere Tage dort bleiben, erzählt er. Die Diagnose traf ihn völlig unvorbereitet. "Als Jugendlicher denkt man nicht über Herzprobleme nach. Und das war für mich dann doch Alltag und Realität."

Nach einer Woche im Krankenhaus durfte er zurück nach Hause. Inzwischen geht es ihm wieder besser, gerade hat er angefangen, wieder leichten Sport zu machen. "Rückblickend betrachtet: Ich würde es wieder machen", sagt er. Falls er irgendwann eine dritte Impfung bekommt, soll es aus Vorsicht aber nur eine halbe Dosis sein. So hat er es mit seinem Hausarzt besprochen.

Herzprobleme häufiger, aber immer noch sehr selten

Obwohl viel über Nebenwirkungen der Impfungen zu hören ist, sind diese nach allem, was bekannt ist, äußerst selten. Herzbeutel- und Herzmuskelentzündungen treten bei jungen Männern zwischen 18 und 30 Jahren nach einer Impfung zwar sieben Mal häufiger auf als bei Ungeimpften. Doch das heißt noch immer, dass sie beim überwältigenden Teil der geimpften Menschen nicht vorkommen.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), zuständig für die Überwachung von Impfungen, analysiert alle Meldungen zu möglichen Impfschäden, die von Ärzten oder Patienten bei ihnen eingehen. "Das muss man in Beziehung setzen zu der sehr viel höheren Rate entsprechender Schäden durch eine Coronavirus-Infektion, die wesentlich höher sind", sagt Klaus Cichutek, der Präsident des Instituts.

"Da schläft man erst mal drei Nächte nicht richtig"

Malik Böttcher, der Hausarzt von Wecker, kennt die Debatte um Impfschäden und die Angst mancher Patienten, dass bei ihnen doch etwas passieren könnte. Als die Impfkampagne begann, baute er seine Praxis zu einer Art Impfzentrum im Kleinformat um. Bis in die Nacht impften er und seine Kollegen - aus Überzeugung, wie er sagt.

Als er davon erfuhr, dass einer seiner Patienten offenbar eine Impfnebenwirkung davongetragen hatte, war Böttcher schockiert. "Da schläft man erst mal drei Nächte nicht richtig und kommt doch ins Grübeln." Doch Wecker ist bis heute der einzige seiner Patienten geblieben, die ernste Nebenwirkungen hatten.

Immer wieder Fehlalarm

Viel häufiger sind Verdachtsfälle, die sich am Ende nicht als Nebenwirkungen der Impfung herausstellen. "Als die Berichte über mögliche Nebenwirkungen kamen, hatte ich auf einmal 15 junge Männer im Wartezimmer sitzen, die über Herzschmerzen klagten", sagt Böttcher. "Da haben wir auch das natürlich ernst genommen und auch immer wieder untersucht. Zum Glück hat es sich nicht bestätigt." Den jungen Männern fehlte nichts.

Möglicherweise waren sie nicht Opfer einer Nebenwirkung sondern des "Nocebo-Effekts" geworden. Dieser funktioniert im Grunde wie der wesentlich bekanntere Placebo-Effekt, nur dass hier die eingebildeten Wirkungen des Medikaments nicht zu einer Verbesserung sondern Verschlechterung des Zustands führen.

Krank nach Impfung - aber auch wegen Impfung?  

Neben den Nocebo-Effekten gibt es aber auch Patienten, bei denen tatsächliche Erkrankungen kurz nach der Impfung auftreten. Doch nicht alle davon sind auf die Spritze zurückzuführen. Viele wären schlichtweg auch so aufgetreten.  

Die Aufgabe des PEI ist es, zu unterscheiden, welche Erkrankung aufgrund der Impfung auftritt und welche nur zufällig in zeitlicher Nähe dazu passiert. Dazu führen die Mitarbeiter eine "Erwartet-Beobachtet-Analyse" durch. Sie vergleichen, wie oft etwa eine Herzmuskelentzündung bei frisch geimpften jungen Männern beobachtet wird - und wie oft diese in Zeiten, in denen nicht geimpft wird, normalerweise auftreten. "Dann kann man daraus einfach errechnen: Sind das mehr Fälle als zu erwarten sind, oder nicht", erklärt PEI-Präsident Cichutek.

Fast perfekte Statistik  

Dieses statistische Prinzip wird auch auf die schwerste denkbare Nebenwirkung angewendet: den Tod. Rund 1000 Todesfälle wurden dem PEI gemeldet, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Corona-Impfung stehen. "Wir gehen jedem der Verdachtsfälle akribisch nach, schauen uns auch Autopsieberichte an", betont Cichutek. Von den 1000 Verdachtsfällen blieben nach der Überprüfung 48 übrig, bei denen nicht ausgeschlossen werden kann, dass sie durch die Impfung verursacht wurden. Laut Cichutek ist das ein Beweis für die Sorgfalt, mit der sein Institut arbeitet.

Doch keine Statistik ist perfekt. Jeder mögliche Impftote muss dem PEI erst einmal bekannt werden. Wenn ein Geimpfter plötzlich auf der Straße umfällt und der Hausarzt nichts davon erfährt, ist die Gefahr gegeben, dass der Fall dem Institut gar nicht gemeldet wird. Die Dunkelziffer ist also unbekannt.

Nach einem Dreivierteljahr Impfkampagne zieht Cichutek jedenfalls eine sehr positive Bilanz. Nach 100 Millionen verimpften Dosen liegt die Zahl der Fälle von Nebenwirkungen auf einem äußerst geringen Niveau. Die Zahl der etwa durch den Nocebo-Effekt als Verdachtsfälle gemeldeten vermeintlichen Nebenwirkungen hingegen ist deutlich höher.