Fans des DFB-Teams jubeln beim EM-Spiel gegen Portugal in einem Münchner Biergarten | dpa

Nach dem Corona-Lockdown Wenn die Normalität Angst macht

Stand: 04.07.2021 06:16 Uhr

Biergarten, Kino, Schwimmbad - der Sommer ist da mit vielen zurückgewonnenen Freiheiten. Bei manchen Menschen sorgt aber genau das für Beklemmung und Angstzustände. Das ist aber kein Massenphänomen.

Von Kim Ruoff, SWR

Vor der Pandemie war der Alltag von Remo Schneider vollgepackt. Der Student aus Böblingen könnte auch jetzt wieder viel unternehmen. Er ist doppelt geimpft, die Inzidenzzahlen sind sehr niedrig, die Corona-Schutzmaßnahmen gelockert. "Wenn ich daran denke, dass ich mich wieder mit vielen Freunden treffen oder in ein Restaurant gehen könnte, habe ich irgendwie ein unangenehmes Gefühl."

Der 26-Jährige meidet soziale Kontakte teilweise noch ganz bewusst. Auch die Vorstellung, in vollen Bussen oder Bahnen zu sitzen, führt dazu, dass er weiterhin aufs Rad ausweicht. Massenevents wie Konzerte bleiben für ihn erstmal unvorstellbar.

Tausende Fans mit Masken auf einem Konzert in Paris   | EPA

Bilder von Konzerten wie hier Ende Mai in Paris mit 5000 Menschen lösen bei einigen Menschen auch unangenehme Gefühle aus. Bild: EPA

Mehr Zeit, weniger Stress

Dafür gebe es mehrere Gründe. "Ich glaube, wir sind jetzt lange einfach hypersensibilisiert worden für die ganze Hygienethematik. Darauf hat man früher nie geachtet und plötzlich weiß man, wie schnell so etwas gehen kann, wenn ein Erreger umgeht." Gleichzeitig habe er die Entschleunigung auch als wertvoll erlebt. Mehr Zeit für sich zu haben, weniger Stress. Er beobachte auch die Entwicklung der Delta-Variante und habe die Expertenstimmen im Kopf, die mahnen, die Pandemie sei noch nicht vorbei.

Soziale Kontakte? Lieber nicht

So wie Remo Schneider erleben auch andere Menschen die Zeit zwischen Pandemie und einer zurückkehrenden Normalität durch Impffortschritte und sehr niedrige Infektionszahlen. Das bestätigt eine Umfrage aus den USA. Die American Psychological Association, der US-amerikanische Fachverband der Psychologie, stellt dabei fest, dass knapp die Hälfte der dortigen Bevölkerung sich unwohl fühle mit dem Gedanken an soziale Kontakte nach dem Ende der Pandemie. Auch von denjenigen, die bereits vollständig geimpft sind, teilen 48 Prozent diese Meinung.

Die Vorstellung wieder ein Leben zu führen wie vor der Pandemie, führt ebenso bei rund der Hälfte der Befragten zu Unbehagen. Auch hier unterschieden sich die Angaben von Ungeimpften und Geimpften nur um zwei Prozentpunkte. In den USA wurde daraufhin der Begriff des "Cave-Syndroms" (Höhlen-Syndrom) geprägt. Es soll das Verhalten beschreiben, dass Menschen sich trotz Lockerungen und stark sinkender Infektionszahlen weiterhin zurückziehen, sich lieber zu Hause verkriechen. Die neuen Möglichkeiten sorgen also nicht nur für Euphorie, sondern bei einigen auch für Überforderung.

Sozialleben als Herausforderung

Der klinische Psychologe und Angstforscher Georg Alpers von der Universität Mannheim gibt jedoch Entwarnung. Es sei völlig normal, dass das Wiedererwachen des Soziallebens, Lockerungen und Möglichkeiten für einige Menschen auch als Herausforderung empfunden werden. "Wir mussten uns jetzt über ein Jahr lang sehr mit Bedacht verhalten. Dinge, die ansonsten spontan und gewohnheitsmäßig ablaufen, wie Freunde umarmen oder Hände schütteln, mussten erstmal bewusst nach den Risiken abgewogen werden." Und jetzt gebe es wieder geänderte Regeln, an die man sich erst wieder gewöhnen müsse.

"Open" steht auf einem Banner an einem Biergarten geschrieben, in dem Gäste das schöne Wetter genießen.

Das Sozialleben erwacht wieder - daran muss man sich erst wieder gewöhnen.

Das führe zwar bei manchen tatsächlich zu Überforderung, den Begriff des "Cave-Syndroms" hält er jedoch für unpassend. "Syndrom ist ein Fachbegriff, der dafür steht, dass es Symptome psychischen Leids gibt, die immer wieder zusammen auftreten und die man zuverlässig beobachten kann. Das wissen wir zu diesem Zeitpunkt aber noch überhaupt nicht. Syndrom hört sich an wie ein Krankheitsbild, bei den allermeisten ist es aber sicherlich keine Krankheit."

Der Begriff suggeriere zudem, dass diese Ängste oder Sorgen irrational seien. Dafür gebe es aber keine Grundlage. Zu viele Unbekannte über den Verlauf der Pandemie, den Impffortschritt und Virusvarianten erzeugten unweigerlich gewisse Anpassungsschwierigkeiten - die allermeisten Menschen freuten sich aber über die Fortschritte bei der Pandemiebekämpfung.

Gefühlslage oder Angststörung?

Vereinzelt könne dies bei Menschen, die vielleicht sowieso schon ängstlicher sind oder zurückgezogener leben, jedoch zu extremem Unwohlsein führen, so Alpers. Entscheidend für die Abwägung, ob es sich um eine normale Gefühlslage oder aber eine ernstzunehmende Angststörung handle, sei der persönliche Leidensdruck der Menschen. Wenn jemand sage, er würde gern wieder raus gehen, aber er könne nicht, weil die Angst zu groß sei, bestehe der Verdacht auf eine Angststörung.

Generell ist die Zahl der Angststörungen und Depressionen durch die Corona-Pandemie nachweislich gestiegen. Soziale Isolation, Doppelbelastungen, Ängste um Job und Familienangehörige haben nach Ansicht des Angstforschers vor allem die getroffen, die in beengten Wohn- oder in belasteten familiären Situationen leben. Sie müssten von qualifizierten Psychotherapeuten unterstützt werden. Aber auch hier könne man nicht von einem einheitlichen Pandemiesyndrom sprechen, das jetzt ganze Jahrgänge oder die ganze Bevölkerung treffe. Auch Ängste im Kontext der Lockerungen würden grundsätzlich zusätzlich zu diesen Angststörungen führen.

Maske und Abstand gehören dazu

Zudem ist eine komplette Sorglosigkeit in diesem Sommer auch aus virologischer Sicht nicht ganz ungefährlich. Uwe Gerd Liebert, ehemaliger Direktor des Instituts für Virologie der Universität Leipzig, bestätigt zwar, dass das Restrisiko schwer zu erkranken für Doppeltgeimpfte sehr gering ist. "Es ist aber auch ganz wichtig zu sagen: Zweifach geimpft heißt nicht, dass dann alles gut ist." Zumal der Impfschutz im Verlauf der Zeit nachlasse. Auch wer im Familien- und Bekanntenkreis noch mit Nicht- oder Erstgeimpften Kontakt habe, sollte weiterhin vorsichtig sein. Masken und Abstandsregeln sollten also auch in diesem Sommer weiterhin dazugehören - und ab und an wohl auch noch eine gewisse Angst.