Bewaffnete Bundeswehr-Soldatinnen

20 Jahre Frauen in Kampfeinheiten Frau Major bleibt die Ausnahme

Stand: 02.01.2021 15:05 Uhr

Vor 20 Jahren waren sie eine Revolution, heute sind sie einfach nur selten: Frauen in kämpfenden Einheiten der Bundeswehr. Warum Frau Major in Kampfeinheiten weiterhin die Ausnahme ist.

Von Stephan Lenhardt, SWR

Stefanie Reichle war 2005 die einzige Frau bei der Grundausbildung in Donaueschingen der deutsch-französischen Brigade. Und dabei waren Frauen zu dem Zeitpunkt bereits seit vier Jahren in allen Truppenteilen zugelassen. Doch Reichle dient in der Infanterie. Das ist immer noch eine Männerdomäne. Schwäche zeigen war für die Sportwissenschaftlerin und Leichtathletin damals schwer. Arztbesuche zögerte sie hinaus. "Man sticht einfach mehr aus der Masse hervor als die vielen männlichen Kameraden", sagt sie.

Stephan Lenhardt

Rückkehr vom Auslandseinsatz in Mali

Heute kommandiert Reichle eine Kompanie in Donaueschingen. Sie ist eine der seltenen weiblichen Führungskräfte einer Kampfeinheit. Mittlerweile ist sie Major. Frau Major, nicht Majorin. Denn Dienstgrade werden in der Truppe nicht gegendert.

Reichle ist die einzige deutsche Kompaniechefin in einem Kampfverband der Brigade. 100 Soldaten sind ihr direkt unterstellt, die meisten sind Männer. Vor kurzem erst kam sie aus dem Auslandseinsatz aus Mali zurück.

Die Akzeptanz von Frauen sei gestiegen, doch "gerade auf Grund der geringen Anzahl an weiblichen Infanterieoffizieren fehlt es den Vorgesetzten wie Kameraden oftmals an Erfahrung in der Zusammenarbeit mit weiblichen Führungskräften", findet Reichle.

"Es kostete Kraft"

Auch Vivien Rummler ist eine dieser Ausnahmen. Sie war vor 20 Jahren eine der ersten Frauen in der Offiziersausbildung der Feldjäger, später Ausbilderin in der Grundausbildung, Zugführerin in Potsdam, Eckernförde und Bremen: "Mit jeder neuen Führungsverantwortung stand ich teilweise Vorgesetzten gegenüber, die erst noch davon überzeugt werden mussten, dass ich Aufträge mindestens genauso gut erfüllen konnte. Dies kostet im Nachhinein gesehen oft Kraft und auch Zeit", erzählt sie. Inzwischen ist sie Oberstleutnant und findet: Der Umgang mit Frauen habe sich heute normalisiert. Doch: "Viele Frauen haben parallel zu mir die Reißleine gezogen und an dieser Stelle hat die Bundeswehr tatsächlich viel Potenzial verschenkt."

Oberstleutnant Vivien Rummler

Vivien Rummler gehörte vor 20 Jahren zu den ersten Frauen in der Offiziersausbildung der Feldjäger.

Frauenquote lange nicht erfüllt

Insgesamt ist der Frauenanteil unter Soldaten von rund zwei Prozent im Jahr 2001 bis heute auf rund 13 Prozent gestiegen. Tanja Kreil hatte vor mehr als 20 Jahren den Dienst an der Waffe vor dem Europäischen Gerichtshof erstritten.

Die meisten Soldatinnen gibt es im Sanitätsdienst, wo Frauen bereits seit 1975 zugelassen sind. Ohne den Sanitätsdienst lag die Frauenquote laut Wehrbericht 2019 bei 8,6 Prozent. Das Gesetz zur Gleichstellung von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr von 2004 fordert hier eine Quote von 15 Prozent. Zum Vergleich: In der Bundespolizei liegt der Frauenanteil bei 17 Prozent.

Dass es mehr Frauen braucht, findet die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. "Wir haben die Bundeswehr erst seit 2000 in allen Waffengattungen auch für die Frauen geöffnet, insofern haben wir einen enormen Nachholbedarf." Die Wehrbeauftragte im Deutschen Bundestag Eva Högl fordert einen Frauenanteil von 30 Prozent: "Wir haben noch zu wenig Frauen in Führungspositionen, wie beispielsweise Kommandeurinnen. Die Karriereförderung von Frauen ist ein wichtiger Schlüssel."

Nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums kommt derzeit jede vierte Bewerbung für die Offizierslaufbahn von einer Frau. "Das zeigt, dass Frauen in der Truppe auch Führungsverantwortung übernehmen wollen", so eine Sprecherin. Doch in Spitzenämtern der Bundeswehr sind Soldatinnen nach wie vor selten. Erst drei Frauen sind im Rang eines Generals, alle von ihnen im Sanitätsdienst.

In den anderen Truppenteilen sind Frauen schlichtweg zu kurz dabei, um es in höchste Ämter zu schaffen. "Es dauert seine Zeit, bis sie es in die höchsten Verwendungen schaffen können. Sie müssen unterschiedliche Stationen nehmen und Erfahrungen sammeln." Die Stabsoffizierslaufbahn entspricht im Zivilen in etwa dem höheren Management. Derzeit sind laut Ministerium dort rund 13 Prozent der Führungskräfte weiblich. "Gegen 2030 dürfte es die ersten Frauen im höchsten Generals- oder Admiralsdienstgrad geben, die die volle Truppenlaufbahn absolviert haben", so die Sprecherin.

"Gutes Führen ist geschlechterneutral"

Doch wie hat sich die Truppe durch 20 Jahre Frauen verändert? Das Zentrum Innere Führung der Bundeswehr in Koblenz beschreibt sich selbst als das "zentrale Kompetenzzentrum für alle Fragen rund um die Führungskultur der deutschen Streitkräfte". Kommandeur Generalmajor André Bodemann findet, Frauen haben die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den vergangenen zwei Jahrzehnten entscheidend geprägt.

Das Zentrum bietet weiblichen Führungskräften eigene Seminare an. Die sollen eine Möglichkeit bieten, das eigene Führungshandeln im "Kreise weiblicher Führungskräfte zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen", so der Kommandeur. Auch Themen wie sexuelle Belästigung und Diskriminierung sind Ausbildungsinhalte am Zentrum. "Doch am Ende ist nicht das Geschlecht für gutes Führen ausschlaggebend", sagt Bodemann.

Oberstleutnant Rummler musste auch mit Tod und Verwundung unterstellter Soldaten Erfahrung sammeln. 2011 im Kosovo beim KFOR-Einsatz war sie höchster Führer der Militärpolizei. Sie erlebte Demonstrationen und Ausschreitungen an der Grenze zu Serbien. Sie hielt den Kontakt zur örtlichen Polizei und Verwaltung: "Der Bürgermeister der Stadt Mitrovica wollte zum Beispiel nur mit mir reden. Ich denke, insbesondere in der Gesprächsführung, aber auch der deeskalierende Faktor darf bei Soldatinnen nicht unterschätzt werden."

So sieht das auch ihr höchster militärischer Vorgesetzter, der Generalinspekteur der Bundeswehr Eberhard Zorn: "Besonders im Umgang mit der Zivilbevölkerung in den Einsatzländern sind sie wesentlich für unsere Akzeptanz vor Ort."

Große Vorbehalte bei männlichen Soldaten

Vor zehn Jahren hat das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr 5000 Soldatinnen und Soldaten befragt. Die Studie "Truppenbild ohne Dame" zeigte, dass Frauen von ihren männlichen Kameraden nicht sonderlich geschätzt wurden. So glaubten 52 Prozent der männlichen Soldaten, dass Frauen den körperlich anspruchsvollen Funktionen nicht gewachsen sind und etwa jeder Zweite kommt zu dem Schluss, dass die Integration noch großer Anstrengungen bedarf.

Für die Nachfolgeuntersuchung "Truppenbild mit General (w)", die im Mai 2020 veröffentlicht wurde, haben die Forscher 50 qualitative Interviews geführt. Die Studie sieht weiter eine "Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Dienst" und eine "Unterrepräsentanz von Soldatinnen in Führungspositionen".

Eine strukturelle Diskriminierung von Frauen in der Truppe konnten die Forscher nicht feststellen, sie betonen dafür aber einen anderen Aspekt: "Befürchtungen und Sorgen wurden jedoch dahingehend geäußert, dass Frauen in der Bundeswehr in gewisser Weise bevorzugt werden." Männer äußerten in der Studie beispielsweise die Befürchtung, ungeeignete Frauen kämen durch die gesetzliche Quote in Führungspositionen. Die Studie ist allerdings nicht repräsentativ.

Im aktuellen Wehrbericht steht dagegen: "Nach wie vor müssen Frauen Verhaltensweisen männlicher Kameraden ertragen, die vollkommen unangemessen und teilweise diskriminierend sind."

                                 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Dezember 2020 um 05:20 Uhr.