Geflüchtete aus der Ukraine am Berliner Hauptbahnhof | AFP

Geflüchtete aus der Ukraine Berlin kommt ans Limit

Stand: 16.03.2022 14:41 Uhr

Tausende Kriegsgeflüchtete aus der Ukraine kommen jeden Tag in Berlin an. Notunterkünfte werden errichtet, etwa am früheren Flughafen Tegel. Doch die Stadt ist an ihrer Belastungsgrenze.

Von Jacqueline Piwon, rbb

"Wisst Ihr, welche Städte Familien aufnehmen und wo es noch Plätze gibt?", fragt Marielle Tierney eine Helferin am Welcome Center des Berliner Hauptbahnhofs. Die Antwort: "Nein, das wissen wir auch nicht." Tierney ist enttäuscht. Sie trägt selbst eine Helferweste. Seit zwei Wochen steht sie jeden Tag am Hauptbahnhof, nimmt Geflüchtete am Bahnsteig in Empfang und hilft, wo sie kann.

Eine Familie lebt seit einigen Tagen in ihrer Nachbarschaft, doch das ist nur vorübergehend. "Ich möchte dieser Familie so gern helfen", sagt Tierney. "Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Aber niemand hat hier Antworten."

Marielle Tierney | Jacqueline Piwon

Marielle Tierney hilft Geflüchteten am Berliner Hauptbahnhof. Oft wissen aber auch die freiwilligen Helfer nicht weiter. Bild: Jacqueline Piwon

Unterkünfte sind keine Dauerlösung

Im Minutentakt kommen Menschen an der Willkommenshalle im Hauptbahnhof an. Nicht bei allen Fragen können die Freiwilligen vor Ort helfen. Im Inneren des Welcome Centers wartet Familie Ivshchenko - mit Hund, Kindern und Großeltern. "Berlin ist voll. Es gibt keine freien Plätze", berichten sie.

"Ich denke, wir gehen in den Westen von Deutschland", sagt der Großvater. "Zu Hause ist Krieg, da sterben Kinder." Er ist den Tränen nahe, doch die Familie müsse nach vorn blicken. "Sie sagen, hier könnten wir nur ein, zwei Nächte bleiben. Dann bringen sie uns in eine andere Stadt."

Familie Ivshchenko | rbb-Abendschau

Familie Ivshchenko hofft, bald einen langfristige Unterkunft zu finden. Bild: rbb-Abendschau

Großstädte sind erste Anlaufstelle

Bislang sind nach Angaben des Bundesinnenministeriums rund 175.000 eingereiste Kriegsflüchtlinge registriert. Die Zahl dürfte aber noch deutlich höher liegen. Allein in Berlin kommen nach Angaben des Senats täglich 10.000 Menschen an. Auch in anderen Großstädten wie Hamburg, München oder Hannover treffen täglich Tausende Geflüchtete ein.

Berlin und andere Bundesländer fordern deshalb eine gerechtere Verteilung nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel. Doch bislang ist das noch nicht offizielle Praxis. Bisher sind die großen Städte darauf angewiesen, dass andere Bundesländer freiwillig Kapazitäten melden. Nur dann werden die Geflüchteten mit Bussen in die jeweilige Region geschickt.

Berlin ist kurz vor der Überforderung

Um der Lage Herr zu werden, entstehen in Berlin fast täglich neue Notunterkünfte. 500 Notbetten im stillgelegten Flughafen Tegel waren innerhalb eines Tages voll belegt. "Berlin ist kurz vor der Überforderung", sagte die regierende Bürgermeisterin von Berlin, Franziska Giffey, am Wochenende. Man werde von der Situation überholt.

Der Senat muss handeln und versucht im Eiltempo, Strukturen aufzubauen. Denn nicht nur die Unterkünfte, auch die soziale Versorgung beispielsweise mit Kita-Plätzen, medizinischen Angeboten und Arbeitsplätzen brauchen die Menschen irgendwann.

In Tegel soll deshalb in den kommenden Tagen die Infrastruktur für die Registrierung und Verteilung der Geflüchteten entstehen. Der ehemalige Flughafen soll auf bis zu 7500 Plätze ausgebaut werden, eine Zelt- und Containerstadt auf dem früheren Rollfeld die angespannte Situation am Hauptbahnhof entzerren.

Geplant ist, ab dem kommenden Wochenende von dort aus die weitere Verteilung der Geflüchteten in andere Bundesländer im 24-Stunden Betrieb verbindlich zu regeln. Mehr als 400 Mitarbeiter an über 100 Registrierungsschaltern sollen dann im Ankunftszentrum Tegel die Geflüchteten nach dem Königsteiner Schlüssel verteilen.

Andere Bundesländer sollen mehr unterstützen

"Die wenigen Ressourcen, die wir in Berlin haben, sind ja schnell aufgebraucht, während in anderen Regionen Deutschlands noch kaum ukrainische Geflüchtete angekommen sind", erklärt Sascha Langenbach vom Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten.

Berlin braucht diese Unterstützung dringend. Denn die Massenunterkünfte für die Geflüchteten sind keine Dauerlösung, und die Hauptstadt rechnet mit einem weiteren Anstieg der Flüchtlingszahlen. "Wir hören aus Polen, dass dort die Belastungsgrenze erreicht ist", sagt Sozialsenatorin Katja Kipping. "Das heißt, man muss jeden Tag mit einem sprunghaften Anstieg rechnen."

Oberstes Ziel ist es deshalb, jetzt die Verteilung der Menschen auf die anderen Bundesländer voranzutreiben. Doch bisher kommen noch deutlich mehr Menschen in Berlin an, als weiterverteilt werden.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 16. März 2022 um 05:30 Uhr.