Papst Benedikt XVI. | dpa

Missbrauchsgutachten Benedikt XVI. weist Vorwürfe zurück

Stand: 08.02.2022 16:19 Uhr

Bei einer vorherigen Stellungnahme habe er einen Fehler gemacht, so der emeritierte Papst Benedikt XVI. Dennoch sei er an keiner Vertuschung beteiligt gewesen. Den Opfern gegenüber drückte er seine "tiefe Scham" aus.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirchen um Verzeihung gebeten - konkrete Vertuschungsvorwürfe gegen sich aber entschieden zurückgewiesen. "Ich habe in der katholischen Kirche große Verantwortung getragen. Umso größer ist mein Schmerz über die Vergehen und Fehler, die in meinen Amtszeiten und an den betreffenden Orten geschehen sind", schrieb er in einer Stellungnahme, die der Vatikan veröffentlichte.

Er wolle seine "tiefe Scham", seinen "großen Schmerz" und seine "aufrichtige Bitte um Entschuldigung gegenüber allen Opfern sexuellen Missbrauchs zum Ausdruck bringen", heißt es in dem Schreiben weiter.

Betroffene: "Können es nicht mehr hören"

Die Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch" wies die Entschuldigung Benedikts zurück. "Schmerz und Scham - Betroffene können es nicht mehr hören", hieß es in einer Pressemitteilung. Diese "Art von Entschuldigungen" dienten "am Ende nur dazu, den Opfern die Verantwortung aufzuhalsen, wenn sie diese Art von Betroffenheitsbekundungen nicht angemessen zu würdigen vermögen", so der "Eckige Tisch". Niemand übernehme konkret Verantwortung.

"Joseph Ratzinger bringt es nicht über sich, einfach festzustellen, es tue ihm leid, nicht mehr zum Schutz der seiner Kirche anvertrauten Kinder getan zu haben. Das wäre ein ehrlicher Satz", hieß es weiter. Auch nach zwölf Jahren wolle die Kirche in Deutschland die Kontrolle über die Aufarbeitung nicht aus der Hand geben. Dabei gebe es bis heute "keine Anlaufstelle, kein Opfergenesungswerk, keine angemessenen Entschädigungen", so die Initiative.

"Keine Beweise für Fehlverhalten"

Benedikt, der frühere Kardinal Joseph Ratzinger, steht seit Wochen heftig in der Kritik, weil ihm ein Gutachten zu Missbrauchsfällen im Erzbistum München und Freising Fehlverhalten in vier Fällen vorwirft. Die Gutachter der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) gehen davon aus, dass Ratzinger in seiner Zeit als Münchner Erzbischof Priester, die Kinder missbraucht hatten, wieder in der Seelsorge einsetzte.

Diese Vorwürfe werden nun in einem "Faktencheck" von Ratzingers Anwälten und Beratern kategorisch abgestritten. "Das Gutachten enthält keinen Beweis für einen Vorwurf des Fehlverhaltens oder der Mithilfe bei einer Vertuschung", heißt es darin. "Als Erzbischof war Kardinal Ratzinger nicht an einer Vertuschung von Missbrauchstaten beteiligt."

Falschangabe ein Missverständnis?

Benedikt äußerte sich auch selbst zu Vorwürfen, er habe über seine Teilnahme an einer Sitzung gelogen, in der es um die Versetzung eines Priesters von Nordrhein-Westfalen nach Bayern ging. Dieser Priester soll später in zwei oberbayerischen Gemeinden wieder mehrere Kinder missbraucht haben. Die falsche Angabe, er sei bei der fraglichen Sitzung nicht dabei gewesen, beruhe auf einem Missverständnis. Das habe sich beim Verfassen der Stellungnahme zu dem Gutachten ergeben, bei dem "eine kleine Gruppe von Freunden" ihm geholfen habe.

"Bei der Riesenarbeit jener Tage - der Erarbeitung der Stellungnahme - ist ein Versehen erfolgt, was die Frage meiner Teilnahme an der Ordinariatssitzung vom 15. Januar 1980 betrifft." Der Fehler sei "nicht beabsichtigt" gewesen - und "so hoffe ich, auch entschuldbar", schreibt Benedikt. "Dass das Versehen ausgenutzt wurde, um an meiner Wahrhaftigkeit zu zweifeln, ja, mich als Lügner darzustellen, hat mich tief getroffen."

Die Teilnahme an der Sitzung belege nicht, dass er von früheren Missbrauchstaten des Priesters aus Essen gewusst habe, betonen Ratzingers Anwälte. Die Akten zeigten, "dass in der fraglichen Sitzung nicht thematisiert wurde, dass der Priester sexuellen Missbrauch begangen hat", schreiben sie.

Gutachten: Mindestens 497 Opfer sexuellen Missbrauchs

In seinem Brief bittet Ratzinger die Gläubigen, für ihn zu beten: "Immer mehr verstehe ich die Abscheu und die Angst, die Christus auf dem Ölberg überfielen, als er all das Schreckliche sah, das er nun von innen her überwinden sollte", schreibt er. "Dass gleichzeitig die Jünger schlafen konnten, ist leider die Situation, die auch heute wieder von neuem besteht und in der auch ich mich angesprochen fühle."

Laut dem am 20. Januar vorgestellten Gutachten wurden mindestens 497 Kinder und Jugendliche zwischen 1945 und 2019 in dem katholischen Bistum von Priestern, Diakonen oder anderen Mitarbeitern der Kirche sexuell missbraucht. Mindestens 235 mutmaßliche Täter gab es demnach - darunter 173 Priester und neun Diakone. Allerdings sei dies nur das "Hellfeld" - es sei von einer viel größeren Dunkelziffer auszugehen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. Februar 2022 um 14:00 Uhr sowie Inforadio um 13:20 Uhr.