Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm | pa/dpa

Bedford-Strohm Der politische Fromme

Stand: 07.11.2021 05:05 Uhr

Für ihn war immer klar: Die Kirche hat der Politik etwas zu sagen - und sollte es auch tun. Nun gibt Bedford-Strohm sein Amt als EKD-Ratsvorsitzender ab. Wie stark hat er die Kirche geprägt?

Von Tilmann Kleinjung, BR

An dem bayerischen Landesbischof führte damals kein Weg vorbei: 2015 wurde Heinrich Bedford-Strohm mit 124 von 125 Stimmen zum neuen Ratsvorsitzenden gewählt. Nach dem überraschenden Rücktritt von Nikolaus Schneider hatte er dieses Amt bereits ein Jahr zuvor übergangsweise übernommen. Sieben Jahre später wird nun auf der EKD-Synode, die heute beginnt, sein Nachfolger gesucht.

Tilmann Kleinjung

Es waren keine ruhigen Zeiten als Bedford-Strohm das Amt antrat. Von einem "Riesenrückenwind in den auch schwierigen Themen", sprach Bedford-Strohm nach der Wahl. 2015 kamen Hunderttausende Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien in Deutschland an. Der Münchner Hauptbahnhof liegt nur ein paar hundert Meter vom Amtssitz des bayerischen Landesbischofs entfernt.

Bedford-Strohm erlebte eine Welle der Hilfsbereitschaft. Im Rückblick sprechen heute viele vor allem von der "Flüchtlingskrise". Die politische Rechte gar von einer angeblichen "unkontrollierten Masseneinwanderung". Bedford-Strohm sieht das anders. Natürlich könne man sagen, es sei alles sehr euphorisch gewesen. "Aber ist das wirklich unser Problem, dass wir zu euphorisch Menschen mit Liebe begegnen?" Es sei stolz darauf, dass Deutschland in diesen Tagen so reagiert habe, dass die Menschen aus ihren Häusern gekommen seien.

Um Hilfsbereitschaft geht es auch bei einem anderen Projekt, das sich Bedford-Strohm zu eigen machte. Mithilfe der Evangelischen Kirche wurde ein zusätzliches Rettungsschiff ins Mittelmeer geschickt, um etwas gegen das Sterben von Bootsflüchtlingen zu unternehmen. Gegen das Vorhaben gab es Widerstände innerhalb und außerhalb der Kirche.

Heinrich Bedford-Strohm (EKD) steht an einem Schlauchboot auf dem Rettungsschiff Sea-Watch 4.  | picture alliance/dpa

Heinrich Bedford-Strohm vor einem Schlauchboot auf dem Rettungsschiff Sea-Watch 4: " Wer fromm ist, muss politisch sein." Bild: picture alliance/dpa

Nicht ohne Kritik

Zum Beispiel von Ulrich Körtner, Professor für Evangelische Theologie an der Universität Wien. "Die EKD hat mit ihrer Bootspolitik für eine bestimmte Linie eine Schneise geschlagen", kritisiert er und spricht von einem Dilemma, "dass man, auch wenn man es direkt keinesfalls will, mittelbar wieder das Geschäft von Schleppern fördert."

Bedford-Strohm hält dagegen: "Die Alternative, wenn man nicht rettet, ist, dass Menschen ertrinken." Es könne nicht sein, dass aus Abschreckungsgründen die Rettung von Menschenleben verhindert werde.

Eine Kirche, die sich in der Welt engagiert. Das passt zu Bedford-Strohm. Als Professor für systematische Theologie an der Universität Bamberg war sein Spezialgebiet, seine Leidenschaft, die Öffentliche Theologie. Sein Credo: "Wer fromm ist, muss politisch sein." Und deshalb habe die Kirche der Politik auch was zu sagen.

"Wenn Menschen einfach sagen, wir machen so weiter, wir leben auf Kosten der nächsten Generation oder auf Kosten der Menschen in anderen Erdteilen: meinetwegen. Wenn Politiker das sagen, dann brauchen sie unseren kritischen Einspruch."

Eigener Akzent

2017 feierte die Evangelische Kirche in Deutschland 500 Jahre Reformation. Als Bedford-Strohm zum Ratsvorsitzenden gewählt wurde, waren die Planungen für dieses Jubiläum schon weit gediehen und dennoch ist es ihm gelungen, im Festjahr einen eigenen Akzent zu setzen.

2017 wurden keine konfessionellen Grenzen neu gezogen, die katholisch-evangelische Ökumene bekam gegen jede Erwartung einen neuen Schub, sagt die langjährige Präses der EKD-Synode Irmgard Schwaetzer: "Das ist wirklich ein ganz großes Verdienst, das er sich zuschreiben kann: Vertrauen geweckt zu haben und dann natürlich durch seine sehr enge Zusammenarbeit mit Kardinal Marx eine Grundlage für dauerhafte Zusammenarbeit gelegt zu haben."

Missbrauchsbetroffene melden sich

Die Vergangenheit der Kirche holt aber auch Bedford-Strohm ein. Nicht nur bei der katholischen Kirche, auch bei der evangelischen Kirche meldeten sich Betroffene von Missbrauch. Die EKD stellte sich erstmals systematisch diesem Skandal. Mit dem Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm beschloss sie Präventionsmaßnahmen, richtete eine Anlaufstelle ein, gab eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag.

Doch es gibt immer wieder Spannungen. Betroffene werfen der EKD vor, ihre Missbrauchsgeschichte nur halbherzig aufzuarbeiten. Opfer würden nicht angemessen entschädigt, Täter nicht konsequent belangt. Gründlichkeit müsse vor Schnelligkeit gehen, rechtfertigt sich Bedford-Strohm. "Jedenfalls verbergen wir nichts. Wir wollen, ich auch persönlich möchte, dass alles, was da war, auf den Tisch kommt. Und da gibt es überhaupt keine Grenzen außer der rechtlichen Grenze, die man wahren muss."

Heinrich Bedford-Strohm wird bei einem Gottesdienst gefilmt. (Archivbild: 10.04.2020) | picture alliance/dpa

Gottesdienst in der fast menschenleeren St. Matthäuskirche: Die Corona-Pandemie stellte auch die Kirche vor Herausforderungen. Bild: picture alliance/dpa

Der "Facebook-Bischof"

Im Frühjahr 2020 stellte schließlich die Corona-Pandemie auch die Kirche vor Herausforderungen. Das öffentliche und kirchliche Leben stand weitgehend still. Gemeindegottesdienste waren verboten. Der Bischof wurde zum Influencer und verschickte in der Hochphase der Corona-Krise jeden Tag eine Video-Botschaft über die sozialen Medien.

Schon bei seiner Wahl bekam Bedford-Strohm das Attribut "Facebook-Bischof" verpasst. Er sieht in den sozialen Medien eine Chance für seine Kirche. "Ich lebe nicht aus der Angst, ich lebe wirklich aus dem Vertrauen, weil ich auf Gott vertraue, auf Christus vertraue, der stärker ist, als alles, was uns runterziehen kann oder alles, was die Zukunft verdunkeln kann." In den Chor derjenigen, die den Niedergang der Kirche beklagen, wird Bedford-Strohm nie einstimmen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 07. November 2021 um 07:47 Uhr.