"Bitte tragen Sie eine FFP2-Maske" steht an einem Geschäft in der Innenstadt von Pfarrkirchen im bayerischen Landkreis Rottal-Inn.  | picture alliance/dpa
Reportage

Leben im Hochinzidenzgebiet "Wir werden zu kämpfen haben"

Stand: 16.11.2021 11:41 Uhr

Warteschlangen vor Impfzentren, härtere Kontrollen und Ärzte, die Patienten abweisen müssen. Die vierte Corona-Welle trifft die Menschen in den bayerischen Hochinzidenzgebieten mit aller Wucht.

Von Sarah Beham und Christina Schmitt, BR

Chefarzt Michael Mandl, weißer Kittel, FFP2-Maske, wirkt müde. Neongelbe Warnschilder mit dem Aufdruck "STOPP" zeigen: Hinter ihm beginnt die Corona-Station. Vor zwei Wochen wurden im Deggendorfer Klinikum 27 Corona-Patienten behandelt, nun sind es 40. Mehr als ein Drittel davon liegt auf der Intensivstation. Die Kapazitäten sind damit fast erschöpft.

Mandls Tonfall ändert sich, als er vom verbitterten und überlasteten Personal erzählt: "Weil sie nicht sehen, dass man alles unternommen hat, die Situation abzuwenden, in die wir jetzt reinlaufen." Während Mandl von Kündigungen und Krankmeldungen spricht, öffnen sich hinter ihm immer wieder die Türen zur Corona-Station, Schwestern eilen hinein. Die, die noch da sind, haben wegen des Personalmangels noch mehr zu tun als vergangenes Jahr.

Klinikum Deggendorf | BR

Klinikum Deggendorf: Hoffen auf die Impfbereitschaft der Ungeimpften. Bild: BR

Katastrophenfall in Bayern

Vor Kurzem mussten im Deggendorfer Klinikum zwei Patienten mit Hirnblutungen abgewiesen werden. Die Kapazitäten reichten nicht mehr aus.

Der Deggendorfer Landrat, Christian Bernreiter, ist daher froh, dass der Katastrophenfall in Bayern ausgerufen wurde. Dadurch könne zusätzliches Personal angefordert werden. Das ist notwendig. Denn für Bernreiter verdeutlicht der Fall der abgewiesenen Patienten die dramatische Situation in seinem Landkreis mit einer Inzidenz von mehr als 900: "Wir haben Ungeimpfte auf Intensivstationen, gleichzeitig können wir dringend Erkrankte nicht behandeln."

"Lockdown" für Ungeimpfte?

Bayern hat deswegen die Regeln verschärft. In Restaurants, Hotels, Kinos, Theatern und bei Veranstaltungen gilt die 2G-Regel, Zutritt gibt es nur für Geimpfte oder Genesene. In Diskos und Clubs gilt 2G plus - ein zusätzlicher Schnelltest wird also verlangt.

"Ich gehe fest davon aus, dass wir Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte machen müssen", kündigt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder an. Von der Opposition wird er kritisiert - die Regeln seien zwar richtig, kämen aber zu spät.

Rottal-Inn sucht nach Erklärungen

Im Landkreis Rottal-Inn spielen wohl nicht nur zu lasche Corona-Regeln eine Rolle bei der hohen Inzidenz: Der Landkreis hat als erster in Deutschland die 1000er-Marke bei der Sieben-Tage-Inzidenz überschritten und gehörte bereits im Frühjahr 2020 zu den am stärksten betroffenen Regionen. Nun fragen sich viele: Warum jetzt wieder?

Ein offensichtlicher Grund für die vielen Neuinfektionen ist die Impfquote: Diese liegt im Landkreis bei rund 53 Prozent und damit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Ein weiterer Erklärungsversuch ist weniger offensichtlich, wabert eher als Gerücht über den Pfarrkirchener Stadtplatz: Manche Bürger könnten getrickst haben.

Tricksereien bei Impfnachweisen?

"Ich sehe Leute, die kommen in die Gastronomie, die schneiden sich den letzten Test zurecht, schneiden den Namen weg, schneiden das Datum weg und sagen dann zum Wirt: Das große Format hätte nicht in den Geldbeutel gepasst", sagt der stellvertretende Landrat Kurt Vallée. Er ist aufgebracht, während er von Tricksereien mit Test- und Impfnachweisen erzählt, die er gesehen haben will.

Das soll künftig nicht mehr möglich sein: Wegen der neuen 2G-Regel hat der bayerische Innenminister Joachim Herrmann verstärkte Polizeikontrollen angekündigt, unterstützt durch die Bereitschaftspolizei.

Mehr Information oder mehr Kontrolle?

In Pfarrkirchen im Landkreis Rottal-Inn aber will man zunächst informieren, statt kontrollieren. Die Wirte sollten ihre Gäste besser auf die Regeln hinweisen. "Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Verstöße zu ahnden, sondern dass die Leute sich an die Regeln halten und die Zahlen runtergehen", so Erich Scherbaum von der Polizei Pfarrkirchen.

Im Nachbarlandkreis Deggendorf will Bar-Besitzer Raoul Henghuber, dass regelmäßiger kontrolliert wird. Seit der Corona-Pandemie war die Polizei kein einziges Mal in seinem Lokal. Henghuber kontrolliert selbst am Eingang: Wer rein will, muss Ausweis und Impfzertifikat bereithalten. Wie er sagt, finden seine Gäste das gut, "das haben sie bislang in anderen Kneipen eher selten erlebt".

Warteschlangen vor Apotheken und Impfzentren

Das Impfzertifikat wird in Bayern mit 2G zur Eintrittskarte ins öffentliche Leben. Das hat lange Warteschlangen im Landkreis Deggendorf zur Folge, wie vor der Marienapotheke am Deggendorfer Stadtplatz. Eine Frau verlangt nach ihrem digitalen Impfnachweis, eine andere will Selbsttests kaufen. Auch außerhalb des Stadtzentrum stehen die Menschen Schlange.

Der Grund: Die Impfzentren wurden in Bayern reaktiviert. "Diese Woche sind wir restlos ausgebucht, Anfang der nächsten Woche auch schon", sagt eine Sprecherin des Landratsamts. Die Leute fragen vor allem nach Auffrischungsimpfungen.

In Kliniken wie in Deggendorf hofft man auf die Impfbereitschaft der bislang Ungeimpften. Der Deggendorfer Chefarzt Mandl ist sich aber sicher: "Wir werden - ganz egal welche Maßnahmen wir machen - in den nächsten Wochen zu kämpfen haben." Und dann muss er los, es gibt viel zu tun, die Lage ist eben dramatisch.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 16. November 2021 um 11:00 Uhr.