Aktivisten stehen im Wasser und halten Schilder mit der Aufschrift "#IchBinArmutsbetroffen". | OneWorryLess Foundation / Alexandra Pfeifer

#ichbinarmutsbetroffen Wie ein Hashtag Armut sichtbarer macht

Stand: 30.10.2022 08:54 Uhr

#ichbinarmutsbetroffen gibt Menschen, die nicht genug Geld zum Leben haben, eine Stimme. Für Experten ist es ein Zeichen, wie sehr sich die Situation verschärft hat. Aber was kann ein Hashtag bewirken?

Von Sophia Stritzel, NDR

Susanne Hansen sitzt im Frühjahr 2022 vor ihrem Computer und hat Angst. Angst davor, dass es Nachteile für ihre Familie haben könnte, wenn sie öffentlich von ihrem Leben erzählt - einem Leben in Armut. Denn sie schämt sich und sie kennt die Vorurteile: Arme seien faul, hätten es sich in der "sozialen Hängematte" bequem gemacht. Doch dann schreibt sie, über ihre Trennung, ihre zwei kranken Kinder und darüber, wie die Familie in Hartz IV rutschte. Ihre Geschichte ist eine von Hunderttausenden, erzählt auf Twitter unter dem Hashtag ichbinarmutsbetroffen.

Nutzer berichten, wie sie neidvoll auf gefüllte Teller in Restaurants blicken, wie sie aus Geldnot geliebte Gegenstände verkaufen müssen, sich am Monatsende kein Essen mehr leisten können und von der Sorge vor der nächsten Stromrechnung. Beispiele, die zeigen, was es heißt, arm zu sein, in einem reichen Land wie Deutschland.

Ein Forschungsgebiet von Holger Schoneville, Juniorprofessor für Sozialpädagogik an der Universität Hamburg. Gemeinsam mit Studierenden untersucht er die Tweets zur Armut. Sie passten gut in eine Zeit, in der Energie und Lebensmittel immer teurer würden: "Wir haben viele Statistiken, zum Beispiel über Einkommen und Wohnverhältnisse armer Menschen. Doch nun geben sie einen Einblick in ihr subjektives Empfinden. Was heißt es, alltäglich damit zu leben? Das interessiert uns sehr."

Die Winterschuhe dürfen nicht kaputtgehen

In Hansens Garten im Hamburger Umland muss der Brokkoli bald geerntet werden. "Noch vor dem ersten Frost", betont die 54-Jährige. Sie versucht so viel wie möglich selbst anzubauen. Obst und Gemüse aus dem Supermarkt sind für sie zu teuer. 102 Euro pro Woche haben sie und ihr 15 Jahre alter Sohn zum Leben. Die Tochter wohnt gerade nicht bei ihr. "Arm sein heißt, die ganze Zeit zu rechnen und Angst zu haben, dass etwas kaputt geht. Zum Beispiel die Schuhe meines Sohnes. Er hat nur ein paar Winterschuhe und wenn die kaputt gehen, haben wir ein Problem."

Als armutsgefährdet gilt in Deutschland, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zum Leben hat. Für eine alleinlebende Person liegt diese Armutsgrenze bei rund 1251 Euro netto im Monat. Knapp 16 Prozent der Bevölkerung galt im vergangenen Jahr als armutsgefährdet. Ein Anstieg: 2000 waren es 11,7 Prozent.

"Wir haben eine Verschärfung von Armut und eine Verfestigung. Diejenigen, die unter den Bedingungen von Armut leben, kommen seltener raus", so Holger Schoneville.

"Versteckt und kleingemacht"

Als Hansen vor mehr als drei Jahren arm wurde, zog sie sich aus der Gesellschaft zurück. "Der Prozess geht ganz schnell", erklärt die Autorin und Journalistin. Einladungen von Freunden habe sie meist abgesagt, sich fadenscheinige Krankheiten ausgedacht. Denn Geld, um beispielsweise ein Geschenk zu kaufen, hat sie nicht. "Ich habe mich versteckt und kleingemacht, weil ich nicht mithalten konnte."

Aus einem selbstbewussten Menschen werde so schnell einer voller Zweifel und Ängsten. Mit #ichbinarmutsbetroffen kam dann der Wandel. Der Austausch mit Anderen habe sie erkennen lassen: "Ich bin nicht alleine", schildert Hansen. "Ich war plötzlich Teil einer Gruppe und zwar gleichberechtigt: Ich stand nicht unter den Anderen, weil ich mir nichts leisten kann, sondern war mittendrin."

In der Gesellschaft verändere sich der Blick auf die Armut, so Schoneville: "Vor einigen Jahren hatten wir noch eine Debatte, dass es bei uns Armut eigentlich nicht wirklich gibt. Heute könnte man nicht mehr sagen, dass Arme faul sind. Wir leben in einer Zeit, in der wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass Armut gesellschaftlich gemacht ist."

Immer noch Vorurteile

Beispiel Corona-Pandemie: Wer dadurch arm geworden sei, dem würde kaum jemand unterstellen, dass Faulheit die Ursache sei. Mittlerweile protestiert Hansen auch auf der Straße. Denn die digitalen Geschichten sollen zu einer Bewegung werden. Doch der Zulauf ist gering - zuletzt kamen beispielsweise in Berlin deutlich weniger Menschen als erwartet. Ein Zeichen, dass #ichbinarmutsbetroffen an Schwung verliert?

Nein, findet Hansen, man stünde erst am Anfang und man werde wachsen: "Da ist noch ganz viel Arbeit, die wir leisten müssen. Wir werden von vielen noch nicht ernst genommen, aber wir werden ernster genommen und wir werden stärker gesehen - und das ist total wichtig."

Denn auch wenn sie nun selbstbewusst mit ihrer Armut umgehen kann: Vorurteile begegnen ihr noch immer. Und nach wie vor werde zu häufig über und zu selten mit Armen oder armutgefährdeten Menschen gesprochen. Gesellschaft und Staat müssten ihnen mehr zutrauen, mit ihnen auf Augenhöhe kommunizieren.

Und es brauche finanzielle Sicherheit - Hartz IV und auch das geplante Bürgergeld, reichten zum Leben nicht aus. Doch das brauche sie bald nicht mehr, hofft Hansen. Der Hashtag ichbinarmutsbetroffen hat ihr neue Kraft gegeben. Sie will sich im kommenden Frühjahr als Autorin selbständig machen und so endlich aus der Armut rauszukommen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Oktober 2022 um 14:11 Uhr.