Jana Pfenning und Rita Maglio, Gründerinnen der Initiative "Better Birth Control". | Thilo Kunz

Antibabypille Verhütung wie vor 60 Jahren

Stand: 01.06.2021 13:56 Uhr

Die erste Antibabypille vor 60 Jahren in Deutschland änderte vieles. Doch die gesundheitlichen Risiken sind seitdem kaum gesunken - und die Forschung nach der Pille für den Mann komme kaum voran, klagen Expertinnen.

Von André Kartschall, rbb

Als vor 60 Jahren in Deutschland die erste Antibabypille namens "Anovlar" auf den Markt kam, änderte sie vieles. Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung, das waren fortan endgültig zwei Sachen, die - wenn gewünscht - nichts mehr miteinander zu tun haben mussten. In der Rückschau auf die 1960er-Jahre wird immer wieder betont, was das Medikament für viele Frauen - und Männer - bedeutete: nämlich, dass die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft einfach verschwand. Sex wurde freier, und somit die Menschen im Land ein Stück weit auch.

Andre Kartschall

Gesucht: Eine bessere Pille

60 Jahre später fällt die Bewertung zur "Pille" nicht mehr uneingeschränkt positiv aus. Zum Jubiläumsjahr melden sich auch vermehrt Stimmen, die vieles an der Verhütungsmethode an sich kritisch sehen - zum Beispiel die Risiken. Jana Pfenning und Rita Maglio sind zwei junge Frauen mit einer Mission: Sie wollen eine Alternative zur klassischen Pille. Deshalb haben sie die Initiative "Better Birth Control" gegründet.

Pfenning sagt, die Pille sei an sich eine gute Sache, doch die Risiken seien eigentlich zu hoch. Die neueste Generation der Pille biete keinen entscheidenden Vorteil gegenüber der vor 60 oder 30 Jahren: "Die Nebenwirkungen wie das Thromboserisiko sind teilweise stärker geworden."

Nebenwirkungen unvermindert hoch

Pfenning und Maglio haben viele Unterstützer. Andrea Galle, Vorstandsmitglied der Krankenkasse BKK VBU, ist eine davon. Auch sie kritisiert, dass die Risiken der Pille kaum gesunken seien: "Wir sind mittlerweile bei den Präparaten der dritten Generation. Da sind manche Nebenwirkungen weggefallen, aber eben auch neue dazugekommen."

Was sie noch mehr ärgert: Dass dieser Umstand anscheinend kaum jemanden stört. Die Nebenwirkungen der Pille würden von der Branche einfach hingenommen. Und geforscht werde viel zu wenig: "Aktuell sehen wir keine neue Pillengeneration auf den Markt kommen, die die Nebenwirkungen vermindert." Für Galle liegt das auch daran, dass in Pharmaunternehmen Männer deutlich häufiger das Sagen haben als Frauen: "In den Führungspositionen sitzen vor allem Männer. Da fehlt der weibliche Blick."

Frauen tragen Hauptlast

Unterm Strich sehe das Ergebnis so aus, dass Frauen einen Großteil der Verantwortung bei der Verhütung tragen. Und meistens auch die Kosten. Denn erstattet wird die Pille nur bis zum 22. Lebensjahr - noch so ein Punkt, der ungerecht sei. Doch vor allem geht es Galle darum, dass die Risiken für die Frauen gesenkt würden.

Eine mögliche Alternative: Die "Pille für den Mann". Sie ist seit Jahren immer mal wieder im Gespräch. Doch bis heute gibt es sie nicht auf dem Markt. 2011 wurde eine Studie abgebrochen, weil teilnehmende Männer über Nebenwirkungen klagten. Probleme, mit denen Frauen, die die Pille nehmen, im Alltag auch zu kämpfen haben. "Zehn Prozent der Männer hatten Nebenwirkungen, Depressionen, verminderte Libido, Stimmungsschwankungen. Das ist vergleichbar mit denen der Frauen bei der Pille." Das Ergebnis: Die Forschung wurde weitgehend eingestellt - wie auch bei Verbesserungen der Pille für die Frau.

Genau das wollen Pfenning, Maglio und Galle ändern. Sie fordern Studien, die sich insbesondere mit der Reduzierung von Risiken befassen. "Es ist vor allem wichtig, viel Geld in die Forschung zu investieren. Ich denke, dass es mit staatlicher Förderung schneller geht", sagt Pfenning.

Wie kann die Pille besser werden?

Das Jubiläum der Pille ist für sie eher Anlass darauf hinzuweisen, was noch verbessert werden könnte. Sexuelle Freiheit ist längst Normalität geworden. Die Frage sei nun vielmehr: Wie macht man sie sicherer und besser? "Wir haben den Farbfernseher erfunden, jeder trägt inzwischen einen kleinen Taschencomputer mit sich herum, und wir sind schon auf dem Mars gelandet. Bei der Pille hat sich hingegen wenig getan. Wir verhüten immer noch wie vor 60 Jahren." Das sei ein Skandal.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. Juni 2021 um 10:30 Uhr.