Nur zwei Stühle stehen im ehemaligen Wohnzimmer des von der Flut zerstörten Hauses in Ahrweiler. | dpa

Ahrtal nach der Flut Irgendwie durch den Winter kommen

Stand: 06.11.2021 04:16 Uhr

Es wird Winter - auch im zerstörten Ahrtal. Vier Monate nach der Flut funktionieren viele Heizungen längst nicht wieder und neue sind kaum zu bekommen. Auch Geld für Heizöl fehlt vielen Haushalten.

Von Christian Kretschmer, SWR

Nachts sind es jetzt im November nur wenige Grad über null. Dass der Winter immer näher rückt, spüren die Menschen in Ahrbrück deutlich. Der kleine Ort in Rheinland-Pfalz wurde wie so viele andere im Ahrtal durch das Hochwasser im Sommer zerstört. Die, die nicht in Ausweichquartieren untergebracht sind, überwintern in den Etagen, die noch einigermaßen heil geblieben sind.

Christian Kretschmer

So macht es auch Walter Radermacher, Bürgermeister der Gemeinde. In seinem Haus rattern Heizlüfter. Solche Notlösungen seien bei einigen im Ort nötig, erzählt er. Bei anderen würden derzeit gespendete Klimaanlagen mit Heizfunktion eingebaut. "Wir versuchen, die Leute irgendwie durch den Winter zu kriegen", sagt Radermacher.

Die Versorgung mit Wärme ist derzeit die drängendste Aufgabe im Katastrophengebiet, knapp vier Monate nach der Flut. Nachdem anfangs noch jede helfende Hand gebraucht wurde, stellt sich die Situation im Ahrtal inzwischen etwas anders dar. Die Schuttberge auf den Straßen sind größtenteils verschwunden, viele der zerstörten Häuser entkernt. Nun schlägt die Stunde der Fachkräfte: "Wir brauchen Heizungsbauer, Elektriker, Putzer, Estrichleger", zählt Bürgermeister Radermacher auf. "Alle Handwerker sind derzeit am Limit." Und den passenden Handwerker zu finden, war bereits vor der Flutkatastrophe alles andere als einfach.

Walter Radermacher | Walter Radermacher

"Wir versuchen, die Leute irgendwie durch den Winter zu kriegen", sagt Radermacher. Bild: Walter Radermacher

Heizungsbauer Wolfgang Worms fährt, obwohl er mehr als genug anderes zu tun hätte, jede Woche ins Flutgebiet. Dort koordiniert er ehrenamtlich um die 100 Kollegen, die derzeit im Akkord neue Heizungen einbauen. Doch die Nachfrage ist viel höher als das, was derzeit auf dem Markt verfügbar ist. Wegen der globalen Lieferengpässe fehlt es vor allem an Teilkomponenten, etwa Mikrochips für die Steuerung einer Heizung oder auch ganz banale Dinge wie Kabel. "Bis Dezember kann stückweise wieder etwas geliefert werden", sagt Heizungsbauer Worms. "Das große Loch dürfte aber erst im Februar wieder gestopft sein."

Es fehlt vor allem Geld

Doch das allein sei nicht alles: "Was am dringendsten fehlt, ist Geld", sagt er. "Ich höre von Menschen, die haben ihre Heizung wieder in Betrieb genommen, aber ihnen fehlt das Geld, um das Heizöl dafür zu bezahlen." Worms fordert, dass die insgesamt 30 Milliarden Euro an staatlicher Wiederaufbauhilfe schneller ausgezahlt werden.

In Rheinland-Pfalz wurden nach Angaben des Landesfinanzministeriums bislang 1730 Anträge auf Hausratsentschädigung bewilligt. Dafür werden Fixsummen ausgezahlt: Bei einem Ein-Personen-Haushalt sind es beispielsweise maximal 13.000 Euro. Für den Wiederaufbau von Gebäuden ist dagegen noch kein Geld geflossen. "Die Bearbeitung ist bei den Gebäudeschäden aufwendiger, da hier der Prüfaufwand höher ist und Unterlagen einzureichen sind. Anders als bei den Aufbauhilfen für Hausrat werden hier keine Pauschalen ausgezahlt", heißt es vom Finanzministerium.

Wolfgang Worms steht im Keller vor einem Heizkessel. | SWR

Heizungsbauer Worms: "Neue Heizungen können schon mal 30.000 Euro kosten." Bild: SWR

Doch das Geld wird vor Ort dringend benötigt, gerade auch für neue Heizungen. "Die können schon mal 30.000 Euro kosten", sagt Heizungsbauer Worms. Wie viele Heizungen insgesamt noch defekt sind, lässt sich schwer beziffern. Der Dachverband, in dem auch der Betrieb von Worms organisiert ist, geht in einer Hochrechnung davon aus, dass bei rund 20.000 Haushalten die Heizung noch nicht repariert oder ersetzt wurde.

Wie viele davon noch auf Notlösungen warten, darüber versucht sich die Energieagentur Rheinland-Pfalz einen Überblick zu verschaffen. Dafür werden seit Ende September gezielt Betroffene kontaktiert, die in einer ersten Erhebung der Agentur angegeben hatten, dass ihre Heizung komplett zerstört wurde oder dass sie eine Notlösung brauchen. Aus dieser Telefon-Befragung von 585 Haushalten geht hervor, dass 110 Haushalte zum Befragungszeitpunkt noch immer keine Heizmöglichkeit gehabt haben.

Um Lösungen für diese Menschen kümmert sich Paul Ngahan von der Energieagentur. Dafür reist er durch das Obere Ahrtal, fährt dort die betroffenen Ortschaften ab und organisiert Provisorien. "In Müsch haben wir zum Beispiel ein kleines Nahwärmenetz auf Öl-Basis für mehrere Gebäude eingerichtet", erzählt er. In anderen Gemeinden, wie Marienthal, plane man bereits für nächstes Jahr ein langfristiges Heizsystem. Dort soll ein nachhaltiges Dorfwärme-Netz entstehen, auf Basis von Solarthermie und Holzpellets. Andernorts setze man noch auf schnelle Hilfe, etwa auf Elektroheizstationen, also eine Art Notaggregat um mit Strom zu heizen.

Die tödliche Sturzflut im Ahrtal hat auch Hunderte historische Fachwerkhäuser beschädigt oder zerstört. | dpa

Die tödliche Flut im Ahrtal hat auch Hunderte historische Fachwerkhäuser beschädigt oder zerstört. Bild: dpa

Bautrockner laufen rund um die Uhr

Das Heizen mit Strom hat jedoch seine Tücken. Denn sehr viele Menschen trocknen ihre noch immer feuchten Häuser mit Bautrocknern, die beinahe rund um die Uhr laufen. Allein das verbraucht viel Energie. Bei zusätzlichem Strombedarf wegen der Elektroheizungen könnten die Netze zusammenbrechen. Die Energieagentur rät deswegen, sich mit dem jeweiligen Energieversorger in Verbindung zu setzen, bevor man im Flutgebiet eine Elektroheizung in Betrieb nimmt. 

Die "Hauptschlagader" funktioniert wieder

Deutliche Fortschritte macht die Instandsetzung von anderer Infrastruktur. So ist etwa seit vergangener Woche das Leitungsnetz für Trinkwasser im Ahrtal wiederhergestellt. Auch die Gas-Hochdruckleitung des Energieversorgers EVM funktioniert wieder - laut Landesregierung die "Hauptschlagader" der Erdgas-Versorgung in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Die Flut hatte das Erdgas-Versorgungnetz im Stadtgebiet zerstört. Mittlerweile sind nach Unternehmensangaben rund 85 Prozent der betroffenen Haushalte wieder ans Netz der EVM angeschlossen. In der Altstadt von Ahrweiler sei das allerdings eine Herausforderung. "Steine und Geröll sind dort in die Rohre eingedrungen und haben sie von innen beschädigt", sagt ein Unternehmenssprecher. Derzeit müssten noch einige undichte Stellen aufgespürt werden. Bis Ende November sollen laut EVM dann auch die restlichen Haushalte wieder versorgt werden. 

Das bedeutet allerdings nicht, dass auch dann in jedem Haushalt wieder geheizt werden kann - das hängt davon ab, ob die jeweilige Heizung wieder funktioniert. Ortsbürgermeister Radermacher ist jedenfalls optimistisch, dass für jeden eine Lösung gefunden wird. "Frieren muss keiner", sagt er. Heizungsbauer Worms ist mit Blick auf den Winter skeptischer: "Lassen Sie es draußen mal Minusgrade haben - dann werden wir erst richtig wissen, was los ist."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 27. Oktober 2021 um 13:08 Uhr.