Bundeswehrsoldaten patrouillieren zu Fuß in der Nähe von Charrah Darreh nahe Kundus und unterhalten sich dabei mit der afghanischen Bevölkerung - links ein Übersetzer. | picture alliance / dpa

Bundeswehrabzug aus Afghanistan Helfer zweiter Klasse

Stand: 26.07.2021 15:54 Uhr

Die Bundeswehr ist aus Afghanistan abgezogen, doch viele Helfer bleiben zurück. Wer etwa über lokale Dienstleister beschäftigt wurde, hat kaum Chancen auf ein Visum - und bangt nun um sein Leben.

Von Angelika Henkel, NDR

Abbas ist in Sicherheit. Gemeinsam mit seiner Frau durfte er nach Deutschland einreisen, weil er von den Taliban als Verräter angesehen wird. Er war als Sportwart in einem Fitnessstudio der Bundeswehr beschäftigt und ist einer derjenigen, die nach dem Abzug der Truppen aus Afghanistan ein Visum bekommen haben. In der kleinen Wohnung in Lage (NRW) hat er alle Dokumente vor sich ausgebreitet. Auch die Schreiben, in denen die Bundeswehr ihm und seinen Bruder Elyas für die zuverlässige Zusammenarbeit dankt und "alles Gute für die Zukunft" wünscht. Ihre Nachnamen wollen sie aus Sicherheitsgründen nicht nennen.

Angelika Henkel

Elyas aber ist noch in Afghanistan. Und nach eigenen Angaben in großer Gefahr. Elf Jahre hat er "im Camp" gearbeitet, die meiste Zeit war er allerdings über einen örtlichen Dienstleister angestellt, nicht direkt bei der Bundeswehr. Im Alltag spielte das keine Rolle. Abbas: "Wir haben beide für die gleiche Sache gearbeitet. Zwischen Küche, wo er tätig war und Fitnessstudio lagen 30 Meter. Wo ist der Unterschied zwischen ihm und mir? Ich kann das nicht verstehen."

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius geht es auch so. Er ist auch Sprecher der SPD-Ressortchefs und sagt: "Das Menschenbild von Undankbarkeit und Gleichgültigkeit, das da zum Ausdruck kommt, gefällt mir ganz und gar nicht. Wir haben eine Vorbildfunktion, wir waren auf die Kräfte angewiesen, und jetzt sind wir dran. So einfach ist das."

Abbas breitet seine Unterlagen aus. | NDR

Abbas breitet seine Unterlagen aus: Er hatte Glück - doch sein Bruder blieb zurück. Bild: NDR

Pistorius fordert Charterflüge

Pistorius fordert, Charterflüge einzusetzen, wie die USA es tun. "Das sind wir den Menschen schuldig, aber auch unseren eigenen Einsatzkräften, die für uns im Ausland sind. Denn wer wird uns in Zukunft helfen, wenn das hinterher der Dank ist." Das Bundesverteidigungsministerium will das Vorgehen trotz wiederholter schriftlicher Nachfrage nicht bewerten.

Bisher sind etwa 190 der direkt angestellten Ortskräfte mit einem Visum in Deutschland eingetroffen, mit ihren Kernfamilien sind das insgesamt etwa 1000 Menschen. Diejenigen mit direktem Vertrag hatten eine Abfindung erhalten, das Geld sollte den Kauf von Flugtickets ermöglichen. Etwa 3000 Menschen haben die Zusage bekommen, nach Deutschland einreisen zu dürfen. Wie viele in einem Beschäftigungsverhältnis wie Elyas standen, darüber gebe es keine Zahlen, so ein Sprecher der Verteidigungsministeriums.

"Wir sind in großer Gefahr"

Elyas hat bisher keine Antwort auf seine E-Mails an das IOM erhalten. Der NDR hat Elyas in Afghanistan erreicht. Er sagt: "Wir sind in großer Gefahr, auch unsere Familien. Die Taliban beherrschen schon die Checkpoints der Ausfallstraßen und rücken immer weiter vor." Am Wochenende berichtet der britische Sender BBC von dem Tod eines Dolmetschers, der für die US-Armee tätig war. Die Taliban hatten ihn identifiziert und den Kopf abgeschlagen.

Aber wie viele Menschen kann Deutschland aufnehmen? Soldat Sven Fiedler vom Verein Patenschaftsnetzwerk findet die Diskussion beschämend: "Wir haben gesagt: 'Arbeitet mit uns zusammen und dann bauen wir Euer Land auf und es wird besser, demokratischer, schöner.' Nach 20 Jahren sagen wir jetzt: 'Hat nicht geklappt, tut uns leid oder tut uns auch nicht leid, Ihr habt doch gut verdient, viel Spaß jetzt mit den Taliban, das könnt Ihr doch bestimmt untereinander klären.' Ich persönlich finde, das ist moralisch einfach ein Komplettversagen."

Mithilfe einer Sozialarbeiterin konnte Abbas die wichtigsten Behördengänge für sich und seine Frau regeln. Die ersten Schritte sind gemacht, er versucht, nach vorne zu gucken. Doch die Angst um Elyas und die anderen Geschwister ist lähmend groß.   

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. Juli 2021 um 07:18 Uhr.

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Moderation 26.07.2021 • 21:51 Uhr

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