Ein Bundeswehrsoldat steht in Faisabad unweit der Baustelle einer Brücke mit einem Fernglas auf einem Dach (Archiv)
Analyse

Bundeswehr in Afghanistan Abzug ins Ungewisse 

Stand: 15.04.2021 04:05 Uhr

Bis zum 20. Jahrestag der Anschläge vom 11. September soll der US-Truppenabzug aus Afghanistan abgeschlossen sein. Auch die Bundeswehr wird dann spätestens das Land verlassen. Doch die Sorgen sind größer als die Erleichterung.

Eine Analyse von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Nun tickt die Uhr also: Nach fast zwei Jahrzehnten am Hindukusch bekommt der Einsatz der Bundeswehr ein konkretes Enddatum. Denn selbst wenn die Deutschen es sich anders wünschten: Die Hilfe der USA in Afghanistan ist für die Soldatinnen und Soldaten vor Ort schlicht überlebenswichtig. Ohne die Luftunterstützung mit US-Kampfjets oder auch deren medizinische Fähigkeiten wäre der Bundeswehreinsatz im Norden des Landes nicht weiter zu verantworten.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

"Insofern haben die Amerikaner das Sagen. Das anders zu bewerten, wäre naiv", sagt es auch die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio.

Auch wenn US-Präsident Biden und Kanzlerin Merkel eine enge Abstimmung beim Abzug vereinbarten und die NATO-Partner gemeinsam damit am 1. Mai beginnen wollen: Die USA stellen die Deutschen mit ihrer - symbolträchtigen - Abzugsentscheidung zum 11. September also vor vollendete Tatsachen. Zwar hatte Verteidigungsminister Lloyd Austin die Pläne bei seinem Berlin-Besuch am Dienstag im Gepäck, doch im Einklang mit der deutschen Strategie steht dies nicht.

Das Mantra der Regierung

Bislang lautete das Mantra der Bundesregierung wie auch der NATO stets: Der Abzug wird nicht an Kalenderdaten geknüpft, sondern an die Lage vor Ort. Die Große Koalition hatte das Mandat gerade erst mit dem Hauptargument verlängert, das Land drohe in Chaos und Bürgerkrieg zu versinken, wenn die Truppen verfrüht abzögen.

Die FDP-Politikerin Strack-Zimmermann verweist auf Errungenschaften wie die Verbesserung der Lage der Frauen in Afghanistan und mahnt: "Es wäre fatal, wenn Afghanistan in einer Nachkriegsordnung wieder in mittelalterliche Zustände zurückfallen würde."

Viele Fragen bleiben

Jedenfalls muss die Bundeswehr sich nun also - kaum wurde ihr Mandat verlängert - zügig in Richtung Ausgangstür orientieren. Innerhalb von fünf Monaten muss der Abzug vollzogen sein. Geordnet und sicher.

Dabei bleiben viele Fragen: Wie verhalten sich die Taliban? Die beharren auf dem Abzugsdatum 1. Mai. Sie hatten zuvor mit Anschlägen gedroht, sollten die internationalen Truppen bis dahin nicht das Land verlassen haben. Eine Infanterie-Kompanie von mehr als 150 Soldatinnen und Soldaten steht in Deutschland abrufbar zur Verstärkung bereit, sollte es brenzlig werden.

Zivile Kräfte bleiben

Doch auch wenn die Bundeswehr wieder zu Hause ist, werden deutsche zivile Kräfte - Diplomaten, Entwicklungshelfer, Berater - auch über den 11. September hinaus im Land bleiben. "Das macht mir Sorge: Wie schützen wir die, wie gewährleisten wir den Schutz in einer sich verschlimmernden Sicherheitssituation?", fragt die verteidigungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion Siemtje Möller - die, so wie der Grünen-Politiker Tobias Lindner, im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio außerdem die Frage aufwirft, was aus jenen Afghanen wird, die etwa als Übersetzer lange Jahre vor Ort für die Bundeswehr gearbeitet haben.

Lindner fordert darüber hinaus, dass der nun fast 20 Jahre währende Einsatz dringend aufgearbeitet werden muss. "Da geht der längste und blutigste Kampfeinsatz der Bundeswehr zu Ende. Ich will nicht, dass man da einfach den Aktendeckel drüber schließt."

Ohne US-Hilfe wird es nicht gehen

Doch bevor sich Aktendeckel schließen und eine Ära zu Ende geht, wird die Truppe noch alle Hände voll zu tun bekommen: Schließlich sind die Deutschen dafür verantwortlich, dass der Abzug auch der anderen Nationen aus Nordafghanistan reibungslos verläuft. Ganz ohne US-Hilfe wird auch das nicht gehen.

Gleichzeitig wachsen schon jetzt die Befürchtungen, in 20 Jahren hart errungene Erfolge könnten bald zunichte gemacht sein: Ohne den Druck der internationalen Truppen gäbe es kaum mehr Anlass für die Taliban, sich bei den Friedensgesprächen zu bewegen, so die Befürchtung. Sollten die Extremisten dann versuchen, die Entscheidung auf dem Schlachtfeld suchen, wären keine ausländischen und keine Bundeswehrtruppen mehr da, sich ihnen entgegenzustellen. 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 14. April 2021 um 18:09 Uhr.