Eine vom Robert Koch-Institut (RKI) zur Verfügung gestellte elektronenmikroskopische Aufnahme des Affenpockenvirus | dpa

Viruserkrankungen Was Affenpocken von Corona unterscheidet

Stand: 31.05.2022 12:19 Uhr

Bestellte Impfdosen, Isolationsdauer, Eindämmung: Vieles bei der Berichterstattung über Affenpocken erinnert an die Corona-Pandemie. Wo sich die beiden Viruserkrankungen unterscheiden - und wo nicht. Ein Überblick.

Die Ausgangslage

Die Zahl der Corona-Infektionen sinkt seit Wochen. Die Impfungen, aber auch die Dominanz der Omikron-Variante haben dem Virus nach gut zweieinhalb Jahren einen großen Teil des Schreckens genommen. Inzwischen wird eine Sieben-Tage-Inzidenz von rund 200 gemeldet, die meisten Einschränkungen wurden inzwischen aufgehoben.

Nun sorgen die bisher wenig bekannten Affenpocken für neue Beunruhigung: Bisher wurden in Deutschland 21 Affenpockenfälle registriert. Vermutlich zirkulierte das Virus schon eine Weile unbemerkt. Die ersten Eindämmungsmaßnahmen greifen, die ersten Fälle werden isoliert - und dennoch lässt sich die Situation nicht mit dem Beginn der Corona-Pandemie vergleichen.

Experten gehen davon aus, dass der Ausbruch der Affenpocken begrenzt werden kann. Die Gefährdung für die Gesundheit der breiten Bevölkerung in Deutschland schätzt das Robert Koch-Institut (RKI) derzeit als gering ein. Und selbst Gesundheitsminister Karl Lauterbach sagt: "Ich glaube nicht, dass die Affenpocken wirklich eine Gefahr darstellen im Sinne einer Pandemie." Auch Lauterbach geht davon aus, dass durch Nachverfolgung von Kontakten und Vorsicht die Situation in den Griff zu bekommen ist.

"Es gibt einen Riesenunterschied zwischen Affenpocken und Corona", sagt etwa der Virologe Norbert Nowotny vom Institut für Virologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien: "Das wird diesmal keine Pandemie. Ich gehe davon aus, dass der Spuk in einigen Wochen bis wenigen Monaten vorbei ist."

Ansteckung und Ausbreitung

Affenpocken werden vor allem durch engen Körperkontakt von Mensch zu Mensch übertragen, unter anderem über Bläscheninhalt und Schorf. Das schränkt die Verbreitung stark ein. Dass momentan vor allem Fälle bei homosexuellen Männern bekannt sind, könnte unter anderem mit mehreren internationalen Events zusammenhängen, bei denen es zu Ansteckungen kam.

Das RKI betont, dass sich das Risiko nicht auf sexuell aktive Menschen oder Männer, die Sex mit Männern haben, beschränkt. "Jeder, der engen körperlichen Kontakt mit einer ansteckenden Person hat, kann sich infizieren."

Corona-Infizierte hingegen geben das Virus SARS-CoV-2 hauptsächlich durch virushaltige Partikel weiter, die unter anderem beim Atmen, Husten und Sprechen entstehen. Dabei können Aerosole mit Viruspartikeln auch über längere Zeit in der Luft bleiben. Ein großer Unterschied: Da für eine Ansteckung kein enger Kontakt nötig ist, kann sich das Virus schnell verbreiten.

Bisher wurde mehr als eine halbe Milliarde Corona-Infektionen registriert - wesentlich mehr dürften nicht entdeckt worden sein. Nach Schätzungen der WHO hat die Corona-Pandemie 2020 und 2021 weltweit etwa 14,9 Millionen Menschen das Leben gekostet. Das Coronavirus SARS-CoV-2 hat sich in den allermeisten Ländern der Welt bereits dauerhaft festgesetzt. Der Erreger der Affenpocken gilt hingegen als sehr viel träger als SARS-CoV-2.

Die Symptome

Erste Symptome der Affenpocken sind laut RKI Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen sowie geschwollene Lymphknoten. Einige Tage nach dem Auftreten von Fieber entwickeln sich Hautveränderungen, die letztlich verkrusten und abfallen. In den typischen Pockenläsionen ist dabei die Viruskonzentration besonders hoch. Der Ausschlag konzentriert sich in der Regel auf Gesicht, Handflächen und Fußsohlen, aber auch auf Mund und Genitalien. Auch schwere Verläufe und Todesfälle sind möglich.

Bei Corona gehören Husten, Fieber, Schnupfen sowie Geruchs- und Geschmacksverlust zu den häufigsten Symptomen. "Der Krankheitsverlauf variiert stark in Symptomatik und Schwere, es können symptomlose Infektionen bis hin zu schweren Pneumonien mit Lungenversagen und Tod auftreten", heißt es beim RKI.

Die Sterblichkeit

Die Mortalität bei dem westafrikanischen Stamm der Affenpocken betrage ein Prozent, sagt Virologe Nowotny.  Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologischen Klinik des Schwabinger Krankenhauses, schränkt allerdings noch einmal ein. "Man muss aber bedenken, dass diese Daten aus Afrika nicht zwingend übertragbar auf das Gesundheitswesen in Europa oder den USA sind, bei uns wäre die Sterblichkeit eher niedriger anzusetzen", sagt er. Und auch er beruhigt: "Das ist eine Erkrankung, die meines Erachtens nicht das Potenzial hat, die Bevölkerung massiv zu gefährden." Die Sterblichkeit für die zweite, zentralafrikanische Variante wird allerdings mit etwa zehn Prozent angegeben.

Bei Omikron wird inzwischen mit einer niedrigeren Sterblichkeitsrate gerechnet. "Wir haben aktuell bei Omikron eine Sterblichkeit von unter 0,1 Prozent, vergleichbar mit der Grippe", sagte Intensivmediziner Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf der Funke Mediengruppe. Allerdings lag sie zu Beginn der Corona-Pandemie deutlich höher, was auch mit der damals noch fehlenden Impfung und der ursprünglichen Variante zu erklären ist.

Medikamente und Impfung

Bereits vor Auftauchen der Affenpocken in Europa gab es einen Impfstoff. Imvanex ist zwar hierzulande bislang nur gegen Menschenpocken zugelassen, Experten gehen aber auch von einer guten Wirksamkeit bei Affenpocken aus. Deutschland hat insgesamt 240.000 Dosen bestellt. Lauterbach rechnet mit den ersten 40.000 Impfdosen noch in den ersten beiden Juni-Wochen. Mit Impfungen im Bereich bekannter Infektionscluster könnte das Ausbruchsgeschehen wahrscheinlich deutlich eingegrenzt werden, sagt Ralf Bartenschlager vom Universitätsklinikum Heidelberg. Zudem gibt es ein in der EU zugelassenes Medikament.

Nach Angaben der WHO zeigen Impfstoffe, die zur Ausrottung der Pocken verwendet wurden, eine Wirksamkeit von bis zu 85 Prozent bei der Bekämpfung von Affenpocken. Einige Länder haben bereits große Vorräte an Pockenimpfstoff angelegt. Die US-Regierung verfügt nach eigenen Angaben über genügend Impfstoff in ihrem Strategischen Nationalen Vorrat, um die gesamte Bevölkerung zu impfen. Die WHO geht jedoch davon aus, dass Massenimpfungen nicht notwendig sind.

Gegen das vor mehr als zwei Jahren neu aufgetretene Coronavirus gab es zunächst weder Medikamente noch Impfstoffe. Das machte eine Eindämmung zunächst schwieriger. Mittlerweile sind in Deutschland mehrere Impfstoffe sowie verschiedene Arzneimittel verfügbar. In Deutschland sind mehr als 75 Prozent der Bevölkerung geimpft.

Herkunft

Affenpocken sind eigentlich eine Krankheit bei Nagetieren in West- und Zentralafrika. Vereinzelt springen sie dort auf Affen und auch auf den Menschen über, letzteres ist laut RKI seit 1970 bekannt.

Dass sich das Virus in Europa von Mensch zu Mensch ausbreitet, ist neu. Die Gründe dafür sind unklar. Das Corona-Virus SARS-CoV-2 wurde erstmals vor etwa zweieinhalb Jahren entdeckt. Es wird angenommen, dass sich die ersten Menschen auf einem Tiermarkt der chinesischen Stadt Wuhan angesteckt haben. Eine weit verbreitete Theorie ist, dass der Erreger ursprünglich von Fledermäusen stammt.

Mutationen

Der Affenpocken-Erreger ist ein sogenanntes DNA-Virus. Das Erbgut dieser Viren gilt als recht stabil im Vergleich zu RNA-Viren wie dem Coronavirus. Das bedeutet: Mutationen treten seltener auf. In Europa und in den USA ist die westafrikanische Variante aufgetreten. Es gibt allerdings auch eine zentralafrikanische Variante.

Das Coronavirus hat sich in den vergangenen zwei Jahren hingegen weiterentwickelt. Das Virus wurde dadurch wesentlich leichter übertragbar, zum Teil wirkten Impfstoffe schlechter. Die aktuell in Deutschland vorherrschende Variante Omikron führt aber in der Regel zu einem leichteren Krankheitsverlauf als frühere Varianten.

Quellen: dpa/AFP

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 25. Mai 2022 um 17:34 Uhr.