In einer Hausärztlichen Gemeinschaftspraxis erhalten zwei ältere Patienten die erste Corona-Schutzimpfung. | dpa

Haus- und Betriebsärzte 25 Millionen Impfungen pro Monat - machbar

Stand: 10.03.2021 07:25 Uhr

Haus- und Betriebsärzte halten ein viel schnelleres Tempo beim Impfen für möglich, wenn sie endlich mit eingebunden würden. Praxen könnten zudem selbst über die Impfreihenfolge ihrer Patienten entscheiden.

Im Vergleich zu anderen Ländern - zum Beispiel den USA, Großbritannien, Israel - läuft die Impfkampagne in Deutschland bisher eher schleppend. Nur gut drei Prozent der Menschen in Deutschland sind vollständig geimpft. 6,4 Prozent haben eine erste Impfung erhalten. Etwa 7,9 Millionen Impfdosen wurden seit Start der Impfungen kurz vor dem Jahreswechsel verabreicht.

Das liegt zum einen daran, dass es noch nicht ausreichend Impfstoff gibt, was sich aber in wenigen Wochen ändern soll. Zum anderen wird momentan vorrangig in Impfzentren geimpft, durch mobile Impfteams und in einigen Bundesländern als Modellprojekt auch in Arztpraxen. Und das genau kritisieren vor allem die Hausärzte in Deutschland, denn sie impfen nahezu täglich Patienten und sehen hier ihre Kompetenz.

Erstimpfung für alle Erwachsenen bis Juni erreichbar

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, kritisierte, dass in den Überlegungen von Kanzlerin und weiten Teilen der Regierung überwiegend der öffentliche Gesundheitsdienst und die Impfzentren eine tragende Rolle spielten, nicht aber die Praxen. Würden diese mit eingebunden, sei mit fünf Millionen verimpften Dosen pro Woche in den Praxen und etwa 1,5 Millionen Impfungen in den Zentren sei "ein deutlich früherer Termin als der 21. September" erreichbar, so Gassen in der "Welt". Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte davon gesprochen, allen erwachsenen Bürgern bis zum Ende des Sommers ein Impfangebot machen zu wollen.

Gassen hält es demnach für möglich, dass allein in Arztpraxen ab April 20 Millionen Menschen monatlich gegen das Coronavirus geimpft werden können. Eine Erstimpfung für die erwachsene Bevölkerung könne schon in der ersten Juni-Hälfte, die weitgehende Immunisierung Anfang August abgeschlossen sein. Voraussetzung dafür sei aber ein rascher Nachschub an Impfstoffdosen.

Ärzte sollen über Impfreihenfolge entscheiden

Gassen beklagte zudem, die "deutsche Neigung, den Bürokratie-Oscar gewinnen zu wollen". Dies bremse die Impfkampagne. "Wir sollten nicht alles bis ins Kleinste regeln wollen", sagte er. Um schnell so viele Bürger wie möglich zu impfen, müsse außerdem die strenge Priorisierung der Ständigen Impfkommission (STIKO) schrittweise zurückgezogen werden.

Diese Ansicht teilt der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt. Er meint, dass niedergelassene Ärzte selbst über die Impfreihenfolge ihrer Patienten entscheiden sollten. "Zu viele Vorgaben und Prüfverfahren halten uns nur unnötig auf. Das sollten wir unbedingt vermeiden", erklärt Reinhardt in der "Rheinischen Post". Haus- und Fachärzte wüssten am besten, welche ihrer Patienten besonders gefährdet seien. Die Praxen würden die Bevölkerung jedes Jahr millionenfach und in kürzester Zeit mit Impfungen gegen die saisonale Grippe versorgen. Die Strukturen und das Know-how seien vorhanden, um schnell und in hoher Frequenz mit dem Impfen zu beginnen.

Fünf Millionen Impfungen durch Betriebsärzte

Weitere fünf Millionen Menschen könnten pro Monat geimpft werden, wenn auch die 12.000 Betriebsärzte in Deutschland mit anpacken. "Im Unterschied zu Hausärzten, die sich auch um akute Krankheitsfälle kümmern müssen, sind Betriebsärzte vor allem mit Vorsorgeuntersuchungen befasst", sagt die Vizepräsidentin des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW), Anette Wahl-Wachendorf, der Funke Mediengruppe. Bis zu 80 Prozent dieser Untersuchungen ließen sich um einige Woche verschieben, um dem Impfen Vorrang zu geben.

Dabei sollten die Werksärzte Mitarbeiter vorziehen, die im Berufsalltag viele Kontakte hätten. "Es sollte nicht sein, dass der Chef beim Impfen als erster an der Reihe ist, wenn er ständig im Homeoffice sitzt."

Termin für Impfstart in Praxen heute erwartet

Die Fachminister von Bund und Ländern hatten sich am Montag darauf geeinigt, dass die niedergelassenen Ärzte ab April flächendeckend mit Corona-Impfungen beginnen sollen. Heute nun wollen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern den genauen Zeitpunkt dafür bestimmen. Zuvor muss geklärt sein, wie die erwarteten Impfstoffdosen auf die Impfzentren und die Praxen verteilt werden. Zudem soll der bürokratische Aufwand für die Arztpraxen auf ein Minimum reduziert werden.

Bisher sind in der EU die Vakzine der drei Hersteller BioNTech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca zugelassen. Am 11. März will die EU-Arzneimittelagentur EMA voraussichtlich die Zulassung des Impfstoffes des US-Herstellers Johnson&Johnson empfehlen. Die EMA prüft auch die Zulassung des russischen Impfstoffs Sputnik V. Der Vorsitzende der STIKO, Thomas Mertens, bezeichnete Sputnik V als "guten Impfstoff", der vermutlich auch irgendwann in der EU zugelassen werde.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. März 2021 um 09:00 Uhr.