Eine gehörlose Frau trägt eine Warnweste mit der Aufschrift "Taub".  | dpa

Gehörlose Maskenpflicht - und weitere Barrieren

Stand: 05.06.2020 10:25 Uhr

Gehörlose sind in der Corona-Krise besonders benachteiligt - Masken verhindern, dass sie von den Lippen ablesen können. Auch sonst kämpfen sie vor allem im medizinischen Bereich mit vielen Mängeln.

Von Franziska Kracht, ARD-Mittagsmagazin

Mathias Schäfer holt seinen Mund-Nasen-Schutz aus der Tasche und setzt ihn auf. Wie häufig in seiner Mittagspause geht er zum Fleischer, um sich etwas zu essen zu holen. Der gehörlose Gebärdensprachen-Dolmetscher hat sich vorbereitet: Er wird den Laden nicht nur mit Maske, sondern auch mit Zettel und Stift betreten. "Wenn ich jetzt spezielle Wünsche habe, dann muss die Kommunikation natürlich auch besser und spezieller sein", sagt Schäfer.

Schäfer ist seit seiner Kindheit gehörlos. Er hat gelernt, mit Menschen zu kommunizieren, die nicht seine Sprache sprechen. Der Mund-Nasen-Schutz erschwert es ihm nun allerdings, Lippen und Mimik zu lesen.

Maskenpflicht - und weitere Probleme

Doch auch mit Lippenlesen verstehen Gehörlose nur etwa 30 Prozent der gesprochenen Sprache ihres Gegenübers, wenn sie oder er keine Gebärdensprache beherrscht.

Auch wenn die Kommunikation mit Maskenpflicht Gehörlose einschränkt, sieht Lela Finkbeiner zudem weitere größere Probleme für Gehörlose in Deutschland. Sie ist selbst gehörlos und Lehrbeauftragte an der Universität Göttingen für Deaf Studies. Viel gravierender für sie: die Defizite bei der medizinischen Versorgung.

Wenige Ärzte mit Gebärdensprachen-Kenntnisse

Auf etwa 80.000 Gehörlose in Deutschland kommen laut der Kassenärztlichen Vereinigung nur schätzungsweise 80 Ärztinnen und Ärzte, die Kenntnisse in Deutscher Gebärdensprache haben. Die Anzahl der niedergelassene Ärztinnen und Ärzte insgesamt dagegen liegt laut Bundesärztekammer bei über 400.000.

Dabei ist es besonders beim Arztbesuch wichtig, dass Patient und Arzt einander verstehen können. Eine mögliche Folge kann ansonsten zum Beispiel die fehlerhafte Einnahme von Medikamenten sein.

Mathias Schäfer | picture alliance/dpa

Mathias Schäfer beim Dolmetschen in Gebärdensprache Bild: picture alliance/dpa

"Ein Patient, den ich im Rahmen meiner Hospizarbeit begleitet habe, bei dem eine aggressive Krebsform diagnostiziert wurde, verstarb nicht aufgrund des Krebses, sondern weil er die Anordnungen für die starken Medikamente nicht richtig verstanden hat und an Medikamentvergiftung verstarb", so Finkbeiner.

Umgang mit Gehörlosen kaum geschult

Laut Sozialgesetzbuch haben Gehörlose einen Anspruch auf einen Dolmetscher bei Arzt- und Krankenhausbesuchen sowie bei ärztlich verordneten Therapien.

Doch Gehörlose berichten immer wieder von Schwierigkeiten im Umgang mit Rehaträgern und Ärzten. So gebe es zum Beispiel Diskussionen, ob und in welchem Umfang der Dolmetscher überhaupt am Gespräch zwischen Arzt und Patient teilnehmen darf.

Im Rahmen der Ausbildung medizinischen Personals - etwa von Ärzten oder Alten-, Kranken- und Gesundheitspflegern - werde kaum auf den Umgang mit gehörlosen und hörbehinderten Menschen eingegangen, heißt es in einem Forderungskatalog von Ende 2019 des Deutschen Gehörlosenbundes. Es bräuchte fest im Lehrplan verankerte Kurse, die den Umgang mit Gehörlosen schulen.

Barrierfreie Notruf-App noch nicht im Einsatz

Eine weitere medizinische Benachteiligung entsteht für Gehörlose beim Notruf. Denn dieser funktioniert in Deutschland bisher nur über das Telefon oder Fax. Die meisten Gehörlosen haben auch Probleme mit der deutschen Lautsprache. Wer als Gehörloser kein Fax in der Wohnung hat, kann also aktuell keinen Notruf absetzen.

Dabei gebe es schon eine Lösung. "Es existiert eine barrierefreie Notruf-App, die allen technischen Anforderungen gerecht wird", erklärt Uwe Schönfeld vom Zentrum für Kultur und Visuelle Kommunikation der Gehörlosen e.V. in Potsdam. Doch diese wird bisher nicht eingesetzt.

Angst vor dem Notfall

Der medizinische Notfall bereitet auch Schäfer Sorgen, als er nach seinem Einkauf beim Fleischer mit vollen Tüten aus der Tür kommt. Die Kommunikation mit der Verkäuferin hat wie sonst auch gut geklappt.

"Wenn Gehörlose akut in eine Rettungsstelle kommen, aber die Mitarbeiter keine Gebärdensprache können, da zählt ja auch jede Minute in so einer Rettungsstelle. Und so schnell einen Dolmetscher organisieren ist ja auch schwierig." Auch er wünscht sich vom medizinischen Personal mehr Kompetenz im Umgang mit Gehörlosen. Das ist sein Anliegen - auch jenseits der Corona-Pandemie.

Über dieses Thema berichtet das ARD-Mittagsmagazin am 05. Juni 2020 um 13:00 Uhr.