Syrischer Lehrer mit Schülern. |  Svenja Kellershohn
Reportage

Bielefelder Pilotprojekt Vom Krieg ins Klassenzimmer

Stand: 22.10.2017 02:41 Uhr

Ein Pilotprojekt macht Lehrerinnen und Lehrer, die aus ihren Heimatländern flüchten mussten, fit für deutsche Schulen. Das soll ihnen eine berufliche Zukunft bieten - und nebenbei helfen, den Lehrermangel zu lindern.

Von Svenja Kellershohn, WDR

Wenn der kleine Kivanj genau wüsste, wie er mit der Schere diesen Baum ausschneiden könnte, dann würde ihm das Herbstprojekt der Klasse 2a leichter fallen. Er kriegt diesen Baum nicht raus aus dem Papier. Aber jetzt sitzt Khaled neben ihm, der weiß genau, wie man das macht. Mit zwei Sätzen und zwei Handgriffen zeigt er es dem Siebenjährigen. Von Verständigungsproblemen keine Spur.

Erst vor zwei Jahren aus Syrien geflohen

Khaled Almehshi ist ein Lehrer aus Syrien. An diesem Morgen ist er nicht der einzige Besucher an der Sudbrackschule in Bielefeld. Er ist Teil des Projektes "Lehrkräfte Plus" der Universität Bielefeld. Acht Frauen und 17 Männer aus unterschiedlichsten Ländern werden in einem Jahr auf die Lehrtätigkeit an deutschen Schulen vorbereitet. Die meisten von Ihnen sind erst vor zwei Jahren nach Deutschland geflohen. In der ersten Hälfte des Projekts sollen die Deutschkenntnisse der Teilnehmer professionalisiert werden. In der zweiten Hälfte hospitieren sie an Schulen und erhalten in Seminaren und Workshops zusätzlich pädagogisch-interkulturelle Qualifizierungen.

Syrischer Lehrer |  Svenja Kellershohn

Khaled Almehshi und Rufaida Mahmoud haben bereits in Syrien als Lehrer gearbeitet - jetzt hospitieren sie an der Sudbrackschule in Bielefeld. Bild: Svenja Kellershohn

Von Aleppo nach Bielefeld

Bevor der 30-jährige Khaled aus seinem Heimatland nach Deutschland geflüchtet ist, hat er in Syrien als Englischlehrer gearbeitet. Die 42-jährige Rufaida Mahmoud, die an diesem Morgen auch in der 2a zu Besuch ist, kennt den Schulalltag noch aus ihrer Heimatstadt Aleppo. Dort war sie als Französischlehrerin tätig. Sie schwebt fast durchs Klassenzimmer, als sie den Schülern über die Schulter blickt - so glücklich scheint sie. Binnen zwei Jahren hat sie so gut Deutsch gelernt, dass sie sogar die Artikel fast immer richtig verwendet. In dieser neuen Sprache sagt sie: "Mein größter Wunsch ist es, auch hier wieder als Lehrerin zu arbeiten."

"Keine Zäune um die deutschen Schulen?"

In der großen Pause treffen sich die 25 Teilnehmer zu einer Nachbesprechung. Jeder hat in den Schulklassen genau hingeschaut. Marwa Sulaiman aus Syrien fällt auf: "In Deutschland gibt es Gruppentische und alle lernen gemeinsam. In Syrien gibt es keine Teamarbeit, da lernt jeder für sich." Essa Al Bakkar aus Syrien wundert sich, warum es keine Zäune um die Schule gibt. Die Schulleiterin Martina Reiske antwortet schmunzelnd: "Wir sind ein freies Land. Die Kinder laufen hier nicht weg."

Auch die Gestaltung der Klassenräume findet Beachtung unter den Besuchern. Shogine Kamoyan aus Armenien bemerkt: "An den Wänden kann man sehen, was die Kinder in den letzten Wochen gelernt haben." So etwas hat sie noch nie gesehen.

Syrische Lehrer-Runde. |  Svenja Kellershohn

25 Lehrerinnen und Lehrer nehmen am Fortbildungsprogramm teil. Bild: Svenja Kellershohn

Syrischer Lehrer in der Klasse. |  Svenja Kellershohn

Ab März sollen sie bereits probeweise unterrichten. Bild: Svenja Kellershohn

Auch viele Kinder haben Migrationshintergrund

An der Schule in Bielefeld haben 70 Prozent der Kinder Migrationshintergrund. Darunter auch viele, deren Eltern in Deutschland Schutz suchen. Während die Kinder in den Klassenräumen die halbe Welt repräsentieren, ist das Kollegium eher westfälisch. Das ist an vielen Schulen so. Deshalb könnten Lehrer, die selbst aus anderen Kulturen stammen, eine Bereicherung sein, glaubt Angela Müncher von der Bertelsmann Stiftung, die die Ausbildung der Programmteilnehmer fördert: "Sie sprechen die Sprache von geflüchteten Kindern, sie kennen die Situation vor der Flucht und können nachvollziehen, was die Kinder erlebt haben".

Zunächst nur als Vertretungslehrer

Genau deswegen sei es wichtig, Ihnen eine berufliche Perspektive als Lehrer zu bieten. Das Programm "Lehrkräfte Plus" wird für drei Jahre von der Stiftung gefördert. So können von 2017 bis 2020 an der Universität Bielefeld drei Jahrgänge geschult werden. Ziel ist es, die Teilnehmer zu vollwertigen Lehrkräften auszubilden - dennoch dürfen sie nach dem einjährigen Programm zunächst nur als Vertretungslehrer eingesetzt werden. "Das ist immerhin ein erster Schritt in Richtung Integration", sagt Renate Schüssler, die Leiterin des Programms "Lehrkräfte Plus".

Syrischer Lehrer an der Tafel. |  Svenja Kellershohn

Khaled Almehshi hilft dem kleinen Kivanj beim Rechnen. Bild: Svenja Kellershohn

"Mein einziges Problem ist noch die Sprache"

Nach der großen Pause sitzen Khaled und Rufaida wieder zwischen den Schülern der Klasse 2a. Jetzt steht Rechnen auf dem Plan. Auch hier helfen beide bei ersten Plus- und Minusaufgaben. Manchmal muss Khaled mit den Händen veranschaulichen, was er meint. "Das einzige Problem für mich ist zur Zeit noch die Sprache", sagt er.

Für den kleinen Kivanj, der selbst türkische Wurzeln hat, scheint es nicht so wichtig zu sein, dass Khaled ab und zu einen Satz von Neuem beginnen muss. "Mir ist egal, aus welchem Land der Lehrer kommt und wie gut er deutsch sprechen kann", sagt der Siebenjährige. "Ich bin bei allen brav."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 6. Oktober 2017 um 13:09 Uhr.