Der Historiker Friedländer bei seiner Rede im Bundestag | Bildquelle: dpa

Holocaust-Überlebender im Bundestag "Antisemitismus in neuem Gewand"

Stand: 31.01.2019 15:49 Uhr

Er flüchtete mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten. Heute erinnerte der Holocaust-Überlebende Friedländer im Bundestag an die Opfer. Er warnte vor erneut zunehmendem Antisemitismus.

Von Isabel Reifenrath, ARD-Hauptstadtstudio

An seine eigene Geschichte erinnerte Saul Friedländer nicht zu Beginn. Zuerst las er aus Tagebucheinträgen und Zeitungsartikeln von Anfang der 1940er-Jahre vor. Belege, dass die Deutschen wussten, was mit den Juden passierte. Friedländer selbst war sechs Jahre alt, als er und seine Eltern vor den Nationalsozialisten von Prag aus nach Frankreich flüchteten. Während er in einem katholischen Internat versteckt wurde, versuchten seine Eltern den beschwerlichen Weg über die Alpen in die Schweiz.

Friedländer überlegte: "Was ging wohl in ihnen vor, als sie sahen, wie ihr kleiner Junge, der sich mit Händen und Füßen wehrte, weil er bei ihnen bleiben wollte, aus ihrem Zimmer entfernt wurde? Es war unsere letzte Begegnung."

Die Schweiz nahm die Eltern nicht auf, so dass sie zurück nach Frankreich mussten und schließlich von den Nazis ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurden.

Holocaust-Gedenken: Historiker Saul Friedländer warnt vor Fremdenhass und Nationalismus
tagesthemen 22:15 Uhr, 31.01.2019, Marie von Mallinckrodt, ARD Berlin

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Vater vergast, Mutter zur Sklavenarbeit eingeteilt

639 Deportierte seien gleich bei der Ankunft vergast worden, erzählte Friedländer. "Mein Vater muss einer von ihnen gewesen sein. Meine Mutter wurde wahrscheinlich zur Sklavenarbeit eingeteilt."

Friedländer bekam einen französischen Namen. Sein neues Leben, sagte er, begann aber erst in Israel. 1948 nahm der heute 86-Jährige am israelischen Unabhängigkeitskrieg teil. Er sagte, die Gründung Israels sei für ihn und die übrig gebliebenen europäischen Juden lebensnotwendig gewesen. Und das Existenzrecht Israels sei bis heute unantastbar, auch wenn es legitim sei, Israels Politik zu kritisieren. Allerdings sei es absurd, wie heftig das passiere.

Antisemitismus ist inakzeptabel

Das Existenzrecht des Landes zu verteidigen, ist nach Überzeugung Friedländers eine grundsätzliche moralische Verpflichtung. Dies müsse in einer Zeit wieder betont werden, in der auf Seiten der extremen Rechten und auf Seiten der extremen Linken Israels Existenz infrage gestellt werde und der Antisemitismus in seinem traditionellen wie in seinem neuen Gewand wieder unübersehbar zunehme.

Alle Bundestagsabgeordneten applaudierten. Und auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble mahnte in seiner Begrüßungsansprache, es beschäme Deutschland, wenn Juden heute wieder überlegten, aus Deutschland auszuwandern, weil sie angegriffen und ausgegrenzt werden. Ein Antisemitismus in unterschiedlichem Gewand, der alte und auch ein neuer zugewanderter, beides sei inakzeptabel, erst recht in Deutschland, sagte Schäuble.

Der Historiker Friedländer hält zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung eine Rede im Bundestag | Bildquelle: ADAM BERRY/EPA-EFE/REX
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Ein Rede als Mahnung und Appell an die moralische Standhaftigkeit: Der Historiker Saul Friedländer vor dem Bundestag

Verändertes Deutschland

Friedländer berichtete, es sei ihm nicht leicht gefallen, die Einladung des Bundestages anzunehmen - aber er habe sich dazu entschieden, weil Deutschland heute ein anderes Land sei. Er nannte es ein Bollwerk gegen Nationalismus, autoritäre Tendenzen, Fremdenhass und Antisemitismus.

Bundestagspräsident Schäuble betonte, kein Land könne seine Geschichte abstreifen. An der Erinnerungskultur dürfe nicht gerüttelt werden - besonders weil viele junge Menschen heute nichts über den Nationalsozialismus wüssten. Aus der Geschichte müsse man lernen für die Gegenwart und die Zukunft. Friedländer sagte, es gehe darum, ein anständiger Mensch zu sein und für die Demokratie zu kämpfen.

Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag
Vera Wolfskämpf, ARD Berlin
31.01.2019 17:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 31. Januar 2019 um 16:00 Uhr.

Korrespondentin

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Isabel Reifenrath, HR

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