Die Füße eines Neugeborenen | Bildquelle: dpa

Alternative zur Babyklappe Vertrauliche Geburt: "Eine positive Bilanz"

Stand: 12.07.2017 15:29 Uhr

Seit 2014 können Frauen die vertrauliche Geburt nutzen, um ihr Kind zur Welt bringen. Die Bilanz zeigt: Die Zahl der ausgesetzten oder in Babyklappen abgegebenen Kinder ist zurückgegangen. Das Gesetz funktioniert - das geben sogar Kritiker zu.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtstudio

Seit die Reform in Kraft ist, entscheidet sich jeden dritten Tag eine Frau in Deutschland für eine sogenannte vertrauliche Geburt: Sie bringt ihr Kind unter medizinischer Betreuung zur Welt und gibt es dann in die Obhut des Jugendamts. Offenbar werden dadurch inzwischen weniger Neugeborene ausgesetzt oder in Babyklappen abgegeben. Das Gesetz funktioniere, sagt Familienministerin Katarina Barley angesichts dieser Entwicklung: "Wir können sagen, dass die Ziele erreicht wurden."

Das findet nicht nur die Ministerin, sondern auch - durchaus ungewöhnlich -  eine der ursprünglich schärfsten Kritikerinnen des Gesetzes, Katja Dörner von den Grünen. Sie hatte bei der Entscheidung über die Reform Bedenken, viele Frauen würden sich nicht auf die vertrauliche Geburt einlassen - weil das Gesetz die Möglichkeit vorsieht, dass das geborene Kind nach 16 Jahren den Namen der Mutter erfahren kann.

"Vertrauliche Geburt": Zwischenbilanz nach drei Jahren
tagesschau 12:00 Uhr, 12.07.2017, Ulla Fiebig, ARD Berlin

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"Wirklich eine positive Bilanz"

Angesichts der heute präsentierten Zahlen sagt Dörner mit Blick auf ihre damaligen Zweifel, dass "das nicht so begründet" gewesen sei. "Und dass sich doch eine Reihe von Frauen auf dieses Verfahren der vertraulichen Geburt eingelassen hat. Das finde ich sehr positiv." Eine Einschränkung hat sie dennoch: Es sei natürlich unklar, für wie viele andere Frauen das Verfahren aufgrund dieser Hürden nicht in Frage gekommen sei. "Aber nichtsdestotrotz kann man wirklich eine positive Bilanz ziehen."

Mehr als 1300 Frauen in besonderen Notlagen haben sich seit Ende 2014 an das Hilfetelefon gewandt: Frauen, die ungewollt schwanger und überfordert waren. Jede vierte von ihnen hat sich nach den Gesprächen dafür entschieden, ihr Kind regulär auf die Welt zu bringen und mit ihm zu leben. Andere haben es zur Adoption freigegeben. Jede fünfte dieser Frauen entschied sich dafür, die neue gesetzliche Möglichkeit der vertraulichen Geburt zu nutzen.

Ein Treffpunkt in der Nähe der Wohnung

Petra Söchting vom Hilfetelefon schilderte den Fall einer Frau, die sich verzweifelt morgens um fünf Uhr am Telefon meldete und erzählte, sie habe bereits Wehen. Aber ihr Vater und ihre Schwester, mit denen sie zusammenlebe, dürften nichts von der Schwangerschaft erfahren. Die Beraterin alarmierte in Absprache mit der verzweifelten Frau den Rettungsdienst und verabredete einen Treffpunkt in der Nähe der Wohnung, zu dem sich die werdende Mutter trotz ihrer Wehen noch schleppen konnte.

"Die Frau hat darum gebeten, dass die Beraterin doch am Telefon bleibt, bis der Rettungsdienst da ist", erzählt Söchting. "Und in diesem Gespräch hat die Frau geschildert, wie es zu dieser Situation gekommen ist." Die Beraterin habe ihr erste Informationen zur vertraulichen Geburt gegeben und mir ihr gemeinsam gewartet, bis der Rettungsdienst kam. Der habe die Frau dann zur Geburt in eine Klinik gebracht.

Name der Mutter wird verwahrt

Nach einer vertraulichen Geburt macht sich das Jugendamt auf die Suche nach Adoptiveltern für das Kind. Der Name der leiblichen Mutter wird in einem versiegelten Umschlag verwahrt, den niemand öffnen darf - außer dem Kind selbst, wenn es mindestens 16 Jahre alt ist.

Das Gesetz war eine Reaktion darauf, dass in Deutschland bis 2013 immer häufiger Neugeborene ausgesetzt wurden oder Mütter ihre Kinder zuhause zur Welt und dann zu Babyklappen brachten. Dieser Trend sei nun "ganz deutlich" zurückgegangen, sagt Jörn Sommer vom Forschungsinstitut Interval, der die Entwicklung im Auftrag des Ministeriums ausgewertet hat.

Die vertrauliche Geburt, so die Bilanz der Familienministerin, sei gut für Mutter und Kind. Beide würden bei der Geburt medizinisch betreut - und das Kind könne später erfahren, woher es kommt.

Drei Jahre "vertrauliche Geburt": eine Bilanz
Jörg Seisselberg, ARD Berlin
12.07.2017 14:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Juli 2017 um 12:00 Uhr.

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