Joachim Gauck
Interview

Politikwissenschaftler zur Wahl Gaucks "Es ist ein ehrliches Ergebnis"

Stand: 18.03.2012 16:38 Uhr

Die Zustimmung zu Joachim Gauck bei der Bundespräsidentenwahl war zwar überragend - trotzdem gab es eine verhältnismäßig hohe Zahl an Enthaltungen. Das war weder eine geplante Aktion, noch schwächt es den neuen Bundespräsidenten, meint der Politikwissenschaftler Langguth im Interview mit tagesschau.de. Langguth beobachtete die Wahl als Gast in der Bundesversammlung.

tagesschau.de: Die Zahl der Enthaltungen war mit 108 höher als erwartet. Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?

15. Bundesversammlung vor der Wahl des Bundespräsidenten

Die Zustimmung zu Gauck in der 15. deutschen Bundesversammlung war überragend.

Gerd Langguth: Es ist in erster Linie ein ehrliches Ergebnis. Herr Gauck ist in den letzten Wochen stark kritisiert worden. Diese Kritik spiegelt sich im Ergebnis wider. Und ich glaube nicht, dass die Enthaltungen nur aus dem Unionslager kommen, als Quittung für die FDP. Kritik an Gauck kam ja auch von Grünen und Sozialdemokraten. Insofern kann man seriös nur antworten: Es ist nicht klar zuzuordnen, woher die Enthaltungen kommen. Es war sicherlich keine organisierte Aktion, denn das hätte man mitbekommen.

Der Grund ist viel eher darin zu sehen, dass es keinen veritablen Gegenkandidaten gab. Die Kandidatin der Linkspartei hatte ja keine echte Chance. In so einer Situation denkt sich eine Wahlfrau oder ein Wahlmann wohl leichter: 'Auf meine Stimme kommt es nicht an.' Wäre es ein wirkliches Rennen gewesen, hätte es bestimmt nicht so viele Enthaltungen gegeben.

Gerd Langguth
Zur Person

Gerd Langguth ist politischer Publizist und Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bonn. Er beschäftigt sich mit den politischen Parteien und analysiert politische Entscheidungsprozesse. Langguth war lange im Bundesvorstand der CDU und ist Biograph von Bundeskanzlerin Merkel.

"Gauck kann mit dem Ergebnis sehr zufrieden sein"

tagesschau.de: Startet Gauck durch diese Enthaltungen jetzt geschwächt ins Amt?

Langguth: Auf gar keinen Fall. Fast 1000 Stimmen ist ein sehr gutes Ergebnis. Er kann damit sehr zufrieden sein. Wie viele Enthaltungen es gab, dafür interessieren sich doch nur Fachleute. Außerdem sind Enthaltungen nicht gleichbedeutend mit Nein-Stimmen.

tagesschau.de: Wie haben Sie Gaucks Rede aufgenommen?

Langguth: Er hat genau den richtigen Ton angeschlagen und das war im Saal auch zu spüren. Es war ein sehr erhebender Moment und der Applaus war fast euphorisch. An der Rede ist abzulesen, dass Gauck verstanden hat, dass seine alleinige Konzentration auf das Thema Freiheit zu einseitig ist. Er wird sich in Zukunft breiter aufstellen. Und indem er das aufgegriffen hat, hat er seinen Kritikern ein Stück weit den Wind aus den Segeln genommen.

tagesschau.de: Wird Gauck ein starker Präsident, der Merkel Paroli bietet?

Langguth: Gauck ist durchaus einer, der auch unbequem werden kann. Allerdings glaube ich nicht, dass er mit Merkel den Konflikt suchen wird. Die beiden sind sich nämlich in ihren Grundauffassungen relativ ähnlich. Merkel war ja auf seinem 70. Geburtstag und hat dort eine warmherzige Rede gehalten. Gauck wiederum spricht immer mit großem Respekt von der Bundeskanzlerin.

tagesschau.de: Christian Wulff hat dem Amt des Bundespräsidenten ja nicht gerade Ehre erwiesen. Kann Gauck, was beschädigt wurde, wieder kitten?

Langguth: Ich denke, dass die Beschädigung des Amtes sehr schnell überwunden sein wird. Das Amt lebt schließlich von der Person, und Gauck wird es als solche sehr gut ausfüllen. Er ist ein Mann des Wortes, hat etwas Pastorales an sich und das wird dem Amt wieder Würde verleihen.

"In so einer Position ist jeder ein Stück weit umstritten"

tagesschau.de: Obwohl es ja auch Kritik an ihm gibt: Manche werfen ihm vor, er sei ein Trittbrettfahrer auf dem Bürgerrechtler-Ticket.

Langguth: Er gehört nicht zu denjenigen, die während der DDR-Diktatur Leib und Leben riskiert haben. Er hat das aber auch nie behauptet. Er war kein aktiver Widerstandskämpfer. Als Pfarrer hat er aber die ganze Härte des SED-Systems erfahren, abgesehen davon, dass sein eigener Vater in den Gulag verschleppt wurde. Er hat sich nie mit dem System eingelassen, es nicht verniedlicht oder verharmlost.

Mal davon abgesehen ist jeder, der in eine wichtige Position kommt, ein Stück weit umstritten. Es ist besser, dass diese Vorwürfe im Vorfeld erhoben werden und nicht, wenn er das Amt inne hat. Gauck hat die Macht der Rede und er ist einer, der auch mal sein Inneres öffnet. Das kommt bei den Leuten gut an. Ihm wird nichts Zwiespältiges anhaften bleiben.

tagesschau.de: Welche Akzente wird der neue Bundespräsidenten Gauck setzen?

Langguth: Er wird natürlich die Akzente ausgehend von seiner ganz persönlichen Biografie setzen. Das Thema Freiheit, sein Lieblingsthema, wird immer wieder vorkommen. Es werden sicher nicht immer alle erfreut sein über das, was er sagt. Wenn er sich beispielsweise zum Thema Kapitalismus äußert, wird er auch manchen Widerspruch ernten.

"Die neue First Lady ist bislang ein unbeschriebenes Blatt"

tagesschau.de: Und was ist von der neuen First Lady, Gaucks Lebensgefährtin Daniela Schadt, zu erwarten?

Daniela Schadt

Die neue First Lady, Daniela Schadt, wird sicherlich auch karitative Aufgaben übernehmen.

Langguth: Sie ist für mich ein völlig unbeschriebenes Blatt. Als Journalistin wird sie natürlich ihren Lebenspartner im Hinblick auf seine öffentliche Wirkung beraten. Aber eigene Akzente sehe ich bis jetzt bei ihr noch nicht. Wie alle First Ladies wird sie sicher auch sozial-caritative Aufgaben wahrnehmen. Was das Private angeht, kann man sagen: So wie Wulff für eine junge Familie mit Kindern stand, ziehen jetzt die Repräsentanten eines unkonventionellen Partnerschaftsmodells ins Schloss Bellevue ein. Die Brüche einer modernen Gesellschaft spiegeln sich darin wider.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de