Massaker im italienische Sant'Anna di Stazzema Gauck und Napolitano gedenken 560 SS-Opfern

Stand: 24.03.2013 14:12 Uhr

Bundespräsident Gauck hat gemeinsam mit Italiens Staatschef Napolitano an das Massaker deutscher Truppen im norditalienischen Sant'Anna erinnert - 1944 töteten SS-Soldaten dort 560 Zivilisten. "Die Opfer haben das Recht auf Erinnerung und Gedenken", sagte Gauck an der Gedenkstätte des Ortes.

Von Jan-Christoph Kitzler, BR, ARD-Studio Rom

Sant’Anna di Stazzema ist ein Ort des Grauens. Und das liegt an nur etwa drei Stunden am 12. August 1944. Damals kamen deutsche Truppen einer SS-Panzergrenadierdivision in das kleine Bergdorf im Norden der Toskana und verübten in kurzer Zeit ein schreckliches Verbrechen. "560 unschuldige Menschen sind hier abgeschlachtet worden. Frauen, Kinder, Alte", sagt Michele Silicani, der heute Bürgermeister von Sant’Anna ist. "Die Männer hatten sich in die Wälder zurückgezogen, denn sie dachten an Repressalien. Das ist das erste große Massaker in Italien gegen Zivilisten, das am Schreibtisch geplant wurde."

Bundespräsident Joachim Gauck
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Bundespräsident Gauck musste sich mit seinem Besuch in Sant'Anna di Stazzema beeilen, denn Napolitanos Amtszeit endet bald.

Bürgermeister Silicani ist es zu verdanken, dass sein Dorf heute auch ein Ort des Gedenkens ist: für Deutsche und für Italiener. 1944 verbrannten die Deutschen die Hunderte Leichen und steckten alle Häuser des Ortes in Brand. Dort, wo keine Spuren zurückbleiben sollten, befindet sich heute ein Museum des Widerstandes, ein Ossarium, in dem die Knochen der Toten beerdigt wurden. In der wiederaufgebauten Kirche klingt die so genannte Friedensorgel. Hier wird an das erinnert, was nie wieder geschehen soll, und was so schwer vorstellbar ist.

Krieg gegen Zivilisten

"Es gab einen richtigen Krieg gegen Zivilisten, der sehr blutig war", erklärt Historiker Philippo Focardi. "Gegen ganze Dorfgemeinschaften, gegen Frauen, Kinder, Alte. Vor allem in der Toskana und in der Emilia Romagna. Das waren keine Repressalien im technischen Sinne, sondern das war die geplante Säuberung ganzer Landstriche."  

Bundespräsident Joachim Gauck und Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano gedachten heute gemeinsam der Opfer des Massakers. Der Termin war ziemlich kurzfristig zustande gekommen: Bei seinem Besuch in Deutschland Ende Februar überreichte Napolitano Gauck den Brief eines Überlebenden. Der Bundespräsident war davon offenbar so berührt, dass er mit Napolitano gemeinsam Sant’Anna di Stazzema besuchen wollte. Und weil Napolitanos Amtszeit in wenigen Wochen endet, musste es schnell gehen.

Der "Schrank der Schande" - ein einfacher Archivschrank

Das kleine Dorf ist aber auch ein Beispiel dafür, wie schwer die Aufarbeitung der Verbrechen der Wehrmacht immer noch ist. In Italien wurde lange nicht darüber gesprochen. Erst vor noch knapp 20 Jahren wurden die Unterlagen im Archiv der Militärstaatsanwaltschaft wiederentdeckt, erklärt Gianluca Lucarini, der Präsident einer Opfervereinigung. In einem Schrank, der mit der Tür zur Wand stand. "Wir nennen ihn 'Schrank der Schande'. Das ist ein einfacher Archivschrank", sagt Lucarini. "Und diese Akten sind im Jahr 1994 wieder entdeckt worden." Danach seien sie an die Staatsanwaltschaften geschickt worden. Die Ermittlungen konnten beginnen. "Davor wusste man nichts. Aber in den Akten standen die Namen der Schuldigen - von den Ermittlungen der amerikanischen, britischen und französischen Geheimdienste."  

Noch sind ein paar der früheren SS-Männer am Leben. Ein italienisches Gericht verurteilte zehn von ihnen zu lebenslangen Freiheitsstrafen. Die alten Männer leben aber weiter unbehelligt in Deutschland, weil das Land sie nicht ausliefert. Zwar ermittelte die Staatsanwaltschaft in Stuttgart zehn Jahre, stellte das Verfahren aber im Herbst vergangenen Jahres ein, weil man den Männern die brutalen Morde nicht nachweisen konnte. Dabei hat mindestens einer gestanden, eine Gruppe Frauen und Kinder mit dem Maschinengewehr "niedergemäht" zu haben.

"Ich habe mir keinerlei Vorwürfe zu machen"

So wird Sant’Anna di Stazzema zu einem weiteren Beleg dafür, dass weite Teile der deutsche Justiz keinen besonderen Eifer an den Tag legten und legen, wenn es darum geht, NS-Verbrechen juristisch aufzuarbeiten. 

Der mutmaßliche Anführer der SS-Truppen Gerhard Sommer, der in einem Hamburger Altenheim lebt, hat dem ARD-Magazin Kontraste einmal gesagt: "Für mich ist diese Zeit erledigt. Ich habe mir keinerlei Vorwürfe zu machen." Das sehen die Angehörigen der Opfer natürlich anders.

Dieser Beitrag lief am 24. März 2013 um 12:24 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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