Ein Kellner beim Neustart. | dpa

Neustart der Gastronomie "Im Moment zahlen wir nur drauf"

Stand: 18.05.2020 01:41 Uhr

Trotz der Lockerungen haben es besonders kleinere Cafés und Restaurants schwer: Für einige ist es gar ein Verlustgeschäft, wieder zu öffnen. Eindrücke aus Mainz.

Von Lucretia Gather und Christian Kretschmer, SWR

Das "Heiliggeist" in Mainz ist ein Restaurant in beeindruckender Kulisse: Im Mittelalter ein Bürgerhospital, werden in dem gotischen Gewölbesaal seit inzwischen 150 Jahren Gäste bewirtet. Alicia Aslan und ihr Mann Batu betreiben das "Heiliggeist".

Lucretia Gather
Christian Kretschmer

Das erste Wochenende nach acht Wochen Corona-Schließung fasst Alicia Aslan in einem Wort zusammen: ernüchternd. 400 Gäste finden sonst in den zwei großen Räumen und auf der Terrasse Platz. Am Freitagabend waren es nur 52.

Viel Vorbereitung für den Neustart

"Dass jetzt nach der langen Pause nicht gleich alle ins 'Heiliggeist' strömen, das war uns klar. Aber unser schönes Restaurant so leer zu sehen, das tut schon weh", sagt die Besitzerin. "Wir haben viel gearbeitet, um alle Hygieneauflagen zu erfüllen, haben umgebaut, Tische rausgetragen und unsere Lounge rausgeworfen." 

150 Gäste könnten die Aslans nun bewirten. "Im Moment zahlen wir finanziell nur drauf. Aber wir hoffen einfach, dass die Menschen wieder ausgehen wollen und es in den kommenden Wochen anläuft", sagt Batu Aslan.

Ein paar Gassen vom "Heiliggeist" entfernt, beim Altstadtcafé, bleiben Tische und Stühle gänzlich verwaist. Obwohl Betreiber Jan Willem Appeltrath könnte, öffnet er sein Café nicht für Gäste: "Wir haben einen relativ geringen Pro-Kopf-Umsatz und müssten von zuvor 70 Sitzplätzen auf 20 Sitzplätze runter. Wir können auch unsere Terrasse nicht ausweiten, weil es die Räumlichkeiten nicht hergeben", sagt Appeltrath. "Es rechnet sich einfach nicht."

Stattdessen verkauft er weiter seine Bagels, Brownies oder Cappuccini zum Mitnehmen über eine Theke an der Eingangstür.

Besonders kleine Cafés und Kneipen betroffen

"Die Mehrheit der Gastronomen begrüßt die Möglichkeit, wieder öffnen zu dürfen", sagt Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga. Aber sie sieht auch Unterschiede: "Ein kleines Café oder eine Kneipe in der Stadt, mit den teils hohen Pachtkosten, ist besonders betroffen." Hier könnten durch die Abstandsregeln nur wenige Gäste bedient werden. Für viele Wirte lohne sich das nicht.

Das Mainzer Altstadtcafé ist also kein Einzelfall. Wie viele Betriebe genau in Deutschland vorerst geschlossen bleiben, lässt sich laut Branchenverband allerdings nicht beziffern. Der Verband geht in jedem Fall weiterhin von großen Verlusten aus und rechnet damit, dass die Gastronomen wegen der Auflagen in den nächsten Wochen mehr als die Hälfte ihres Umsatzes im Vergleich zum Vorjahr einbüßen.

 

Was genau die Gastronomen zu beachten haben, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. Dass mindestens anderthalb Meter Abstand einzuhalten sind, gilt laut Dehoga überall, ebenso die Kontaktregel: Es dürfen nur Personen aus höchstens zwei Haushalten an einem Tisch sitzen.

Die Verordnung in Rheinland-Pfalz beispielsweise gilt als relativ liberal. Hier gibt es keine Vorschrift, wie viele Gäste maximal in einem Lokal Platz nehmen dürfen, so lange unter anderem der Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen den Tischen eingehalten wird.

Dagegen sieht die Verordnung von Mecklenburg-Vorpommern vor, dass höchstens sechs Personen an einem Tisch sitzen. In Schleswig-Holstein dürfen in einem Lokal in der Regel nicht mehr als 50 Gäste gleichzeitig anwesend sein. Hessen beschränkt die Maximalzahl der Gäste auf eine andere Art, so darf sich im Lokal auf fünf Quadratmetern Fläche nur ein Gast befinden. Bayern unterscheidet wiederum zwischen Innen- und Außengastronomie: Hier dürfen Gäste nun im Freien an Tischen Platz nehmen, im Innenbereich eines Restaurants aber erst ab dem 25. Mai.

 Ein "Ideenwettbewerb" der Länder

"Positiv ausgedrückt gibt es hier einen Ideenwettbewerb der Bundesländer", sagt Hartges. Sie spricht sich für eine einheitlichere Linie aus. Zudem sei manche Verordnung teils noch "nachbesserungsbedürftig". Etwa, wenn es heißt, die Gäste dürften ausschließlich an Tischen bewirtet werden.

Das sei zum Beispiel für Biergärten oder Autobahnraststätten mit Selbstbedienung nicht umsetzbar. "Die Landesregierungen müssen möglichst bald schauen: Welche Maßnahmen bewähren sich und welche sind überflüssig. Ich appelliere da an die Länder, sich auszutauschen und Anpassungen vorzunehmen", sagt Hartges.

Rettungsschirm und Mehrwertsteuer  

"Gerade wir kleineren, inhabergeführten Betriebe brauchen eine Perspektive", fordert Appeltrath vom Mainzer Altstadtcafé. "Wir brauchen auch einen Rettungsschirm, um diese Zeit und dieses Jahr zu überleben." Eine längerfristige Absenkung der Mehrwertsteuer, auf Essen wie auf Getränke, könne ebenfalls helfen.

Das findet auch das Ehepaar Aslan vom "Heiliggeist". Sie hoffen außerdem, dass es in den kommenden Wochen weitere Lockerungen für die Gastronomie geben wird. Beispielsweise, dass die Öffnungszeiten verlängert werden. "Im Sommer wird das wirklich schwierig, wenn die Gäste gerne noch zwei Stunden länger auf unserer Terrasse sitzen wollen und wir sie um 22 Uhr nach Hause schicken müssen", so Alicia Aslan.

Aber wie auch immer es weitergehen werde: Sie habe beschlossen, optimistisch zu bleiben: "Wir freuen uns einfach über jeden Gast, der kommt."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Mai 2020 um 08:00 Uhr.