Dampf steigt aus dem Braunkohlekraftwerk Niederaußem des Energieversorgungskonzerns RWE auf. (Archivbild: 18.11.2020) | dpa

Gedrosselte Gaslieferungen BDI fordert mehr Strom aus Kohlekraftwerken

Stand: 18.06.2022 11:11 Uhr

Um die Gasreserven zu schonen, will der BDI-Präsident, dass vorübergehend wieder stärker auf Kohleenergie gesetzt wird. Die Idee einer Energiesparpflicht stößt auf Kritik. Stattdessen werden Prämien für vorbildliches Verhalten gefordert.

Vor dem Hintergrund gedrosselter Gaslieferungen aus Russland fordert der Präsident des Industrieverbands BDI, Siegfried Russwurm, übergangsweise wieder mehr Strom aus Kohle zu erzeugen. "Mein Appell ist: Jetzt schon die Gasverstromung stoppen und sofort die Kohlekraftwerke aus der Reserve holen", sagte Russwurm den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Wenn die Versorgungslage im Sommer sich tatsächlich so schwierig entwickelt, wie es aktuell wahrgenommen wird, müssen wir diese Option jetzt sofort ziehen."

Den Einwand, dass die vorübergehend höhere Kohleverstromung Klimaschutz-Probleme verursachen könne, wies Russwurm zurück. Ob jetzt oder im Winter mehr Kohle verstromt werde, sei "für die CO2-Emissionen nicht erheblich, aber so sichern wir uns zumindest höhere Füllstände in den Gasspeichern". Es gehe jetzt "um kurzfristige Überbrückungsmaßnahmen zur Sicherung der Energieversorgung", nicht um den generellen Kohleausstieg. Dieser soll nach bisherigen Plänen der Regierungskoalition von 2038 auf 2030 vorgezogen werden.

Auch Spahn für Umstieg auf Kohlekraftwerke

Auch der stellvertretende Unions-Fraktionschef Jens Spahn sprach sich für den sofortigen Umstieg von Gas- auf Kohlekraftwerke bei der Stromerzeugung aus. "Um die Gasspeicher zu füllen, muss der Gasverbrauch im Sommer runter. Daher sollten jetzt endlich mehr Kohle- und weniger Gaskraftwerke laufen", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. "Statt die Deutschen zum Frieren aufzufordern, sollte Habeck hier erst mal selbst handeln", sagte er in Anspielung auf den Wirtschaftsminister, der sich in die Debatte um eine gesetzliche Regelung zur Drosselung der Heizungstemperatur eingschaltet hatte.

Der russische Gazprom-Konzern hatte in den vergangenen Tagen seine Lieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland um 60 Prozent verringert. Die Bundesnetzagentur erklärte gestern, die Lage sei "angespannt".

FDP-Fraktionschef gegen Energiesparpflicht

Um eine gesicherte Energieversorgung zu gewährleisten, wird in der Politik auch über eine Pflicht zum Energiesparen diskutiert. FDP-Fraktionschef Christian Dürr sprach sich nun dagegen aus. Seiner Meinung nach sei das Aufgabe der Bundesregierung, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Deshalb sei es richtig, dass Robert Habeck sich momentan mit Nachdruck darum kümmere, auch im Winter eine Knappheit zu verhindern.

"Diese Bestrebungen dürfen jetzt nicht nachlassen, denn es darf auf keinen Fall zu Rationierungen kommen. Von einer Pflicht zum Energiesparen halte ich nichts", sagte Dürr. "Aber der sorgsame Umgang mit knappen Ressourcen, den die meisten Bürger bereits jetzt eigenverantwortlich entwickelt haben, ist natürlich immer sinnvoll."

Prämien für sparsame Verbraucher gefordert

Die "Wirtschaftsweise" Veronika Grimm forderte im Zuge der Energiekrise die Einführung von Prämien für Verbraucher, die sparsam mit Gas umgehen. Angesichts der Drosselung russischer Gaslieferungen "sollte man dringend Prämien ausschreiben für Haushalte, die ihren Gasverbrauch im kommenden Winter drastisch reduzieren", sagte das Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der "Rheinischen Post". "Das könnte man durch den Vergleich der Gasrechnungen relativ einfach überprüfen, und die Leute würden sich jetzt schon - entsprechend ihrer Möglichkeiten - auf den Winter vorbereiten können."

Das Potenzial sei groß, man müsse aber frühzeitig kommunizieren, dass es sich lohne, sagte die Ökonomin. "Bevor man zu gesetzlichen Einsparmaßnahmen greift, wie von Wirtschaftsminister Robert Habeck ins Spiel gebracht, sollte man die Potenziale heben, die durch Anreize möglich sind", sagte Grimm. "So verzichten diejenigen Akteure, bei denen es am wenigsten einschneidend ist." Ohne drastische Energieeinsparungen würden die geringeren Gaslieferungen deutliche wirtschaftliche Spuren in Deutschland hinterlassen.

Zuvor hatte sich auch der Verbraucherexperte Peter Kenning gegenüber dem "Handelsblatt" für Prämien für sparsame Haushalte beim Thema Gas ausgesprochen. Habeck schließt als Konsequenz auf gesenkte Gaslieferungen durch Russland auch gesetzliche Maßnahmen zu Energie-Einsparungen nicht aus. Damit Gas möglichst in großem Umfang gespart werden kann, hatte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, eine gesetzlich vorgeschriebene Drosselung der Heizungstemperatur für Wohnungen ins Spiel gebracht. Bundesbauministerin Klara Geywitz hatte sich dagegen ausgesprochen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 18. Juni 2022 um 11:00 Uhr.