Strand von Antalya in der Türkei | Bildquelle: picture alliance / dpa

Bedenken gegen Türkei-Reisen Vom Strand in den Knast?

Stand: 26.03.2019 12:35 Uhr

Wie groß ist das Risiko für Türkeiurlauber wirklich? Experten bezweifeln, dass Touristen tatsächlich viel zu befürchten haben. Für Außenminister Gabriel könnte sich sein Aufruf zur Vorsicht trotzdem auszahlen.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Es war ein arbeitsreicher Tag, den der Außenminister da seinen Mitarbeitern bescherte. Nachdem Sigmar Gabriel in einem Interview erneut seine Bedenken bezüglich Urlaubsreisen in die Türkei geäußert hatte, liefen im Auswärtigen Amt die Telefonleitungen heiß. Zahlreiche Touristen waren verunsichert: Hatte sich die Sicherheitslage in der Türkei etwa erneut verschlechtert? Sprach die Bundesregierung gar eine offizielle Reisewarnung aus?

"Konstruierte Warnung"

Tat sie nicht. Das Ministerium stellte schnell klar, dass die Aussagen des Ministers keine Neubewertung der Lage in der Türkei seien. Die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts bleiben auch nach Gabriels Interview unverändert. Eine weitere Verschärfung, über das seit Ende Juli gültige Niveau hinaus, blieb aus. Auch eine formelle Reisewarnung gibt es nicht.

Müssen sich deutsche Urlauber am Strand von Antalya jetzt also Sorgen machen? Experten sind da nicht so sicher. Er halte die Warnung für "konstruiert", sagt Yunus Ulusoy vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZFTI) an der Universität Duisburg-Essen, im Gespräch mit tagesschau.de. Zumindest für Touristen ohne Migrationshintergrund.

Strandleben in Antalya | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto
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Strandleben in Antalya - ausländische Touristen bleiben fern.

Wirtschaftsfaktor Tourist

Unter den zehn deutschen Staatsbürgern, die aus politischen Gründen in der Türkei im Gefängnis sitzen, sei kein einziger Tourist, so Ulusoy. Er erwartet auch nicht, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändert. Schließlich wäre es "touristischer Selbstmord" für die Türkei, sollten die Behörden tatsächlich deutsche Reisende ohne angemessenen Grund in Haft nehmen.

Ein weiteres Einbrechen des Tourismus könnte für die türkische Regierung jedoch spürbar negative Auswirkungen haben. Die Urlaubsbranche ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im Land. Sie beschäftigt Hunderttausende Menschen - darunter natürlich auch viele AKP-Wähler, so Ulusoy.  

Leere Geschäftsstraße in Kemer/türkische Riviera | Bildquelle: picture alliance / Marius Becker
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Leere Geschäftsstraße in Kemer an der türkischen Riviera

Weniger Deutsche reisen in die Türkei

Eine Einschränkung nimmt der Türkeiexperte allerdings doch vor: Türkeistämmige Deutsche, die der Erdogan-Regierung kritisch gegenüber stehen, könnten durchaus Probleme bekommen, wenn sie in die Türkei einreisen, sagt Ulusoy. Es habe bereits mehrere Fälle gegeben, in denen Menschen an der Einreise ins Land gehindert wurden, erklärt er. In solchen Fällen seien Sicherheitsbedenken durchaus angemessen. Zuletzt wurde jedoch auch mindestens ein Fall bekannt, in dem einem deutschen Urlauber, der nicht türkischer Abstammung war, die Einreise in die Türkei verwehrt wurde.

Trotzdem schlagen die politischen Entwicklungen in der Türkei auch auf den Tourismus durch. Laut Deutschem Reiseverband liegen die Buchungszahlen für das Land in diesem Jahr unter dem Niveau des ebenfalls schon schwachen Jahres 2016.

Stufe der Eskalation

Zwar registrierten die Reisebüros in den Sommermonaten Mai, Juni und Juli wieder einen Anstieg bei den kurzfristigen Buchungen. Wie die verschärften Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes sich auf diese Entwicklung auswirkten, geht aus den bislang ausgewerteten Zahlen jedoch noch nicht hervor. Insgesamt kann die Türkei sich jedoch wieder über einen Zuwachs an Touristen freuen. Vor allem Reisende aus Russland verbringen ihren Urlaub zunehmend dort.

Gabriel hatte bereits im Juli vor Reisen in die Türkei gewarnt. Deutsche Staatsbürger seien dort vor "willkürlichen Verhaftungen nicht mehr sicher", so der Außenminister damals. Die Verschärfung der Reisehinweise war eine weitere Eskalationsstufe im Konflikt zwischen Deutschland und der Türkei, der sich mittlerweile seit rund zwei Jahren hinzieht.

Dauerstreit mit Erdogan

Auch danach beruhigte sich die Situation kaum. Zuletzt hatte Präsident Erdogan türkeistämmige Deutsche dazu aufgefordert, bei der Bundestagswahl nicht CDU, SPD oder Grüne zu wählen. Gabriel warf ihm daraufhin einen "einmaligen Akt des Eingriffs in die Souveränität" Deutschlands vor.

Erdogan verbat sich diesen Ton und griff Gabriel direkt an. Der türkische Europaminister Ömer Celik setzte daraufhin noch einen drauf. Er warf dem deutschen Außenminister "Rassismus" vor. Gabriel ließ die Attacken an sich abprallen. "Ich kann professionell damit umgehen", so der SPD-Politiker. Im selben Gespräch wiederholte er dann seine persönliche Reisewarnung.

Erdogan und Gabriel | Bildquelle: REUTERS
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Der türkische Präsident Erdogan und Außenminister Gabriel bei dessen Besuch im Mai 2017 in Ankara. Das Verhältnis zwischen beiden verschlechtert sich zunehmend.

Bei den Wählern kommt Gabriel damit gut an. Umfragen zufolge wünschen sich die Deutschen von ihrer Regierung ein entschiedeneres Auftreten gegenüber der Türkei. Auch das dürfte in Gabriels Überlegungen eine Rolle spielen. Denn während sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im Ton nach wie vor zurückhält, setzt ihr Vize auf Konfrontation – immer in der Hoffnung, den großen Abstand zur Union bis zur Bundestagswahl in vier Wochen doch noch zu verringern.

Über dieses Thema berichtete am 25. August 2017 Deutschlandfunk um 17:20 Uhr und die tagesschau um 20:00 Uhr.

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