Maurice Conrad malt im Hinterhof ein Transparent | SWR

"Fridays for Future" Protest im Netz statt auf der Straße

Stand: 24.04.2020 03:49 Uhr

Das Coronavirus hat den Klimaschutz aus den Schlagzeilen verdrängt. Die Aktivisten von "Fridays for Future" wollen das ändern - und streiken online. Für sie ist die Krise Herausforderung und Chance zugleich.

Von Stephan Lenhardt, SWR

Ein altes Bettlaken, etwas Farbe und ein Handy: Mehr braucht Maurice Conrad nicht für seinen Protest. Seit Jahren ist er bei "Fridays for Future" aktiv. Im Hinterhof seines Elternhauses in Mainz zieht er die letzten Pinselstriche. "Earth is still on fire", prangt auf dem Banner, das er im Vorgarten an den Zaun hängt, darunter steht der Hashtag "NetzstreikfürsKlima". Denn das Foto postet er im Internet - dort, wo in Zeiten des Corona-Kontaktverbots der fünfte globale Streiktag der Klimabewegung stattfindet.

Stephan Lenhardt

Zur Erinnerung: 100.000 Menschen waren im September 2019 beim Höhepunkt der Proteste in Berlin auf der Straße, 70.000 in Hamburg, 40.000 in München. Conrad ist zuversichtlich: "Die haben wir im Wesentlichen auch übers Internet mobilisiert. Wenn jetzt alle zu Hause sind und #stayathome leben, warum sollten wir da nicht wieder genauso viele Menschen erreichen können?".

Herausforderung Filterblase

Statt vor dem Brandenburger Tor gibt es Aktionen und Reden auf YouTube. Klimaforscherinnen und Klimaforscher von "Scientists For Future", Künstler wie Clueso oder Schauspielerinnen wie Katja Riemann sollen im Livestream auftreten.

Wie Conrad in Mainz stellen weltweit Klimaaktivisten Fotos ihrer Protestplakate ins Netz. Mehr als 60 davon hat die Mainzer Ortsgruppe auch per Post nach Berlin geschickt. Um Infektionen auszuschließen, sollen sie dort laut der Veranstalter 72 Stunden versiegelt bleiben. Dann werden sie mit vielen anderen im Berliner Regierungsviertel aufgestellt. Ähnliche Aktionen soll es in Hamburg, München oder Stuttgart geben.  

"Momentan scheint es so, als würde die Bewegung es aus den sozialen Netzwerken auch in die Massenmedien beziehungsweise traditionellen Medien schaffen", sagt Evelyn Bytzek, Wissenschaftlerin mit Forschungsschwerpunkt politische Kommunikation an der Uni Koblenz/Landau. "Und so erreichen sie auch Menschen außerhalb ihrer Filterblase." Dass das in gleichem Maße funktioniere wie vor Corona, sei aber eher unwahrscheinlich.

Maurice Conrad malt im Hinterhof ein Transparent | SWR

Klimaaktivist Maurice Conrad malt im Hinterhof ein Transparent für den Netzstreik. Bild: SWR

Aus der Corona-Krise lernen

Kurz vor dem Online-Streiktag meldet sich auch die Initiatorin der Bewegung Greta Thunberg zurück: "Wir müssen die Corona-Pandemie gleichzeitig mit dem Klima- und Umweltnotstand angehen“, sagte sie bereits am Mittwoch zum "Earth Day".

Auch viele Forscher sehen in der Corona-Krise nicht das Ende der Bewegung. "Für Fridays for Future ist der Umgang mit der Corona-Krise eine Art Blaupause auch für die Klimakrise: Plötzlich sind alle Menschen direkt betroffen", sagt Julia Zilles. Die Wissenschaftlerin der Uni Göttingen forscht zum Thema Umweltproteste und ist Mitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung. "Aus Sicht der Bewegung sollte das in Sachen Klima zukünftig genauso sein und die Politik müsste ebenso handeln - beispielsweise mehr auf Klimaforscher hören, so wie es jetzt mit den Virologen der Fall ist."

Auch ungewollte Nebenaspekte der Corona-Krise könnten den Umweltaktivisten in die Hände spielen: weniger Flugzeuge, weniger Straßenverkehr. Doch Prognosen, ob der Klimaschutz nach der Krise tatsächlich mehr Gehör findet, fallen Forschern schwer.

Wirtschaftsinteressen versus Umwelt

Es gibt auch Anzeichen, die klar dagegen sprechen. So hat das Land Baden-Württemberg beispielsweise gerade darum gebeten, Fahrverbote für Dieselfahrzeuge zu verschieben. Und auch die verschärften Düngeregelungen für die Landwirtschaft zur Umsetzung der EG-Nitratrichtlinie müssen warten. "Denn aktuell stehen unsere Bauern angesichts der Corona-Pandemie vor zusätzlichen Herausforderungen", schreibt das Bundeslandwirtschaftsministerium.

Wirtschaftliche Aspekte stünden jetzt zwar kurzfristig im Vordergrund - doch langfristig könnte es trotzdem Chancen geben, dass das Klimathema wieder mehr aufmerksam erhält, glaubt Politologin Bytzek: "Auch aus der Wirtschaftsperspektive kann man zu dem Schluss kommen, dass es beispielsweise mit der Digitalisierung in der Krise gut geklappt hat. Und dass deswegen in Zukunft möglicherweise das ein oder andere Meeting digital stattfindet - also ohne Dienstreise."

Mit Klimaschutz die Konjunktur ankurbeln

In einem offenen Brief fordern mehr als 180 Organisationen und Unternehmen, die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz, ein Klima-Konjunkturpaket zur wirtschaftlichen Wiederbelebung nach der Corona-Krise. Sie rufen die Bundesregierung dazu auf, "unbedingt an den Klimazielen festzuhalten".  Auch der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Dieter Kempf, forderte mittelfristig ein solches Konjunkturpaket.

Corona löst keine Klimaprobleme

Protestforscherin Zilles glaubt nicht, dass Corona das Ende der "Fridays for Future"-Bewegung ist. Forschungen hätten gezeigt, dass die Motivation der Aktivisten sehr authentisch sei. Und: "Corona löst keine Klima-Probleme.“

Auch das Wetter spielt den Online-Streikenden in die Karten. Der April ist so trocken wie lange nicht, mit entsprechenden Folgen für Wälder oder die Landwirtschaft.  Der Klimaaktivist Conrad aus Mainz ist entschlossen: "Wir müssen einen Weg finden, auch während der Corona-Krise klarzumachen, dass die Klimakrise nicht verschoben ist, sondern dass die größte aller Krisen weiterhin präsent ist."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. April 2020 um 06:00 Uhr.