Demonstration gegen den Abtreibungsparagrafen, Rostock 1993 | Bildquelle: Anette Niemeyer

Frauen in der DDR "Wir waren wie losgelassen"

Stand: 04.11.2019 04:21 Uhr

An den Protesten in der DDR 1989 waren auch viele Frauen beteiligt. Oft aber verschwanden ihre Gesichter hinter der "Omnipräsenz der Männer".

Von Jette Studier, NDR

Im Spätsommer 1989 ist Uta Loheit 30 Jahre alt, arbeitet als Gemeindepädagogin im Schweriner Dom und singt in einem Kammerchor. Über ihren Gesangslehrer im Chor lernt sie Rolf Henrich kennen. Er ist Jurist und gehört im Spätsommer 1989 zu den Vordenkern und Mitbegründern der Bürgerbewegung Neues Forum. Die Gruppe sucht zu dieser Zeit DDR-weit vertrauenswürdige Mitstreiter. Uta Loheit wird so - ganz ohne es geplant zu haben - eine von ihnen.

Am 18. September 1989 meldet sie gemeinsam mit dem Schweriner Kriegsdienstverweigerer Martin Klähn beim Rat des Bezirks in Schwerin das Neue Forum an. "Es sollten möglichst zwei den Antrag stellen", sagt sie, "damit nicht einer allein in den Fokus gerät." Knapp zwei Wochen später findet dann die DDR-weit erste öffentliche Veranstaltung des Neuen Forums in Schwerin statt. Fast 1000 Menschen kommen zusammen. Ihr Ziel ist der Dialog: Darüber, was anders werden muss in ihrem Staat. Bei der ersten Großdemonstration gehen 40.000 Menschen auf die Straße.

Demonstration des "Neuen Forums" in  Schwerin am 23.10.1989 | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER
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Demonstration des "Neuen Forums" in Schwerin am 23.10.1989

Frauen schließen sich zusammen

Uta Loheit ist eine von vielen Frauen, die 1989 für Veränderung streiten. Einige spielten Schlüsselrollen in der DDR-Bürgerbewegung: Bärbel Bohley gründete gemeinsam mit Katja Havemann die "Frauen für den Frieden". Auch Ulrike Poppe gehört dazu.

Uta Loheit | Bildquelle: Daniel Vogel
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Uta Loheit, Aufnahme 2019, war 1989 Mitbegründerin des Neuen Forums.

Bärbel Bohley (Archivbild von 1989)
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Bärbel Bohley 1989 bei einer Demo in Ost-Berlin. Sie verstarb 2010.

Marianne Birthler | Bildquelle: picture-alliance / Sven Simon
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Marianne Birthler, von 2000-2011 Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde und Nachfolgerin von Joachim Gauck

Ulrike Poppe
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Ulrike Poppe, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Brandenburg 2010-2017

Marianne Birthler wird später Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Einige Namen sind in Erinnerung geblieben. Oft aber verschwanden die Gesichter der Frauen hinter der "Omnipräsenz der Männer", analysiert Anna Kaminsky von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in ihrem Buch "Frauen in der DDR". Fast vergessen ist heute, dass in der Zeit des Aufbruchs auch eine neue feministische Bewegung immer lauter wird und sich zusammenschließt zum "Unabhängigen Frauenverband".

"Es gab wenige Alibi-Frauen in Führungsetagen"

1989 sieht dann Maria Pulkenat aus Rostock die einmalige Chance, sich einzubringen. Sie ist damals 28 Jahre alt, arbeitet als Nachwuchs-Kraft an der Universität und beschreibt die Zeit als wild und euphorisch: "Wir waren wie losgelassen." Die vollkommene Gleichberechtigung, die der Staat propagiert, sieht sie damals nicht verwirklicht. Frauen hätten in der DDR zwar gearbeitet, aber oft in schlechter bezahlten Berufen und kaum in den höheren Ebenen: "Es gab wenige Alibi-Frauen in Führungsetagen", meint sie. Probleme wie Gewalt oder die hohe Belastung der Mütter durch Beruf und Hausarbeit seien kein Thema gewesen.

Maria Pulkenat im Jahr 1990 | Bildquelle: Anette Niemeyer
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Maria Pulkenat im Jahr 1990: Die vollkommene Gleichberechtigung, die der Staat propagiert, sieht sie damals nicht verwirklicht.

Mythos "Ost-Frau"

Dass die Geschichte dieses Feminismus der späten DDR heute kaum sichtbar ist, liege auch am Mythos "Ost-Frau", meint die Historikerin Jessica Bock, die die Bewegung in Leipzig erforscht hat. Sie beschreibt einen Feminismus, der anders sein wollte: "Die haben damals schon gesagt: Wir wollen nicht in die Frauenecke geschoben werden!", meint Bock.

Themen wie Umweltschutz, die Gleichberechtigung von Homosexuellen und Übergriffe auf sogenannte Vertragsarbeiter standen etwa auf der Agenda. Am 3. Dezember 1989 treffen sich mehr als 1000 Aktivistinnen in der Berliner Volksbühne, um sich DDR-weit dazu auszutauschen. Nur Monate später wird klar, dass mit der Wiedervereinigung noch ganz andere Herausforderungen warten: "Wir rennen den Ereignissen hinterher", heißt es in einer Rede beim Frauen-Treffen 1990.

Historikerin Jessica Bock | Bildquelle: Jessica Bock
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Dass der Feminismus der späten DDR heute kaum sichtbar ist, liege auch am Mythos "Ost-Frau", meint Historikerin Jessica Bock.

Protest gegen den Abtreibungsparagrafen der BRD

Eine der härtesten politischen Auseinandersetzungen führen die ostdeutschen Frauen in diesen Tagen über den Abtreibungsparagrafen in Westdeutschland.

Die DDR hatte den Schwangerschaftsabbruch 1972 legalisiert: Innerhalb von zwölf Wochen konnten Frauen selbstbestimmt darüber entscheiden, ob sie ein Kind bekommen wollen oder nicht. In der Bundesrepublik gilt dagegen der Paragraf 218, nach dem eine Abtreibung grundsätzlich rechtswidrig ist, unter Umständen aber straffrei bleibt.

Die Aussicht darauf, dass dieses Gesetz mit der deutschen Einheit auch für sie gelten sollte, treibt die DDR-Frauen auf die Straße. In Rostock organisiert Maria Pulkenat mit anderen Frauen eine Demonstration durch die Innenstadt. Sie versuchen öffentliche Räume zu besetzen. "Wir haben das als Eingriff in unsere Selbstbestimmung und als große Bevormundung gesehen", sagt sie.

Der gesamtdeutsche Bundestag verabschiedet 1992 einen Kompromiss: die etwas liberale "Fristenlösung" mit Beratungspflicht. Diese kippt das Bundesverfassungsgericht nach einer Klage des Landes Bayern und der Unionsfraktion im Bundestag. Seit 1995 ist die Abtreibung wieder grundsätzlich unter Strafe gestellt - eine Niederlage für den "Unabhängigen Frauenverband". Andererseits sahen einige Ost-Frauen die damit eingeführte Pflicht zur psychosozialen Beratung, die es in der DDR nicht gab, auch positiv, meint Historikerin Jessica Bock.

Keine Zukunft als Partei

In der Parteien-Demokratie nach 1989 kann sich der Unabhängige Frauenverband nicht durchsetzen. Nach einem Bündnis mit den DDR-Grünen zur Volkskammer-Wahl 1990 beansprucht der Partner alle erkämpften Mandate für sich. Im ersten gesamtdeutschen Bundestag bekommt die Frauenbewegung über das "Bündnis 90" noch einen Sitz. Kurz drauf beschließen die Frauen, nur als Verein weiterzuarbeiten.

Viele Akteurinnen seien nach 1990 ausgelaugt gewesen, erklärt Historikerin Bock. Sie verloren ihre Arbeitsplätze, mussten neue Stellen suchen und sich nebenbei darum kümmern, trotz schließender Kindergärten die Betreuung zu organisieren. Und auch politische Hoffnungen wurden enttäuscht: "Dass es zur Deutschen Einheit gekommen ist und auch wie es dazu gekommen ist, hat dazu geführt, dass viele Frauen sich zurückgezogen haben."

Runder Tisch - "Sinnbild der Demokratie"

Maria Pulkenat blickt auf die Jahre nach 1989 als eine Zeit der Möglichkeiten und Freiräume zurück. Die Frauen in Rostock legen Grundsteine - etwa für das erste Frauenhaus und eine Gleichstellungsbeauftragte. Sie bauen ein Kultur-Zentrum auf, das noch heute existiert: "Es war eine starke, kräftige, sehr provozierende und gezielt agierende Bewegung", sagt sie.

Uta Loheit, die in Schwerin das Neue Forum anmeldete, glaubt heute, dass viele Frauen Macht eher teilen. Sie selbst zieht sich nach der Zeit des Aufbruchs aus der politischen Arbeit zurück. In eine Partei ist sie bis heute nicht eingetreten. Die Idee der Runden Tische steht für sie als Sinnbild der Demokratie.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Oktober 2019 um 20:10 Uhr in der Sendung "Aus Kultur- und Sozialwissenschaften".

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