Lufthansa-Maschinen stehen auf der gesperrten Landebahn Nordwest des Frankfurter Flughafens während der Corona-Krise | dpa

Neue Corona-Variante Deutschland prüft Beschränkung von Flügen

Stand: 20.12.2020 15:57 Uhr

Nach der Entdeckung einer neuen Corona-Variante in Großbritannien und Südafrika erwägt auch Deutschland, Flüge aus den beiden Ländern auszusetzen. Mehrere europäische Länder stoppten bereits den Reiseverkehr.

Deutschland erwägt Regierungskreisen zufolge wegen der Ausbreitung einer neuen Variante des Coronavirus ein Verbot von Flügen aus Großbritannien und Südafrika. Eine Einschränkung von Flügen aus den beiden Regionen sei "eine ernsthafte Option", hieß es aus Kreisen des Bundesgesundheitsministeriums.

Ein Sprecher von Ressortchef Jens Spahn sagte dazu: "Das Bundesgesundheitsministerium verfolgt die Entwicklung in Großbritannien sehr genau, ist in Kontakt mit den europäischen Nachbarn und wertet mit Hochdruck die Informationen über die mögliche Virus-Variante aus."

Bundeskanzlerin Angela Merkel beriet dazu bereits mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und den Spitzen der EU. An dem Gespräch nahmen seitens der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sowie Ratspräsident Charles Michel teil, wie der Elysée-Palast in Paris mitteilte. Die spanische Regierung fordert wegen der mutmaßlich ansteckenderen Variante des Virus ein koordiniertes Vorgehen der EU. Auch Merkel trete einem Bericht der "Bild"-Zeitung zufolge für eine konzertierte Aktion der EU ein - Deutschland hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft. Ab Mitternacht bis zum 6. Januar solle zunächst der Flugverkehr untersagt werden, berichtete das Blatt. Das Kanzleramt lehnte bislang eine Stellungnahme zum Bericht ab.

Gestern war bekannt geworden, dass eine ähnliche Virusmutation auch in Südafrika aufgetreten ist.

Mehrere europäische Länder stoppen Reiseverkehr

Einige europäische Staaten hatten bereits Verkehrseinschränkungen von und nach Großbritannien eingeführt bzw. angekündigt. Nachdem in den Niederlanden die gleiche neue Virusform festgestellt worden war, hatten die Niederlande am Sonntagmorgen Passagierflüge aus Großbritannien zunächst bis zum 1. Januar verboten.

Auch Belgien kappt seine Verkehrsverbindungen zum Vereinigten Königreich. Flüge und Zugverbindungen aus Großbritannien würden ab Mitternacht gestoppt, kündigte ein Regierungsvertreter an. Regierungschef Alexander De Croo sagte im Fernsehsender VRT, die Anordnung werde für mindestens 24 Stunden gelten.

Italien will ebenfalls Flugverbindungen von und nach Großbritannien aussetzen. Das schrieb Außenminister Luigi di Maio in einem Facebook-Post. Die Regierung habe die Pflicht, die italienische Bevölkerung zu schützen.

Dem Fernsehsender BFM zufolge erwägt auch Frankreich die Unterbrechung des Flug- und Zugverkehrs aus Großbritannien. Eine offizielle Entscheidung dazu werde noch im Laufe des Sonntags erwartet. Österreich plant laut der Nachrichtenagentur APA ebenfalls einen Stopp aller Flüge aus Großbritannien.

Mutation in Deutschland bisher nicht vorgekommen

Der Chefvirologe der Berliner Charité, Christian Drosten, schrieb bei Twitter, in Deutschland sei die Mutation bisher nicht aufgetaucht. Die Verbreitung könne Zufall sein.

Die Mutationen verschafften dem Virus nicht zwingend einen Selektionsvorteil, auch wenn das möglich sei, so der Coronavirus-Experte. Ein Selektionsvorteil kann dazu führen, dass sich ein Virus leichter ausbreiten kann.

Experten: Impfstoff weiterhin wirksam

Für eine befürchtete Beeinträchtigung der Wirksamkeit des Corona-Impfstoffes durch die Mutation sehen Experten bislang noch keine Anhaltspunkte.

"Ich sehe da derzeit keinen Grund für Alarm", sagte Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel. Auch Andreas Bergthaler von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (CeMM) in Wien hält die derzeitige Entwicklung nicht für "wahnsinnig alarmierend". Dass Mutationen auftauchen, sei nicht ungewöhnlich. Derzeit wisse man nicht, ob die beobachteten Veränderungen die Eigenschaften des Erregers überhaupt entscheidend verändern.

Mit Blick auf die Wirksamkeit der Impfung betonen die Experten, dass der Impfstoff eine Immunreaktion gegen gleich mehrere Virusmerkmale erzeugt. Veränderungen einzelner Merkmale würden deshalb nicht dazu führen, dass das Immunsystem den Erreger nicht mehr erkenne, so Neher.

Neue Corona-Variante deutlich ansteckender

Nach ersten Erkenntnissen britischer Wissenschaftler ist die kürzlich entdeckte Variante des Virus um bis zu 70 Prozent ansteckender als die bisher bekannte Form.

Die neue Corona-Variante wird für einen starken Anstieg der Infektionszahlen in Teilen Englands verantwortlich gemacht, wegen derer die britische Regierung in London und Südostengland eine Ausgangssperre verhängt hatte.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. Dezember 2020 um 14:00 Uhr.