Schweinehälften passieren einen Kontrollpunkt in einem Schlachthof in Ostfriesland | dpa
Interview

Kritik an Fleischbetrieben "An das Grundübel rangehen"

Stand: 25.06.2020 18:57 Uhr

Nicht erst seit Corona steht die Fleischbranche in der Kritik. Die Bedingungen seien katastrophal und begünstigten eine Ausbreitung des Virus, sagt der NGG-Vorsitzende Zeitler bei tagesschau24. Das Hauptproblem seien die Werkverträge.

tagesschau24: Ein zentraler Kritikpunkt an der Fleischbranche sind die Werkverträge. Geht es dabei in erster Linie um Geld?

Guido Zeitler: Ja, natürlich. Das ist ein System, das die Produktionskosten nach unten drückt und letztlich die großen Fleischunternehmen davor schützt, sich dem Vorwurf ausgesetzt zu sehen, dafür verantwortlich zu sein. Wir erleben ja seit vielen Jahren diese schlechten Arbeitsbedingungen in der Branche, die sind ja auch immer mal wieder - nicht nur in Corona-Zeiten, sondern auch sonst - Gegenstand öffentlicher Debatten gewesen.

tagesschau24: Wie sehen die aus?

Zeitler: Fangen wir bei der Bezahlung an: Die Bezahlung ist in der Regel zum Mindestlohn. Oftmals wird der dadurch unterlaufen, dass Arbeitszeitnachweise manipuliert werden. Wir erleben, dass die Menschen, die oft aus Bulgarien, Rumänien zum Arbeiten nach Deutschland kommen, erst einmal viel Geld bezahlen müssen, weil sie ihre Arbeitskleidung selbst bezahlen müssen.

Wir erleben weiter, dass die Unterbringungssituation für die Menschen katastrophal ist. Wir reden oft von Schrottimmobilien. Da ist es dreckig. Da ist keine Hygiene möglich. Wir erleben eine Vielfachbelegung in den Zimmern. Es gab auch schon Fälle, da sind die Matratzen gar nicht kalt geworden. In den Fabriken wird ja im Schichtsystem gearbeitet: Der eine geht zur Arbeit, und der nächste kommt aus der Fabrik und legt sich in das warme Bett. Das haben wir alles schon erlebt, also katastrophale Bedingungen in der Branche.

Kontrolle oft nicht möglich

tagesschau24: Nun sind die Missstände lange bekannt. Warum hat sich seit Jahren so wenig getan?

Zeitler: Weil man immer versucht hat, an den Auswüchsen Dinge zu verändern. Der Gesetzgeber hat 2017 das Gesetz zur Sicherung von Arbeitnehmerrechten in der Fleischwirtschaft verabschiedet, also ein besonderes Schutzgesetz für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in dieser Branche. Da wurde dann reingeschrieben, dass die Arbeitszeiten genau zu erfassen sind, damit man die Einhaltung unter anderem des Mindestlohnes kontrollieren kann.

Wenn dann aber falsche Aufzeichnungen da sind, kann man das gar nicht wirksam kontrollieren. Das heißt, die Branche sucht sich auch immer wieder Wege, die Dinge, die der Gesetzgeber ihm aufgegeben hat, zu unterwandern. Deswegen ist es jetzt auch folgerichtig, an das Grundübel ranzugehen. Das Grundübel in dieser Branche ist diese Struktur der Werkverträge. Wir müssen da hin kommen, dass die Unternehmen selbst dafür verantwortlich sind, wie Menschen bezahlt werden, wie Arbeitszeiten dokumentiert werden und vor allem auch wie die Unterbringung ist.

Die Fleischindustrie in Deutschland

Laut Statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland knapp 1500 größere Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe. Dort arbeiten gut 128.000 Menschen. Das macht im Schnitt eine Betriebsgröße von etwa 85 Mitarbeitern - in der Praxis variiert diese aber stark, außerdem sind Kleinstbetriebe in der Statistik nicht enthalten.

Laut Deutschem Gewerkschaftsbund gilt für rund 80.000 Beschäftigte in der Fleischindustrie der gesetzliche Mindestlohn von 9,35 Euro. Die Branche selber gibt an, die meisten Arbeitnehmer seien versicherungspflichtig beschäftigt und unterlägen Tarifverträgen. Angaben zur Zahl der Werkverträge oder ausländischer Saisonkräfte machte Fleischverband auf Nachfrage der Nachrichtenagentur AFP nicht.

Offiziell wenig bekannt ist über die Unterbringung ausländischer Werkvertragskräfte - also etwa, wie viel Platz jedem einzelnen zur Verfügung steht. Auch die Branche bestreitet aber nicht, dass sie überwiegend in Sammelunterkünften leben. Das können einzelne Wohnungen sein, in denen mehrere Mitarbeiter wie in einer WG wohnen - aber auch leer stehende Kasernengebäude.

Günstige Bedingungen für das Virus

tagesschau24: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass es so hohe Corona-Infektionszahlen in Fleischbetrieben gibt?

Zeitler: Ich glaube, da gibt es mehrere Faktoren. Wir alle haben gelernt, dass ein ganz wesentlicher Punkt zum Schutz vor einer Infektion der ist, Abstand zu halten. Wir haben Produktionsprozesse in der Fleischindustrie, da stehen die Menschen oft eng beieinander. Man müsste da größere Abstände schaffen. Das geht aber nur dann, wenn man die Geschwindigkeit deutlich reduziert.

Wir reden da auch über Akkordarbeit. Das ist sehr durchgetaktet alles. Man müsste die Produktionsprozesse deutlich verlangsamen, damit Abstand gehalten werden kann. Das führt dann allerdings natürlich zu einer anderen Produktivität, und deswegen ist das nicht gemacht worden. Die Abstände wurden oftmals nicht eingehalten. Wir haben beim Beispiel Tönnies gesehen, dass man offensichtlich auch nicht darauf geachtet hat, wie in den Sozialräumen, sprich in der Kantine, Abstände eingehalten werden.

"Eigentlich nichts Neues"

Es gibt aber auch andere Faktoren. Der Transport von den Unterkünften in die Fabrik findet oftmals in Sammeltransporten statt. Auch das kann natürlich begünstigen. Die Temperatur in den Produktionsbetrieben ist günstig für eine Verbreitung des Virus, womöglich auch wie mangelhafte Be- und Entlüftung der Betriebe.

All das kann die Verbreitung in der Fleischindustrie begünstigen. Das ist aber auch eigentlich nichts Neues. Das wusste man spätestens, seit wir die großen Ausbrüche auch in den Fleischbetrieben in den USA gesehen haben. Auch da war immer der Verdacht da, dass die Rahmenbedingungen, insbesondere Be- und Entlüftung und die Temperaturen eine ganz wesentliche Rolle spielen.

Das Interview führte Michail Paweletz, tagesschau24.

Es wurde für die schriftliche Fassung leicht redigiert und gekürzt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. Juni 2020 um 15:00 Uhr.