Helfer im polnischen Stettin kippen eine Kiste mit toten Fischen in die Schaufel eines Radladers. | dpa

Umweltkatastrophe Giftige Algenart in der Oder gefunden

Stand: 17.08.2022 17:35 Uhr

Forscher suchen weiter nach der Ursache des Fischsterbens in der Oder. Mittlerweile wurde eine giftige Algenart entdeckt, die in dem Fluss eigentlich nicht massenhaft vorkommen dürfte. In Brandenburg leidet bereits der Tourismus.

Die Ursache für das massenhafte Fischsterben in der Oder ist weiterhin nicht gefunden - doch Forscher konnten eine giftige Algenart nachweisen, die sich in der Oder rasant entwickelt hat. Im Flusswasser sei die Mikroalge Prymnesium parvum identifiziert worden, sagte der Gewässerökologe Christian Wolter vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei.

"Die Art ist bekannt dafür, dass es gelegentlich zu Fischsterben kommt", sagte Wolter - doch ob das Gift der Alge auch in diesem Fall für das massenhafte Sterben der Fische verantwortlich ist, ist weiterhin unklar. In der Oder kam es Wolter zufolge zu einer massiven Blüte der Algenart mit 200 Mikrogramm pro Liter und mehr als 100.000 Zellen pro Milliliter Wasser. Für Menschen ist das Gift ungefährlich.

Alge dürfte nicht massenhaft im Fluss vorkommen

Eigentlich lebt Prymnesium parvum im Brackwasser von Flussmündungen, wo sich Süß- und Salzwasser vermischen. Unter normalen Bedingungen würde sie sich in einem Fluss wie der Oder nicht massenhaft vermehren können. Aber in einem salzhaltigen Milieu und mit hohem PH-Wert fühle sie sich wohl. Für Wolter besteht damit ein klarer Zusammenhang zwischen einer Salzeinleitung in die Oder und der Algenentwicklung. An einen Unfall glaube er nicht.

Etwa 36 Tonnen toter Fisch allein in Deutschland

Allein im deutschen Teil der Oder sind Schätzungen zufolge bislang 36 Tonnen toter Fische geborgen worden. Die Zahl basiere auf den Angaben von Helfern und den Landkreisen, teilte das Bundesumweltministerium mit. Die polnische Feuerwehr meldete fast 100 Tonnen.

Brandenburger Tourismus leidet schon

Auch die Brandenburger Landesregierung geht weiter davon aus, dass die Umweltkatastrophe nicht nur natürliche Ursachen hat. "Das können wir getrost ausschließen, sonst würden sich die hohen PH-Werte und der erhöhte Sauerstoffgehalt und vieles andere mehr nicht erklären", sagte Ministerpräsident Dietmar Woidke.

Auf den Tourismus entlang des Flusses hat die Katastrophe bereits Auswirkungen: Es gebe viel weniger Tagesausflüge. Auch Menschen, die Reisen auf dem Oder-Neiße-Radweg noch nicht fest geplant hätten, nähmen gegenwärtig davon Abstand, sagte die Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Seenland Oder-Spree, Ellen Russig. Auch der Angeltourismus und Kanuausflüge seien betroffen.

Sorge ums Haff - bisher aber keine Auswirkungen

Weiter nördlich, in Mecklenburg-Vorpommern, wächst unterdessen die Sorge um das Stettiner Haff, in das die Oder mündet. Bislang seien zumindest im deutschen Teil des Haffs keine Auswirkungen bemerkt worden - dennoch warnt der Landkreis Vorpommern-Greifswald davor, im Haffwasser zu angeln oder zu fischen. Die Landesregierung warnt zusätzlich vor dem Baden im Haff. Die Ostsee vor der Insel Usedom sei bislang nicht betroffen.

Polen ermittelt weiter

Polnische Ermittler hätten bislang 228 Zeugen vernommen und diverse Orte am Fluss untersucht, erklärte der Vize-Generalstaatsanwalt Krzysztof Sierak. Der Ursache näher gekommen sei man aber nicht.

Den bisherigen Laboranalysen zufolge können Schwermetalle und auch Pestizide als Verursacher für das Sterben der Fische ausgeschlossen werden.

Von der Kommunikationspolitik der polnischen Seite hatte sich Brandenburgs Regierungschef Woidke schwer enttäuscht gezeigt. "Es ist Tatsache, dass sechs Tage, bevor bei uns Fische gestorben sind, Fische in Polen gestorben sind - und wir wurden nicht informiert." Polen wäre aber durch internationale Verträge verpflichtet gewesen, die deutsche Seite frühzeitig zu informieren.

Über dieses Thema berichtete NDR1 MV am 17. August 2022 um 06:46 Uhr.