Helfer der Feuerwehr bringen einen Mann auf einer Trage zu einem Rettungswagen. | dpa

Viele Einsätze, wenig Personal Feuerwehren am Limit?

Stand: 11.09.2022 15:14 Uhr

Überflutungen, Waldbrände und eine steigende Zahl von Rettungseinsätzen: Vielerorts kommen Feuerwehren an die Belastungsgrenze. Das größte Problem in einigen Kommunen aber ist der Personalmangel.

Von Jürgen Kura, WDR

Nicht nur Brandfälle und technische Hilfeleistungen sind in den vergangenen zwanzig Jahren häufiger geworden, vor allem die Anzahl der Rettungseinsätze ist von rund 1,5 Mio. auf rund 2,6 Mio. bundesweit gewachsen. In mehr als der Hälfte aller deutschen Städte trägt die Feuerwehr den Rettungsdienst. Feuerwehrleute, die fast überall 24-Stunden-Schichten leisten, sind meist auch Rettungs- oder Notfallsanitäter.

Blaulicht-Einsätze können jeweils länger als eine Stunde dauern. Das kostet Personal, Kraft und Zeit. Teilweise könnten die Ruhezeiten nicht eingehalten werden, so Insider. Die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft (DFeuG) schätzt, dass bundesweit 5000 - 10.000 Einsatzkräfte fehlen, um den wachsenden Aufgaben gerecht zu werden. Die DFeuG bereitet daher zurzeit die Kampagne "Rettet den Rettungsdienst!" vor.

Berliner Feuerwehr besonders betroffen

Am stärksten betroffen vom Personalmangel sei Berlin, so die Gewerkschaft. Laut ihrer Schätzung gibt es in der Bundeshauptstadt mindestens 600 Feuerwehrleute zu wenig. Immer häufiger käme es zu sogenannten Ausnahmezuständen, bei denen minutenlang kein Rettungsfahrzeug mehr verfügbar sei.

Teilweise würden Patienten mit Löschfahrzeugen ins Krankenhaus transportiert. Ein Berliner Feuerwehrmann, der anonym bleiben möchte, sagt gegenüber Plusminus: "Überall wird versucht, mit den geringsten Mitteln das Höchste rauszuziehen, also wirklich auf Low Budget weiterzufahren, und ich weiß nicht, was noch passieren muss, dass sie das begreifen. Aber wenn man es hart sagt: Es müssen weiter Menschen sterben."

Lage in den Bundesländern unterschiedlich

Die Lage der Feuerwehren in den Bundesländern, Großstädten und ländlichen Regionen ist unübersichtlich und strukturell unterschiedlich, ergaben die Recherchen von Plusminus. Selbst in ein- und demselben Bundesland wie etwa Nordrhein-Westfalen bestehen große Unterschiede in personeller Ausstattung.

Bei der Feuerwehr der Stadt Essen fehlen laut eines Gutachtens über 120 Einsatzkräfte. In der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf, rund 30 Kilometer von Essen entfernt, sei die Sollstärke mit 823 Mitarbeitenden erfüllt, und es würden sogar 170 Nachwuchskräfte ausgebildet, antwortet die Pressestelle der Stadt Düsseldorf auf eine Anfrage.

Mehr Freiwillige als Berufsfeuerwehrleute

Das System der öffentlichen Feuerwehren basiert im Wesentlichen auf zwei Säulen: einerseits die bei den Kommunen verbeamtete Berufsfeuerwehr mit bundesweit rund 35.000 Einsatzkräften, andererseits die Freiwilligen Feuerwehren mit rund 1.004.000 Ehrenamtlichen. Seit rund zwanzig Jahren ist die Anzahl der Berufskräfte zwar um rund 9000 angestiegen, aber zugleich gab es früher noch rund 66.000 Freiwillige Feuerwehrleute mehr. Das vermeintliche "Mehr" an Berufsfeuerwehrleuten sei auf Neugründungen und mehr Teilzeitstellen zurückzuführen, so die Feuerwehr-Gewerkschaft.

Die Zahlen beruhen auf Angaben des Deutschen Feuerwehrverbandes und stammen aus dem Jahr 2019. Die Statistik des Jahres 2020 wird erst im November 2022 veröffentlicht. Für Freiwillige Feuerwehrleute gibt es keine statistischen "Sollstärken".

Verbände fordern mehr Einbeziehung auf Bundesebene

Dass die Feuerwehren nicht festes Mitglied im vor Kurzem gegründeten "Gemeinsamen Kompetenzzentrum Bevölkerungsschutz" beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sind, können Feuerwehrverbände nicht nachvollziehen.

Dirk Aschenbrenner, Präsident der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes und Chef der Feuerwehr Dortmund, wundert sich zudem über die von der Bundesregierung für das Jahr 2023 angedachten Senkungen der Ausgaben für Bevölkerungsschutz und für das Technische Hilfswerk. Im Gegenteil, sagt Aschenbrenner, man müsse mehr in das staatliche Krisenmanagement investieren.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 26. August 2022 um 14:36 Uhr.