Christian Lindner | Bildquelle: dpa

FDP-Dreikönigstreffen Lindner entdeckt Arbeiter und Bauern

Stand: 06.01.2020 18:07 Uhr

Beim traditionellen Dreikönigstreffen arbeitet sich die FDP vor allem am politischen Gegner ab - bleibt aber ansonsten im Ungefähren. Parteichef Lindner will künftig auch um Arbeiter und Bauern werben.

Von Iris Marx, tagesschau.de

Klirrende null Grad sind es heute in Stuttgart, aber die Jungen Liberalen harren tapfer aus vor der Staatsoper. Mit Regenschirmen und Plakaten protestieren sie für mehr Meinungsfreiheit, solidarisieren sich mit der Protestbewegung in Hongkong. "Art. 5 Meinungsfreiheit weltweit schützen" steht auf einem Transparent.

Auf der Rednerliste im Saal steht ihre Bundesvorsitzende Ria Schröder nicht. Aber sie bekommt trotzdem hier ihre Bühne für die ganz großen Themen der Welt. Gefragt, welche Richtung die FDP künftig einschlagen soll, sind es aber die "kleinen" Themen, die ihrer Meinung nach mehr in den Fokus rücken sollen, auch die der normalen Arbeiter: "Die FDP ist allen gegenüber offen. Es gibt keine Klientel. Auch unter Facharbeitern gibt es Menschen, die haben Sympathien für die FDP. Es ist klug von der Partei auch diejenigen stärker anzusprechen, die für uns als Wähler in Frage kommen. Wir wollen ja nicht bei den acht bis zehn Prozent verharren, bei denen wir gerade stehen", sagt Schröder. Gerade für enttäuschte SPD-Wähler wolle die FDP eine "echte" Alternative sein.

Michael Theurer | Bildquelle: dpa
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Rundumschlag: Baden-Württembergs FDP-Chef Theurer teilte kräftig gegen den politischen Gegner aus.

Eine Kampfansage an die SPD

Drinnen im Saal - beim traditionellen Dreikönigstreffen - wird auffällig oft die SPD erwähnt. Der baden-württembergische Landesvorsitzende Michael Theurer sagt über die neue SPD-Chefin Saskia Esken, sie habe den "Charme eines Presslufthammers". "Die Zweitstimme ist bei der FDP ja auch das Entscheidende", witzelt er mit heiserer Stimme. Theurer macht klar, dass er sich Neuwahlen wünscht, zumindest das Ende der Großen Koalition: "Wir sind bereit, auch über die Duldung einer Minderheitsregierung nachzudenken."

Die Kanzlerin geht Theurer direkt an: "Zeigen Sie mehr Rückgrat!", fordert er von Angela Merkel - weil die Union den linken Gedankenspielen der SPD keine Grenzen setze. Die von Esken und ihrem Partner an der SPD-Spitze, Norbert Walter-Borjans, vorgeschlagene Besteuerung von Grundstücken nennt er eine "Neidsteuer". Trotz allen SPD-Bashings geht es aber auch gegen die Grünen: "Verbot von Feuerwerken, Osterfeuern, SUVs, E-Scootern, Luftballons und Freigang von Katzen - bringen uns nicht weiter", so Theurer polemisch.

Linda Teuteberg, FDP | Bildquelle: ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX
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FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg wählte in Stuttgart eher die leisen Töne.

Eine Premiere auf leisen Sohlen

Die seit Mai amtierende Generalsekretärin Linda Teuteberg aus Brandenburg setzt in ihrer Rede Theurers Linie fort und konzentriert sich ebenfalls stark auf die SPD: "Anders als Kevin aus Westberlin ziehen wir andere Schlüsse. Sozialismus macht nicht frei und nicht sexy, der macht arm." Die Generalsekretärin spielt auf die Idee eines demokratischen Sozialismus an, die der Juso-Vorsitzende vor einigen Monaten in einem Zeit-Interview formuliert hat. Von einer "Kollektivierung von Unternehmen wie BMW" war damals die Rede. Teuteberg hält dagegen: "Wir machen Politik für alle, egal aus welcher Schicht sie kommen." Sie will mehr Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und für Ältere fordert sie ein Mid-Life-Bafög, um auch noch später im Berufsleben umzusatteln und einen neuen Job erlernen zu können.

Es ist der erste Auftritt von Teuteberg auf einem Dreikönigstreffen. Für eine Generalsekretärin, zu deren Jobbeschreibung es gehört, auch mal etwas lauter aufzutreten, waren es auch heute bei Teuteberg eher die leisen Töne. "Sie ist mir zu ruhig", sagt dann auch ein FDP-Mitglied aus Bayern. "Sie ist inhaltlich ja total stark, aber sie wird neben einem Christian Lindner halt nicht so wahrgenommen", sagt ein anderer Liberaler aus Niedersachsen. Allerdings: Wer wird das schon neben Lindner und Kubicki?

Neue Wählergruppen erschließen

Parteichef Christian Lindner kennt die Kritik, dass die FDP zu sehr auf ihn zugeschnitten sei. Dass neue Köpfe in der Partei zu wenig gefördert werden. Vielleicht teilte er deswegen die Bühne zunächst mit zwei Parteikollegen, als es um die Außenpolitik geht. Thema des Auftritts mit Alexander Graf Lambsdorff und dem außenpolitischen Sprecher der FDP-Fraktion, Bijan Djir-Sara: Die gegenwärtige Eskalation im Nahen Osten.

Wieder alleine auf der großen Bühne ist Lindners erstes innenpolitisches Thema Hartz IV. Vor zehn Jahren habe er schon einmal über eine alleinerziehende Mutter gesprochen, die mehr Geld hat, wenn sie nicht arbeitet, als wenn sie etwas hinzuverdient. "An den Zuständen hat sich bis heute nichts geändert", beklagt Lindner und fordert mehr Zuverdienstmöglichkeiten.

Christian Lindner spricht auf Dreikönigstreffen 2020 | Bildquelle: dpa
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FDP-Chef Christian Lindner entdeckt die Arbeiter und Bauern als potenzielle Wähler.

Dann ist er auch schon beim heutigen Lieblingsgegner: "Die SPD hat sich völlig von der Mitte entkoppelt", so der FDP-Chef. Es gebe dieses Jahr sehr viele große Herausforderungen, die der Politik abverlangt würden. "Wie war der politische Aufschlag? In den Bäckereien gibt es jetzt Olaf-to-Go. 2020 wird im kollektiven Gedächtnis bleiben mit der Einführung der Bonpflicht", lästert Lindner. Und zitiert einen Opel-Mitarbeiter, der über sich und seine Kollegen berichtet, keine SPD mehr zu wählen, sondern FDP oder AfD. Protestpartei aber solle die FDP nicht sein, sondern die wahre "Partei der Mitte". Da, wo eben auch ganz normale Arbeiter zu Hause seien. Für den 30. April kündigt er einen Aktionstag vor den deutschen Werkstoren an, um sich die "Sorgen der Arbeiter" anzuhören.

Die Landwirte macht Lindner als die andere große Gruppe potenzieller FDP-Wähler aus: "Die fühlen sich von niemandem mehr vertreten!", sagt er. "Wir sind zwar weiterhin kritisch, was die EU-Subventionspolitik angeht, aber wir sind gegen die pauschale Verunglimpfung und Aktionismus ohne wissenschaftliche Evidenz." Er habe sich nie träumen lassen, Vorsitzender einer Arbeiter- und Bauernpartei zu sein.

Kaum Visionen

Lindner redet fast 60 Minuten am Stück. Am Ende ruft jemand "Jawoll!" Der Applaus ist zwar sehr kurz, aber draußen auf den Fluren gibt es viel Zuspruch. "Er hat eine tolle Vision. Die FDP wirkt wie eine gute Medizin", sagt Saskia Langner, Liberale aus Berlin, die vor lauter Applaus gerötete Hände hat. Aber nicht alle sind völlig von den Socken. Sandra Drossel-Bück aus München sagt: "Die Rede hatte zwar viele interessante Ansätze, aber mir ging es zu sehr um die anderen Parteien." Und in der Tat: Auf dem Dreikönigstreffen ging es vor allem um das Abgrenzen von den anderen - vor allem von der SPD. Unklar bleibt, mit wem sich die FDP eine Zusammenarbeit vorstellen könnte, wenn es wirklich zu den erhofften Neuwahlen kommen sollte. Eine nicht ganz unwichtige Frage, wenn man laut nach dem Ende der Großen Koalition ruft.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 06. Januar 2020 um 17:02 Uhr.

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