Ein Werbedisplay für die WM steht auf einem Grünstreifen zwischen Fahrbahnen in Doha. | dpa
FAQ

Vor Fußball-WM Warum Katar und die FIFA in der Kritik stehen

Stand: 31.10.2022 13:57 Uhr

Knapp drei Wochen vor WM-Beginn ist Innenministerin Faeser mit einer DFB-Delegation nach Katar gereist. Sie wollen dort über Menschenrechtsfragen sprechen. Warum das Gastgeberland und der Weltfußballverband FIFA in der Kritik stehen.

Kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar sind die Beziehungen zwischen Deutschland und dem Gastgeberland angespannt. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte die Menschenrechtslage in dem Golfstaat kritisiert. Katars Außenministerium bestellte daraufhin den deutschen Botschafter ein und übergab ihm eine Protestnote.

Faeser, deren Ministerium auch für Sport zuständig ist, ist nun selbst nach Katar gereist. Auf der zweitägigen Reise wird sie von einer DFB-Delegation um Präsident Bernd Neuendorf begleitet. Ursprünglich wollte auch die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Luise Amtsberg, mitreisen, sie hatte am Sonntag aber abgesagt. Die jüngsten Entwicklungen hätten ihr verdeutlicht, "wie schwierig es in der derzeitigen Situation im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft ist, mit der katarischen Regierung die von mir geplanten offenen und auch kritischen Gespräche über die Menschenrechtslage in Katar zu führen", erklärte die Grünen-Politikerin.

Fakt ist: Am 20. November beginnt eine WM, die so umstritten ist wie lange keine. Doch warum eigentlich?

Warum gibt es so viel Kritik an der WM?

Nichtregierungsorganisationen werfen dem Golfstaat schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Bei der FIFA wiederum sorgen unter anderem mutmaßliche Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe im Umfeld der WM-Vergabe seit Jahren für eine negative Berichterstattung. Dass FIFA-Boss Gianni Infantino inzwischen in Katar wohnt, macht die Sache nicht besser. In Katar gilt das islamische Recht, die Scharia; Frauen sind nicht gleichberechtigt. Außerehelicher Sex und homosexueller Sex sind in dem muslimischen Staat verboten. Sie können mit bis zu sieben Jahren Haft bestraft werden.

Besonders prekär ist die Lage auch unter den vor allem aus Nepal, Pakistan, Indien, Bangladesch und den Philippinen stammenden Niedriglohnarbeitern, die oft unter sklavenartigen Bedingungen für die nur 300.000 katarischen Staatsbürger schuften. So sollen einer Analyse des "Guardian" zufolge seit der Vergabe der WM im Jahr 2010 bis ins Jahr 2021 mehr als 6500 Gastarbeiter zu Tode gekommen sein. Katar weist dies zurück und spricht von weniger als 50 Unfalltoten.

Wie reagieren Katar und FIFA auf die Kritik?

Die FIFA spielt die Probleme rund um die WM herunter. Mehrfach versuchte Infantino beispielsweise, die Zahl der Toten auf den WM-Baustellen deutlich nach unten zu korrigieren. Demnach stehen angeblich nur drei Todesfälle in direktem Zusammenhang mit dem Bau von Sportstätten und dazugehöriger Infrastruktur. Katar selbst fühlt sich unberechtigt am Pranger - und verweist unter anderem auf einen neu eingeführten Mindestlohn für ausländische Arbeiter von umgerechnet 230 Euro im Monat sowie verbesserte Sicherheitsstandards und Beschwerdemechanismen für Gastarbeiter.

Experten wie der Politologe und Golfstaaten-Kenner Sebastian Sons räumen ein, dass sich Katar durchaus um Verbesserungen bemühe. Allerdings fehle es an wirksamen Kontrollen zur Einhaltung der neuen Bestimmungen. Strukturelle Ausbeutung bleibe "ein massives Problem". "Sports-Washing", also positive Außendarstellung mithilfe eines Großereignisses wie der WM, habe offenkundig nicht funktioniert.

Gleiches gilt nach Ansicht von Beobachtern für die WM 2018 in Russland und die Olympischen Sommerspiele in Peking 2022. Mit Blick auf Katar warnt Sons vor einseitigen Urteilen. Bei der weltweiten Ausbeutung von Migranten etwa sei das Emirat nur ein Puzzlestein. Kriminelle Agenturen verdienten kräftig mit bei der Vermittlung von Arbeitskräften. Die Herkunftsländer wiederum profitierten von Rücküberweisungen der Bauarbeiter und Haushaltshilfen. Die Folge: Das Interesse, etwas am Schicksal der Gastarbeiter zu ändern, sei denkbar gering - nicht nur in Katar.

Wie umweltfreundlich ist die WM?

Um der größten Hitze in Katar zu entgehen, wurde die WM erstmals in den Winter verlegt. In dem Golfstaat gibt es keinerlei Fußballtradition. Alle WM-Stadien wurden unter gigantischem Ressourcenverbrauch neu gebaut.

Was sagen deutsche Fans?

Für kritische Fans wie Helen Breit von der Initiative "Unsere Kurve" wird die Kommerzialisierung des Fußballs nirgends so deutlich wie bei den Nationalmannschaften und den Großturnieren wie WM und EM. Die Grundideen des Sports würden hier systematisch verraten. Es gehe nur um möglichst hohe Geldflüsse. Sie boykottiert seit Jahren alle Länderspiele.

Dortmunds Fans zeigen ein Transparent mit der Aufschrift "Boycott Quatar 2022" | dpa

Dortmunds Fans zeigen ein Transparent mit der Aufschrift "Boycott Quatar 2022" Bild: dpa

Wie groß ist das Interesse an dem Turnier?

Viele Städte und Kneipen haben angekündigt, keine großen Leinwände aufzustellen. Motto: Lieber Weihnachtsmarkt statt Public Viewing. Mancherorts soll es Diskussionsrunden zur Zukunft des Fußballs geben. Und unter dem Hashtag #keinkatarinmeinerkneipe finden sich in den sozialen Medien außerdem zahlreiche Bars und Kneipen in Berlin, Düsseldorf, München oder Rostock, die sich einem Boykott-Aufruf angeschlossen haben. Wenn der Ball in Katar aber erst mal rollt und das deutsche Team die Vorrunde übersteht, dürften auch wieder deutsche Fahnen an Autofenstern auftauchen.

Spagat zwischen Sport und Politik?

Der DFB hat sich in diesem Spannungsfeld klar aufgeteilt. Neuendorf wird auch während der WM als Delegationschef zu politischen Themen agieren, Bundestrainer Hansi Flick und dessen Nationalspieler konzentrieren sich vorrangig auf das sportliche Abschneiden. Unpolitisch sind die Profis aber längst nicht mehr. "Dass die WM nicht nach Katar gehört, das wissen wir alle. Dass die WM nicht in den Winter gehört, sondern in den Sommer, dass wissen wir auch", sagte Abwehrspieler Nico Schlotterbeck am Samstagabend im ZDF-"Sportstudio".

Einen Boykott der WM lehnte der DFB ab. Stattdessen warb Neuendorf für einen offenen Diskurs. Wenn die WM beginnt, steht das Sportliche im Mittelpunkt. Aber wir müssen klar sein in der Positionierung, wenn es um gesellschaftliche und politische Verhältnisse in Katar geht", sagte Neuendorf dem SWR

Ob und welches Mitglied der Bundesregierung während der WM womöglich in Katar auf der Tribüne sitzen wird, ist noch offen.

Was soll sich mittelfristig ändern?

Die FIFA hat den Kampf gegen die Korruption versprochen. Künftig sollen alle FIFA-Länderverbände gemeinsam über die Vergabe entscheiden, nicht mehr der kleine Männerzirkel der 25 Fußballfunktionäre des FIFA-Exekutivkomitees. Vom Ziel, mit den Turnieren enorme Gewinne zu generieren, rückt der Verband aber nicht ab. Allein für die TV-Rechte fließen Milliarden Schweizer Franken nach Genf.

Kritiker wie die Freiburger Soziologin Nina Degele halten die FIFA für nicht reformierbar: "Wir sollten sie auflösen und neue Organisationsformen für die großen Turniere finden."

Wie könnte die WM der Zukunft aussehen?

Eine WM zu organisieren, ist für viele Länder derzeit keine verlockende Aussicht. Zu hoch sind die von FIFA und IOC geforderten Bedingungen. Kritiker schlagen daher vor, alle Stellschrauben zurückzudrehen: kleinere Stadien, weniger Sponsoring, weniger Auflagen für Hotels und Gastronomie.

Der frühere DFB-Präsident Fritz Keller sagt, die Kraft der großen Sportveranstaltungen als Orte internationaler Begegnung dürfe nicht verloren gehen. Das fußballerische Kräftemessen in Katar bezeichnet er aber als WM der Reichen. Normalverdiener könnten sich Flug und Hotel in Katar nicht leisten.

(Quelle: KNA, dpa)