Künstliche Befruchtung im Labor | Bildquelle: AP

#FakeScience Hohe Geldstrafe für pseudowissenschaftlichen Verlag

Stand: 03.04.2019 18:00 Uhr

Vor einigen Monaten deckten NDR, WDR und SZ auf, dass Tausende Wissenschaftler ihre Studien bei scheinwissenschaftlichen Verlagen veröffentlicht haben. Nun wurde ein Verlag zu 50 Millionen Dollar Geldstrafe verurteilt.

Von Svea Eckert und Peter Hornung, NDR

Es ist ein schwerer Schlag gegen die Branche der sogenannten Raubverleger, in deren pseudowissenschaftlichen Zeitschriften Hundertausende Wissenschaftler weltweit ihre Forschung veröffentlichen. Ein Bundesgericht im US-Staat Nevada hat einen Branchenriesen, den indischen OMICS-Konzern, zu einer Strafe von gut 50 Millionen US-Dollar verurteilt und ihm die Tätigkeit in den USA weitgehend untersagt.

Die Richter sahen es als erwiesen an, dass die Unternehmensgruppe systematisch Forscher täuscht, indem sie grundlegende wissenschaftliche Standards missachtet. Geklagt hatte die US-amerikanische Wettbewerbsbehörde FTC. Sie hatte in dem seit 2016 geführten Verfahren unter anderem nachgewiesen, dass OMICS wissenschaftliche Veröffentlichungen nicht oder nicht ausreichend begutachten lässt. Das kann dazu führen, dass mangelhafte oder gar falsche Studien veröffentlicht werden.

Text einer Studie
galerie

Weltweit sind den Recherchen zufolge 400.000 Forscherinnen und Forscher betroffen, die Studien in Fake-Verlagen veröffentlicht haben.

380 statt 50.000 Experten

OMICS behauptet zudem, dass 50.000 Experten für das Unternehmen arbeiteten, konnte dies dem Urteil zufolge aber nur bei 380 von ihnen nachweisen. Die indische Firmengruppe, die auch pseudowissenschaftliche Konferenzen veranstaltet, werbe darüber hinaus mit den Namen von Forscherinnen und Forschern, die dazu nicht ihr Einverständnis gegeben hätten.

"Klares Zeichen" gegen "Illegale Machenschaften"

Der Sprecher des deutschen Hochschulverbands, Matthias Jaroch, begrüßte das US-Urteil und sprach von einem "klaren Zeichen" gegen "illegale Machenschaften". Der Cottbuser Tumorwissenschaftler und -chirurg Professor Björn Brücher sieht darin ein Signal "an jeden Wissenschaftler in der Welt, nicht mit einem Raubverlag zusammenzuarbeiten". Solche Verlage seien für die Wissenschaft und auch für die klinische Tätigkeit "extrem schädlich", weil "es gar keinen Begutachtungsprozess gibt und einfach irgendein wissenschaftliches Paper mit irgendeiner Behauptung veröffentlicht wird. Das ist ja nicht Inhalt von Wissenschaft".

Professor Dr. Björn Brücher | Bildquelle: privat
galerie

Wissenschaftler Brücher findet solche Verlage "extrem schädlich".

Der OMICS-Konzern ließ über seinen Anwalt alle Vorwürfe zurückweisen. In einem Schreiben an den NDR kündigte er an, in Berufung zu gehen. Zudem verlange das Unternehmen von der FTC Schadenersatz in Höhe von 3,1 Milliarden US-Dollar. OMICS-Chef Srinababu Gedela hatte die Vertreter der US-Wettbewerbsbehörde im vergangenen Jahr in einem Interview als "Analphabeten" beschimpft. Für etwaige Mängel des wissenschaftlichen Begutachtungsprozesses sei im Übrigen nicht sein Unternehmen verantwortlich, sondern diejenigen Wissenschaftler, die als Herausgeber fungierten.

5000 Fälle in Deutschland

Im Juli 2018 hatte eine Recherche von NDR, WDR und SZ-Magazin zusammen nationalen und internationalen Partnermedien gezeigt, dass mehr als 5000 deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei OMICS & Co. ihre Forschung veröffentlichten. Den Reporterinnen und Reportern war es damals gelungen, bei mehreren Raubverlegern Nonsens-Studien zu veröffentlichen, auch bei OMICS.

Deutsche Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen zeigten sich betroffen und erklärten, verstärkt über das Phänomen der Raubverleger aufklären zu wollen. In einigen Fällen wurden universitätsinterne Untersuchungen eingeleitet. Auch in anderen Staaten hatte die Berichterstattung Folgen: So wurden in Indien und Südkorea Gesetze geändert, um Firmen wie OMICS zu bekämpfen.

Am vergangenen Sonntag musste Medienberichten zufolge der koreanische Präsident Moon Jae seinen Kandidaten für das Amt des Wissenschaftsministers zurückziehen, weil der an einer OMICS-Konferenz teilgenommen hatte.

Schlag gegen Fake-Verlage: US-Urteil gegen OMICS
Peter Hornung, NDR
03.04.2019 18:30 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. April 2019 um 19:08 Uhr.

Darstellung: