Das Hauptgebäuder der Universität Hamburg | dpa

"Exzellenzuniversitäten" Viele Milliarden für wenige Leuchttürme

Stand: 19.07.2019 11:40 Uhr

Mit seiner Exzellenzinitiative will der Bund eine "Erste Liga" der Universitäten etablieren. Das sorgt in der Wissenschaftsszene für Unmut. Kritiker fürchten, dass eine Zweiklassengesellschaft zementiert wird.

Von Rupert Wiederwald, WDR

Björn Brembs war viele Jahre an einer "Exzellenzuniversität" - gemerkt hat er davon nichts. Der Neurobiologe forschte bis 2012 an der FU Berlin, einer der Universitäten, die in den ersten Exzellenzwettbewerben 2006 und 2012 prämiert wurden und sich seitdem zu den besten elf Unis im Land zählen durften. "Ausgezeichnet wurde damals aber vor allem die geisteswissenschaftliche Forschung der FU", erzählt Brembs. "Wir Naturwissenschaftler konnten froh sein, wenn wir die Lehre einigermaßen hinbekommen haben."

Heute forscht Brembs an der Universität in Regensburg, eigentlich eine "No-Name-Hochschule irgendwo in der Provinz, von der Exzellenzstrategie weit entfernt", sagt er. "Aber in der Ausstattung war das für mich ein absoluter Aufstieg." Es ist nicht überraschend, dass Brembs der Exzellenzstrategie kritisch gegenübersteht: "Wir suchen Unis, die angeblich besser sind als andere. Dabei ist das gar nicht messbar."

Geld wird dringend gebraucht

Fast drei Milliarden Euro werden in den kommenden sieben Jahren an die wenigen deutschen Hochschulen ausgeschüttet, die sich im Exzellenzwettbewerb der Bundesregierung durchgesetzt haben. 34 Universitäten kommen in den Genuss dieser Gelder, elf Hochschulen dürfen sich ab morgen dann sogar "Exzellenzuniversität" nennen und bekommen nochmal insgesamt eine Milliarde oben drauf.

Die Universitäten erhoffen sich viel Geld - bis zu 15 Millionen Euro jährlich sind pro Universität drin. Das Geld wird dringend gebraucht: In den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl der Studierenden um 25 Prozent gestiegen, doch Investitionen in Gebäude und Lehrpersonal haben damit nicht Schritt halten können.

Getrieben von der Angst, nicht dazuzugehören

Seit 2006 fördert die Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern die angeblich besten Hochschulen in Deutschland - obwohl sie das eigentlich nicht durfte. Bildung ist Ländersache. Doch der Wunsch nach einem "deutschen Harvard" war größer und der Glaube, dass die Konzentration auf einige wenige Leuchttürme dem Forschungsstandort Deutschland gut tun würde. Die ehemalige Bildungsministerin Johanna Wanka sagte noch 2016: "Wir profitieren alle davon, wenn es eine Erste Liga gibt." Also hat man den Föderalismus kreativ umgangen.

Und so wetteifern die Hochschulen um die Mittel, getrieben auch von der Angst, am Ende nicht dazuzugehören. Sie alle haben im Kopf, dass die führenden Universitäten aus der ersten Exzellenzinitiative zusätzlich zu den staatlichen Mitteln auch sonst mehr Forschungsgelder einwerben konnten. Da will natürlich keiner Zweite Liga sein.

Studierende könnten leer ausgehen

Schon 2016 hatte eine Expertenkommission um den Schweizer Wissenschaftler Dieter Imboden die Exzellenzstrategie der Bundesregierung kritisch überprüft. Der Haupteffekt sei, so Imboden damals, dass die deutschen Universitäten sich mehr anstrengen würden. Es sei ein wenig wie beim Esel-Karotte-Trick.

Nicht nur materiell zahlt sich der Erfolg aus, der Titel "Exzellenzuniversität" soll auch helfen, erfolgreiche Forscher aus dem Ausland anzulocken und die jeweilige Universität für die besten Studentinnen und Studenten attraktiv machen.

Doch gerade Studierende befürchten, dass sie von dem ganzen Geld wenig merken werden, denn für die Lehre sind die zusätzlichen Gelder gar nicht gedacht. Der Wettbewerb habe im Gegenteil bereits Nachteile für die Studentinnen und Studenten gebracht: "Es wurden enorme Kapazitäten aller teilnehmenden Universitäten in diesem Wettbewerb und in den Bewerbungen gebunden", sagt Jonathan Dreusch, Studierendenvertreter der Uni Tübingen. "Diese Kapazitäten standen für andere Projekte über einen langen Zeitraum nicht zur Verfügung."

Studenten sitzen in einem Hörsaal der Universität Heidelberg | dpa

Viele Studierende kritisieren, dass die Milliardenförderung nicht in der Lehre ankommt. Bild: dpa

Befristete Projekte statt langfristige Perspektive

Björn Brembs sieht noch ein weiteres Problem: Die Exzellenz-Strategie zementiere nicht nur den Unterschied zwischen den Unis, sondern auch die schwierigen Arbeitsbedingungen für Nachwuchsforscher. Denn anstatt das Geld dafür zu nutzen, langfristig mehr Stellen für Wissenschaft und Lehre zu schaffen, würde es vor allem für Projekte ausgegeben. Und dort gebe es nun mal nur zeitlich befristete Verträge. "Es gibt seit der ersten Exzellenzinitiative 50 Prozent mehr solche prekären Beschäftigungsverhältnisse, aber so gut wie keinen Zuwachs bei den Professoren", so Brembs.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Juli 2019 um 12:00 Uhr.