STIKO-Chef Thomas Mertens (links) und der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen | REUTERS

Experten zur Corona-Lage "Grundimmunisierung wichtiger als Booster"

Stand: 02.11.2021 13:33 Uhr

Gesundheitsminister Spahn will Booster-Impfungen möglichst schnell für alle anbieten - und erntet Widerspruch. Laut STIKO-Chef Mertens müsse zunächst die Zahl der Erstimpfungen erhöht werden. Unterstützung bekommt er von Ärztevertretern.

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO), Thomas Mertens, hat Forderungen nach einer baldigen Auffrischungsimpfungen für alle zurückgewiesen. Die Grundimmunisierung der Menschen sei wichtiger als Nachimpfungen, sagte Mertens auf einer Pressekonferenz in Berlin. Es gebe 30 Prozent der Gebiete in Deutschland, in denen die Quote bei den Erstimpfungen viel zu niedrig sei. Es gelte auch, die noch klaffenden Impflücken bei Erwachsenen im Alter von 18 bis 59 Jahren zu schließen. Die Impfquoten seien hier unzureichend, so der STIKO-Vorsitzende.

Die STIKO empfiehlt momentan allen Menschen ab 70 Jahren eine Corona-Auffrischungsimpfung, sobald die letzte länger als sechs Monate her ist. Diese Empfehlung gilt auch für alle, die mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson geimpft wurden. Die Gesundheitsminister halten Auffrischungsimpfungen darüber hinaus auch schon für alle über 60-Jährigen für sinnvoll. Grundsätzlich sind sie laut Impfverordnung für alle anderen Menschen ebenfalls möglich. Es komme darauf an, die Menschen zuerst zu schützen, die die Impfung am dringendsten benötigen, sagte Mertens.

Gesunde Menschen mittleren Alters mit Grundimmunisierung könnten davon ausgehen, dass sie noch ausreichend Schutz vor einer schweren Covid-19-Erkrankung haben. Zwar lasse der Schutz vor Ansteckung mit der Zeit nach, nicht aber der Schutz vor einer schweren Erkrankung.

Allerdings will die STIKO "in wenigen Wochen" entscheiden, ob sie Auffrischungsimpfungen für alle empfehlen wird. Es gebe Daten aus internationalen Studien, die dafür sprächen, sagt Mertens der Funke Mediengruppe. Zu prüfen sei, inwieweit diese Ergebnisse auf Deutschland übertragbar seien.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte zügige Booster-Impfungen generell für zweifach Geimpfte ins Spiel gebracht. Spahn hat sich zudem eine flächendeckende Wiedereröffnung der Impfzentren ausgesprochen, um für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen.

Scherer erinnert an besonders Gefährdete

Laut Martin Scherer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, seien Auffrischungsimpfungen in Alten- und Pflegeheimen dringend. Das Versagen aus den ersten Corona-Wellen dürfe sich nicht wiederholen, warnte Scherer. Unter den Corona-Toten sind überproportional viele alte Menschen aus Pflegeheimen.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, bezifferte die Zahl der Menschen in Deutschland, die bis Jahresende eine Booster-Impfung erhalten sollten, auf 15 Millionen. "Das ist machbar." Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte könnten alle empfohlenen Impfungen verabreichen, wenn die Rahmenbedingungen stimmten, sagte Gassen.

Gassen und Scherer forderten, dass bei den Booster-Impfungen strikt nach den Empfehlungen der STIKO vorgegangen werde. Es sei nicht hilfreich, wenn diese durch die Politik alle paar Wochen geändert würden.

Bitte an Regierung, sich zurückzuhalten

Gassen appellierte an die Bundesregierung, sich mit eigenen Empfehlungen zu den Corona-Auffrischungsimpfungen zurückzuhalten. "Wir würden gerne unsere Arbeit machen", sagte er. "Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht." Abweichende Empfehlungen verwirrten nur. Die betreffenden Personen müssten in einem geordneten Verfahren angeschrieben werden.

Der stellvertretende KBV-Vorsitzende Stephan Hofmeister sagte, die Ärzte brächten viel Zeit auf, "um mit verunsicherten Menschen zu reden". Wenn die Bürgerinnen und Bürger alle zwei Wochen eine andere Botschaft bekämen, wachse das Misstrauen und die Verunsicherung, so Hofmeister. Dies müssten die Ärzte in den Praxen dann wieder mühsam reparieren. "Das kostet Zeit, die wir nicht haben."

Gassen wandte sich auch gegen die Forderung von Spahn, die Impfzentren wieder zu öffnen. "Impfzentren lösen das Problem nicht. Das Dezentrale der Praxen ist das bessere Setting."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. November 2021 um 12:00 Uhr.