Kirchenflaggen der Evangelischen Kirche in Deutschland | picture-alliance / epd

Sexualisierte Gewalt EKD setzt Betroffenenbeirat vorläufig aus

Stand: 11.05.2021 13:46 Uhr

Die Konzeption des Betroffenenbeirats der Evangelischen Kirche ist gescheitert. Man habe sich nicht über das weitere Vorgehen einigen können. Jetzt sucht die Kirche nach einer neuen Form der Beteiligung von Opfern sexualisierter Gewalt.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat die Unterstützung von Betroffenen bei der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt vorläufig ausgesetzt. Die bisherige Konzeption des Betroffenenbeirats sei gescheitert, teilte die Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit. Der Beirat war erst im September des vergangenen Jahres gegründet worden.

An der Beteiligung von Opfern bei der Aufarbeitung wolle die Kirche aber festhalten. Zuvor waren fünf von zwölf Mitgliedern des Beirats wenige Monate nach dessen Gründung zurückgetreten, andere hatten Kritik an der Zusammenarbeit mit Vertretern der Kirche geäußert.

Kritik: "Kirche entzieht sich Aufarbeitung"

Die Aussetzung stieß auf heftige Kritik der zuletzt aktiven Mitglieder. In einer Erklärung von vier verbliebenen Beiratsmitgliedern heißt es:

Mit der einseitigen Aussetzung der Betroffenenbeteiligung versucht sich die EKD der Kritik von Betroffenen an ihren unzureichenden Prozessen der Aufarbeitung zu entziehen.

Sie kritisieren, dass die Evangelische Kirche grundlegende Standards für eine gelingende Beteiligung von Betroffenen bis heute nicht geschaffen habe. Es fehle an verbindlichen Strukturen, einem klaren Auftrag sowie Transparenz. Zudem weiche die EKD einer Diskussion über solche qualitativen Standards aus, kritisieren Betroffenenvertreter. Auch habe eine Mehrheit der verbliebenen Beiratsmitglieder die Auflösung des Gremiums bis zuletzt abgelehnt.

Kein Konsens über weiteres Vorgehen

Die EKD hatte nach einer Sitzung des Gremiums erklärt, dass die bisherige Konzeption der Zusammenarbeit gescheitert sei. Die Mitteilung verwies auf Rücktritte aus dem Beirat und interne Konflikte zwischen dessen Mitgliedern. In Gesprächen zwischen dem Beauftragtenrat, dem leitende Geistliche und Kirchenjuristen angehören, und dem Betroffenenbeirat sei kein Konsens über das weitere Vorgehen erzielt worden.

"Der Beauftragtenrat hatte eine Weiterarbeit des Gremiums schließlich als nicht möglich angesehen", heißt es in der Mitteilung. Es sei deutlich geworden, dass die bisher gewählte Form der Beteiligung an Grenzen gestoßen sei, erklärte der Sprecher des Beauftragtenrats, der Braunschweiger Bischof Christoph Meyns.

Beteiligung der Betroffenen "zentral"

Das sei für alle Beteiligten "äußerst schmerzlich". Die Beteiligung von Betroffenen an der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt sei für die evangelische Kirche aber zentral und unverzichtbar, betonte Meyns. Daran solle festgehalten werden.

Der Mitteilung zufolge soll die Arbeit des Gremiums extern evaluiert werden. Diese solle noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Auf Grundlage der Ergebnisse sollen mit den ursprünglichen Mitgliedern des Beirats neue Formen der Beteiligung diskutiert werden, hieß es.

Der Betroffenenbeirat wurde als Gegenüber zum Beauftragtenrat im vergangenen September mit zwölf Mitgliedern berufen. Für ihren Rücktritt im März machten die fünf Betroffenen interne Konflikte, aber auch Kritik an der Zusammenarbeit mit dem zuständigen EKD-Gremium geltend.

881 gemeldete Fälle

Nach der Aufdeckung von Missbrauchsfällen vor allem in der katholischen Kirche wurden auch Fälle aus evangelischen Gemeinden und Einrichtungen gemeldet. Im Oktober 2020 meldeten die zuständigen Kommissionen der Landeskirchen 881 Fälle sexualisierter Gewalt im Raum der evangelischen Kirche und der Diakonie seit 1950.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Juni 2019 um 20:00 Uhr.