Esther Bejarano | dpa

Trauer um Holocaust-Überlebende Esther Bejarano ist tot

Stand: 10.07.2021 16:19 Uhr

Als junge Frau wurde Esther Bejarano in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort rettete ihr ein Platz im Mädchenorchester das Leben. Jetzt ist die berühmte Mahnerin gegen Antisemitismus im Alter von 96 Jahren gestorben.

Die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano ist tot. Sie sei am frühen Morgen im Alter von 96 Jahren gestorben, teilten ihre Familie und das Auschwitz-Komitee in einer Mitteilung mit. Ihre Familie und ihre Freundinnen und Freunde seien in den letzten schweren Tagen bei ihr gewesen. Und weiter heißt es:

Wir trauern gemeinsam mit ihrer Familie um diese großartige, mutige und unerschütterliche Frau, Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück, Antifaschistin, Vorsitzende des Auschwitz-Komitees und Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, Sängerin, Zeugin der Zeit.

Zuvor hatte bereits der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, auf Twitter über Bejaranos Tod informiert.

Überlebte, weil sie im Orchester spielte

Bejarano wurde am 15. Dezember 1924 als Esther Loewy und jüngstes von fünf Geschwistern in Saarlouis geboren. Ihr Vater war jüdischer Lehrer und Kantor. Ihre Eltern wurden 1941 von den Nazis in Litauen umgebracht, sie selbst musste in einem Lager Zwangsarbeit leisten, bevor sie Anfang 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde.

Dort überlebte Bejarano nur, weil sie im Mädchenorchester des Lagers Akkordeon spielte. Sie ging nach dem Krieg zunächst nach Israel, zog dann aber 1960 mit ihrem Ehemann nach Hamburg.

"Ich weiß, was ich gesehen habe"

Bejarano engagierte sich Jahrzehnte lang gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, wofür sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Zusammen mit ihrem Sohn Joram und ihrer Tochter Edna sang sie jüdische und antifaschistische Lieder, zuletzt tourten sie mit der Kölner Hip-Hop-Band Microphone Mafia durch Deutschland.

In einem tagesschau.de-Interview beklagte Bejarano im vergangenen Jahr, die Zahl der Nazis in Deutschland nehme wieder zu. Sie verwies unter anderem auf die Parteien AfD und NPD. "Die wollen keine Demokratie", sagte Bejarano. "Ich weiß nicht, was werden soll, wenn es noch mehr werden, die so eine menschenverachtende Ideologie haben. Ich weiß nur, was ich gesehen habe. Und ich weiß, was dann kommen wird."

Steinmeier: "Verlieren mutige Persönlichkeit"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach Bejaranos Hinterbliebenen in einem Kondolenzschreiben sein Mitgefühl aus: "Mit ihrem Tod haben wir einen großen Verlust erlitten", heißt es in dem Brief. "Sie wird immer einen Platz in unserem Herzen haben." Bejarano habe am eigenen Leib erfahren, "was es heißt, diskriminiert, verfolgt und gefoltert zu werden". "Wir verlieren mit ihr eine mutige Persönlichkeit, die sich bis zuletzt für die Verfolgten des Naziregimes eingesetzt hat."

Maas: "Ihre Stimme wird uns fehlen"

Bundesaußenminister Heiko Maas würdigte Bejarano auf Twitter als "wichtige Stimme im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus". In seinem Post schrieb er weiter: "Die wundervolle Ester Bejarano überzeugte mit ihrer Lebenskraft und unglaublichen Geschichte. Ihre Stimme wird uns fehlen."

Tschentscher: "Hamburg verliert außergewöhnliche Bürgerin"

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher würdigte Bejarano als außergewöhnliche Bürgerin, die sich bis ins hohe Alter für das Gemeinwohl engagiert habe. Sie habe es sich zur Lebensaufgabe gemacht, für Demokratie, Toleranz und Menschlichkeit einzutreten, so der SPD-Politiker. Unermüdlich habe sie an die Schrecken des Naziregimes und die Ursachen von Ausgrenzung, Krieg und Gewalt erinnert. "Mit ihren oft streitbaren Wortmeldungen hat sie über viele Jahrzehnte wichtige Impulse für Demokratie, Erinnerungskultur und Gleichberechtigung gegeben."

Die Mitteilung der Familie Bejarano und des Auschwitz-Komitees endet mit einem Appell Bejaranos: "Nie mehr schweigen, wenn Unrecht geschieht. Seid solidarisch! Helft einander! Achtet auf die Schwächsten! Bleibt mutig! Ich vertraue auf die Jugend, ich vertraue auf euch! Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg!"

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. Juli 2021 um 11:00 Uhr und 13:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Traumfahrer 10.07.2021 • 14:21 Uhr

Re : Anderes1961

Irgend wie haben sie mich missverstanden. Natürlich ist für mich klar, dass irgend welche rassistische oder andere Verunglimpfungen toleriert werden dürfen, und natürlich muss diesen Menschen, die solche Dinge aussprechen, klare Grenzen aufgezeigt werden. Dies ist möglich mit den Gesetzen, die bestehen, und mit einer klaren Haltung von den anderen. Nur mit einem "Kampf" wird man diese Menschen nicht erreichen. Ich bringe ein Beispiel, bei Beleidigungen einer dunkelhäutigen Person, darauf deutlich hinweisen, dass diese Person genauso ein Mensch ist, die gleichen Rechte und Pflichten hat, die gleiche Würde, und den gleichen Respekt erwartet, wie der oder die, die sich daneben benommen haben. Und auch klar mal den Unmöglichen benennen, dass Weiße kein Stück besser sind, als andere, egal woher, oder welcher Religion. Dafür muss ich aber nicht kämpfen, sondern mit deutlichen Argumenten agieren. Aber auch aufzeigen, was Weiße schon alles Schlechte angerichtet haben !