Kommentar

Neues Führungsduo Letzter Versuch für die SPD

Stand: 01.12.2019 19:29 Uhr

In der Wahl von Esken und Walter-Borjans liegt die Chance der SPD, ihre Seele wiederzufinden. Scheitert der Linksruck allerdings, wäre es das Ende der Partei.

Ein Kommentar von Barbara Kostolnik, ARD-Hauptstadtstudio

"Eskabolation" - dieses Wort wird man sich merken. Es markiert - ja, was eigentlich? Den Neuanfang oder das endgültige Ende der SPD als Volkspartei?

Auf jeden Fall ist da heimlich still und leise eine Revolution herangerollt. Die Wahl von Saskia Esken, einer bislang sehr wenig bekannten SPD-Hinterbänklerin aus Baden-Württemberg, und Norbert Walter-Borjans, einem ehemaligen Finanzminister aus Nordrhein-Westfalen, hat die SPD jedenfalls in ihren Grundfesten erschüttert.

Ganz im Sinne der Jusos

"Eskabolation" - das Wort beinhaltet auch so etwas wie Eskalation, was die Jusos, denen diese Neuschöpfung zugeschrieben wird, so zweifellos beabsichtigt haben. Jusos neigen zu radikalen Ideen. Nur: Ist das Ganze auch zu Ende gedacht?

Im Juso-Sinne bestimmt. Sie haben Esken/ Walter-Borjans gehypt und ganz sicher zum Sieg verholfen. Sie versprechen sich frischen Wind, Aufbruch und eine SPD, die endlich mehr sie selbst, also links und frei ist, und nicht mehr auf Gedeih und Verderb einer Großen Koalition ausgeliefert, die die Umfragewerte der Partei seit Jahr und Tag nur weiter Richtung zehn Prozent abfräst.

SPD hat sich selbst verloren

Da kann Olaf Scholz und da kann die SPD-Fraktion im Bundestag noch so sehr mit Erfolgen argumentieren, die es unzweifelhaft gab - Mindestlohn, Kitagesetze und zuletzt die Grundrente - die Zahlen in den Umfragen sprechen eben eine andere, deutliche Sprache.

Die SPD ist in den vergangenen Jahren einfach nicht mehr erkennbar gewesen. Sie hat sich selbst verloren. Wozu SPD wählen, fragten sich ehemals eingefleischte Genossinnen und Genossen. Und weil sie keine Antwort fanden, steht die SPD jetzt da wo sie steht.

"Eskabolation" bedeutet auch, dass die SPD künftig nach links rückt, linke Mehrheiten bindet, offener für Rot-Rot-Grün wird, so stellt sich das jedenfalls der Erfinder, Kevin Kühnert, vor. Und wenn das dazu führt, dass die SPD wieder von vielen Menschen in Deutschland als die Partei erkannt wird, die gebraucht wird für eine gerechtere Gesellschaft, dann haben die Mitglieder alles richtig gemacht.

Scheitern sie, ist die SPD am Ende

Esken und Walter-Borjans sind GroKo-unverdächtig. Sie kommen von außen, sie haben keine Hartz-IV- und keine Agenda-Vergangenheit. Sie haben wenig Regierungserfahrung und kommen nicht aus der Berliner Politblase.

Vielleicht schaffen es diese No-Names tatsächlich, der SPD ihre Seele wiedereinzuhauchen, die lebenswichtigen Worte der Partei, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, aus der Phrasenecke zu holen. "Eskabolation" wird in diesem Fall als Revolution zum Guten in den Geschichtsbüchern geführt. Wenn Esken/ Walter-Borjans scheitern, ist die SPD am Ende. "Eskabolation" ist die letzte Patrone.

Kommentar: Letzter Versuch für die SPD
Barbara Kostolnik, ARD Berlin
01.12.2019 18:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 01. Dezember 2019 um 19:35 Uhr.

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