Der Kölner Dom im Abendlicht. | dpa

Erzbistum Köln Das unveröffentlichte Missbrauchsgutachten

Stand: 25.03.2021 14:16 Uhr

In der vergangenen Woche war ein Gutachten zu den Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln veröffentlicht worden. Ein zweites wurde ein Jahr lang zurückgehalten. Nun ist es doch einsehbar.

Von Birgit Virnich und Christina Zühlke, WDR

Patrick Bauer befällt eine unglaubliche Traurigkeit. Als Internatsschüler wurde er jahrelang von einem Pater missbraucht. Jetzt konnte Bauer als Betroffener das lange zurückgehaltene Gutachten einsehen. "Wir haben ein Jahr verloren," meint er. Wenn man dieses Gutachten genutzt hätte, wäre man in der Aufarbeitung schon viel weiter glaubt er. "Im Gutachten von Rechtsanwalt Björn Gercke wurde den Beschuldigten zu Gute gehalten, dass sie eventuell nicht über alle Normen Bescheid wussten, im Gutachten aus München wird ihnen genau das vorgeworfen. Zwei unterschiedliche Ansätze." Das von Kardinal Woelki in Auftrag gegebene Gutachten sei freundlicher im Ton als das der Münchener Anwälte, das seit einem Jahr unter Verschluss gehalten wird. Im ersten Gutachten wird die Kirche in ein deutlich schlechteres Licht gerückt.

Bauer ist ehemaliger Sprecher des Kölner Betroffenenbeirats und engagiert sich seitdem im Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz. Er arbeitet als Gemeindereferent und Seelsorger in einer Justizvollzugsanstalt. Ein Jahr lang hat er darauf gewartet, dass in Köln die Namen von Vertuschern genannt werden. Woelki hatte es ihm persönlich versprochen. Der Kardinal müsse nicht zurücktreten, aber konsequent aufklären. "Es macht mich wahnsinnig wütend, wenn ich lese, wie fahrlässig die Kirche mit Kindern umgegangen ist. Die Verantwortlichen hatten nicht den Mut zu ihrer Schuld zu stehen. Sie haben sich herausgeredet." 

Hinter Strukturen versteckt

Deutlich macht das beispielsweise ein Zitat eines ehemaligen Generalvikars, dem zweitmächtigsten Mann im Bistum: "Anzunehmen, dass ein Generalvikar ein Strafverfahren einleite, wenn der Erzbischof insoweit untätig bleibe, sei völlig fremd." Immer wieder werfen die Münchner Gutachter den Verantwortungsträgern vor, dass sie nicht selbst gehandelt hätten, sondern sich hinter Strukturen versteckt hätten.

Das Gutachten gehöre an die Öffentlichkeit, meint Bauer, weil es Schuld klar benenne und ein Gesamtbild der Kirche zeige. Es mache klar, daß Akten nicht die alleinige Grundlage für Verfahren und Aufklärung sein können. Das Gutachten von Gercke setze sich allein mit den Akten auseinander und berufe sich immer wieder auf die Lückenhaftigkeit der Akten. Die Münchener Gutachter hätten versucht, diese Lücken durch Gespräche mit Zeitzeugen zu schliessen.  

Außerdem bezieht sich das Münchener Gutachten explizit auf das kirchliche Selbstverständnis, was im Auftrag auch gefragt war. Die Kirche bemühe sich intensiv, gute Präventionsarbeit zu machen. Dennoch sei "eine Bereitschaft vor allem der kirchlichen Hierarchie diese […] Frage nach einem unmittelbaren Zusammenhang zwischen Pflichtzölibat und sexuellem Missbrauch […] kritisch und ergebnisoffen zu untersuchen, nur vereinzelt erkennbar, gleichwohl aber dringend geboten."

"Sie wollen eigentlich bis heute nichts ändern"

Das Urteil der Münchner Anwälte ist deutlich: Die Verantwortlichen in der Kirche würden der besonderen Fürsorgepflicht nicht gerecht, "wenn mehr oder minder gleichgültig darauf verwiesen wird, dass es sexuellen Missbrauch auch außerhalb der katholischen Kirche gibt. Die katholische Kirche muss sich vielmehr mit allen Kräften darum bemühen, gerade auch ihre Gläubigen vor sexuellem Missbrauch durch kirchliche Amtsträger zu schützen".

Kirchenrechtler Professor Bernhard Anuth sagt, dass sich die Münchner Gutachter "offensichtlich auch über systemische Ursachen des Umgangs mit sexuellem Missbrauch Gedanken gemacht (haben), die in der Kirche nicht gern gehört oder von vornherein ausgeschlossen werden."

Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenen-Initiative Eckiger Tisch sagt: "Das geheime Gutachten hat sich offenbar getraut, unerwünschte weil tiefergehende Empfehlungen zu formulieren, damit Prävention nachhaltig wirkt." Katsch beschreibt, wie er in seinen zahlreichen Begegnungen mit Bischöfen und anderen Verantwortlichen in der Kirche die Haltung vieler persönlich wahrnimmt und wirft ihnen vor:  "Sie wollen eigentlich bis heute nichts ändern an ihrer Form von Kirche und an der Haltung zur Sexualität. Die Opfer nehmen sie dafür in Kauf und relativieren sie."

Erzbistum Köln will weiter aufarbeiten

In einer Stellungnahme schreibt das Erzbistum: Für das Erzbistum Köln sei nun das Gutachten der Kanzlei Gercke "handlungsleitend", da das Münchner Gutachten methodische Mängel habe. "Soweit die Münchner Gutachter im Übrigen außerhalb ihrer juristischen Fachkompetenz Wertungen und Anregungen geben, können diese schon bereits deshalb nicht handlungsleitend sein, weil den Münchener Gutachtern in diesen Feldern an jeder fachlichen Kompetenz fehlt", schreibt die Pressestelle des Erzbistums. Man werde aber auch außerhalb juristischer Felder weiter aufarbeiten.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 25. März 2021 um 15:51 Uhr.