Erntehelfer in Niedersachsen sortieren Spargel. | Bildquelle: dpa

Corona-Pandemie Ernte - reicht der Infektionsschutz?

Stand: 28.03.2020 02:29 Uhr

Es ist nicht nur der Einreisestopp für osteuropäische Erntehelfer, der den Bauern Kopfzerbrechen bereitet. Sie müssen auch die Hygieneregeln auf den Höfen verschärfen. Die IG Bau bezweifelt, dass das gelingen kann.

Von Oda Lambrecht, NDR

Während der Erntezeit arbeiten für manche Betriebe Hunderte Saisonarbeitskräfte. Die Beschäftigten leben in dieser Zeit oft zusammen, fahren in Sammelbussen gemeinsam zum Feld und stehen teils dicht nebeneinander an Maschinen. Um das Infektionsrisiko auf den Höfen gering zu halten, müssen Landwirte jetzt schnell ihre Arbeitsabläufe und Unterkünfte anpassen.

Gewerkschaft: Infektionsschutz schwer zu gewährleisten

Die meisten Betriebe seien bisher nicht dafür ausgestattet, für eine große Zahl an Erntehelfern ausreichenden Infektionsschutz zu gewährleisten, mahnt die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau). Die Arbeitskräfte seien in der Regel in Mehrbettzimmern untergebracht, teilten sich Gemeinschaftsküchen und Sanitäranlagen. 

Aus Sicht der Gewerkschaft IG Bau müssten auch noch ausreichend Händewaschmöglichkeiten während der Arbeit geschaffen werden. Am Feldrand seien oft - wenn überhaupt - nur anschlusslose Toiletten vorhanden. 

Während der Arbeit auf dem Feld, etwa während der Spargelernte, sei der erforderliche Mindestabstand zwar leicht zu wahren, so die IG Bau. Schwieriger könnte das aber bei der Arbeit an Maschinen oder bei der Fahrt zum Feld werden. In jedem Fall herrschten während der Saison auf etlichen Betrieben beengte Verhältnisse, warnt die Gewerkschaft.

Arbeitsministerium fordert Infektionsschutz

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) erklärt auf Anfrage des NDR, Arbeitgeber sollten sich rechtzeitig vor Erntebeginn an die zuständigen Behörden wenden, um erforderliche Maßnahmen zum Infektionsschutz abzustimmen und umzusetzen. Die Maßnahmen richteten sich nach dem Pandemieplan der jeweiligen Landesregierung.

Unterbringung möglichst in Einzelzimmern

Das niedersächsische Gesundheitsministerium etwa hat bereits einen Erlass herausgegeben. Demnach müssen Betriebe sicherstellen, dass die Beschäftigten die aktuellen Hygieneregeln kennen und einhalten. Darin heißt es auch: "Eine Unterbringung soll möglichst nur in Einzelzimmern erfolgen." Küche und Bad seien so zu nutzen, dass eine ausreichende Distanz zwischen den Bewohnern gewährleistet sei.

Möglichkeiten für Quarantäne schaffen

Das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) weist außerdem darauf hin, dass die Betriebe dafür Sorge zu tragen haben, Möglichkeiten einer Quarantäne zu schaffen - für den Fall, dass sich Beschäftigte infizieren. Für Kontrollen der Vorgaben sind die Landkreise und kreisfreien Städte zuständig.

Wie weit die Vorbereitungen der Höfe hier bereits angelaufen sind und ob alle nötigen Vorgaben überhaupt umgesetzt werden können, ist bislang schwer einzuschätzen. Dem Deutschen Bauernverband etwa liegen dazu bisher keine umfassenden Informationen vor.

Der Landesbauernverband Niedersachsen, das Landvolk, schreibt beispielsweise, die Höfe seien über die zusätzlichen Sicherheitsanforderungen informiert, die Situation auf den einzelnen Betrieben variierten, seien aber im Detail nicht bekannt.

Spargelvereinigung: Beschäftigte in feste Erntegruppen einteilen

Der Geschäftsführer der Vereinigung der Spargel- und Beerenanbauer, Fred Eickhorst, hält Einzelunterkünfte nicht unbedingt für nötig. Am wichtigsten sei für ihn, dass die Höfe alle Beschäftigten in feste Gruppen einteilten, so Eickhorst, und so dafür sorgten, dass immer dieselben Menschen zusammen arbeiten und essen.

Er fände es auch richtig, dass die Betriebe sich Lebensmittel liefern ließen und an einem hofeigenen Kiosk verkauften. So müssten die Helfer nicht selbst einkaufen gehen. Denkbar sei auch, dass Betriebe mit dem Handel vor Ort separate Einkaufszeiten für Saisonarbeitskräfte vereinbarten. Beschäftigte, die während der Saison nicht auf den Höfen untergebracht seien und somit zusätzliche Kontakte unterhielten, müssten unbedingt in extra Gruppen organisiert werden.

Gemüseproduzent: Einzelunterbringung nur kurzfristig möglich

So sieht das auch der Gemüse- und Salatproduzent Behr aus Seevetal bei Hamburg. Die Kräfte, die gerade mit der Aussaat und Pflanzung beschäftigt seien, so Marketingleiter Birger Exner, seien in einzelne Gruppen unterteilt, die sich untereinander nicht treffen. Für das Unternehmen Behr beginnt die Erntesaison Anfang Mai, dann habe man den größten Bedarf an Saisonarbeitern. Eine Unterbringung in Einzelzimmern sei nur kurzfristig möglich, so Exner, langfristig nicht.

Deshalb fordert die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, eine sehr viel geringere Anzahl an Saisonarbeitskräften als gewöhnlich zu beschäftigen, um den Infektionsschutz zu gewährleisten. Auch das Niedersächsische Landesgesundheitsamt erklärt, wenn Sammelunterkünfte genutzt würden, könnten vermutlich weniger Personen als gewohnt in einer Unterkunft wohnen.

Spargelanbauer: Es wird nicht alles geerntet werden können

Fred Eickhorst von der Spargelvereinigung sagt dazu, dass durch den Einreisestopp für osteuropäische Kräfte etwa aus Rumänien im Moment sowieso viel weniger Helfer zur Verfügung stünden. Freiwillige, die ihre Hilfe über Vermittlungsportale anbieten, sieht Eickhorst eher im Verkauf, beim Transport und bei der Aufarbeitung statt bei der Ernte. Wer die harte Arbeit auf den Feldern auch früh bei extremer Kälte durchhalte, sei unklar.

Er vermutet, dass in diesem Jahr schlicht nicht alles geerntet werde. Das liege aber nicht nur an fehlenden Erntehelfern, sondern auch daran, dass einigen Höfen fast die komplette Vermarktung weggebrochen sei, so Eickhorst. Einige Betriebe würden ja vor allem für eigene Gastronomiebetriebe ernten. Die seien aber ja bis auf Weiteres geschlossen. Und zum Infektionsschutz sagt er noch, die Betriebe hätten doch selbst das größte Interesse, dass keine Beschäftigten erkrankten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. März 2020 um 11:00 Uhr.

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