Blumen zum Gedenken an den in Chemnitz getöteten Daniel H.  | Bildquelle: dpa

Ermittlungen in Chemnitz Ein Ende ist nicht in Sicht

Stand: 16.11.2018 12:17 Uhr

Zwei Monate nach dem gewaltsamen Tod eines Mannes in Chemnitz stocken die Ermittlungen. Bei der Aufarbeitung der anschließenden Ausschreitungen stoßen die Behörden immer wieder auf neue Spuren.

Von Beate Dietze, MDR

Nach wie vor ist nichts geklärt. Nur so viel steht fest: Ende August wurde der 35- jährige Daniel H. bei einer Auseinandersetzung mit Asylbewerbern niedergestochen. Wenig später starb der Chemnitzer im Krankenhaus. Wie es zu dem tödlichen Streit kam, ist noch immer unklar.

Ungewissheit sorgt für Unruhe

Das lässt die Stadt nicht zur Ruhe kommen, sagt Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig. Ihr ist das wichtig "weil das allen Gerüchten, was in den sozialen Netzwerken alles auch behauptet wird, Raum lässt. Das macht diese schwere Straftat und alles, was auch drum rum passiert, in der Sühne so schwierig. Es wäre so wichtig, dass in absehbarer Zeit Anklage erhoben werden kann, dass es die Gerichtsverhandlung gibt."

Barbara Ludwig | Bildquelle: dpa
galerie

Oberbürgermeisterin Ludwig wünscht sich, rasche Aufklärung, damit wieder mehr Ruhe in Chemnitz einkehrt.

Drei Asylbewerber sollen beteiligt gewesen sein. Jussif A. wurde direkt nach dem Tod von Daniel H. festgenommen. Nach drei Wochen kam er aber wieder frei. Laut Staatsanwaltschaft lagen keine belastenden Zeugenaussagen oder Beweise gegen ihn vor. Dennoch wird weiter gegen ihn ermittelt. Die Anklagebehörde verdächtigt nun den Syrer Alaa S. und den flüchtigen Iraker Farhad A. der Tat.

Bisher wurden dazu 150 Zeugen befragt. Trotzdem bleibt das Tatmotiv weiter im Dunkeln, so Oberstaatsanwältin Ingrid Burghart: "Zum genauen Tatablauf, zu der tätlichen Auseinandersetzung liegt uns auch noch kein einheitliches Bild vor. Die Angaben der Geschädigten widersprechen sich zum Teil und sind auch nicht unbedingt in Einklang zu bringen mit den Aussagen der Zeugen."

Tatverdächtiger auf der Flucht

Nach dem Iraker wird international gefahndet. Anfang Januar sollen die Ermittlungen abgeschlossen sein, sollte der Flüchtige bis dahin nicht gefasst werden, will die Staatsanwaltschaft das Verfahren abtrennen.

Der in Haft sitzende Syrer kommt nicht auf freien Fuß. Seine Haftbeschwerde wurde Anfang des Monats vom Oberlandesgericht abgelehnt. Gegen ihn bestehe weiter dringender Tatverdacht. Sein Berliner Strafverteidiger Oliver Marson sieht das jedoch anders: "Mich überzeugt persönlich die jetzige Beweislage nicht, also die Zeugenaussagen und die Spurenlage, die mir bisher bekannt ist. Ich komme nicht zur Überzeugung, dass mein Mandant an der Tat unmittelbar beteiligt war." Deshalb prüft der Strafverteidiger, ob er Verfassungsbeschwerde einlegt.

Protest gegen Merkel in Chemnitz | Bildquelle: AP
galerie

In Chemnitz kam es nach dem Tod von Daniel H. zu massiven Protesten - auch gegen Bundeskanzlerin Merkel.

Fast 90 Ermittlungsverfahren nach Ausschreitungen

Der Tod von Daniel H. löste massive Proteste in Chemnitz aus. Tagelang marschierten Rechtsextreme und Neonazis durch die Stadt, zeigten Hitlergrüße, skandierten ausländerfeindliche Parolen. Fast 90 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet - ein Drittel liegt auf dem Tisch der Generalstaatsanwaltschaft. Die Vorwürfe reichen von Körperverletzung über Verwenden von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen bis hin zum Landfriedensbruch.

Ausschreitungen in Chemnitz | Bildquelle: dpa
galerie

Polizisten laufen nach dem Abbruch des Stadtfestes Chemnitz über eine Straße. Am Nachmittag des 26.08. hatten sich rund 800 Menschen in der Chemnitzer Innenstadt versammelt und setzten sich plötzlich in Bewegung.

Drei Täter konnten im beschleunigten Verfahren bereits verurteilt werden, so der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Wolfang Klein: "Es gab in einem Fall eine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Monaten. Dem lag zugrunde, dass eine Person mehrfach den Hitlergruß gezeigt hat. Und da hielt es das Gericht für angemessen, eine Freiheitsstrafe von fünf Monaten zu verhängen." In den zwei anderen Fällen habe es erhebliche Geldstrafen gegeben.

Ein Ende der Ermittlungen ist noch nicht in Sicht - im Gegenteil. Immer wieder werden bei der Auswertung des Videomaterials neue Straftaten entdeckt .

Ermittlungsstand nach der Tötung und den Übergriffen in Chemnitz
Beate Dietze, MDR
16.11.2018 10:42 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 16. November 2018 um 10:05 Uhr.

Darstellung: