Ein Stapel mit verschiedenen Tageszeitungen liegt auf einem Tisch | Bildquelle: dpa

Presse zum Erdogan-Besuch Von "grässlicher Gast" bis "in Ordnung"

Stand: 28.09.2018 08:36 Uhr

Ist es richtig, Erdogan einen Staatsempfang zu bereiten? Die Zeitungen sind unterschiedlicher Meinung. Viele betonen Erdogans Einfluss auf die Deutsch-Türken hierzulande. Die Bundesregierung müsse auf demokratische Standards dringen.

Die "Nordwest-Zeitung" aus Oldenburg schreibt: "Der türkische Präsident möchte also eine 'Wiederannäherung', einen 'Neustart' und 'Beziehungen auf Augenhöhe'. Doch so einfach ist das nicht. Da legt seine Polizei den Auslandstürken eine Denunziations-App für Oppositionelle ans Herz. Da soll ein Berliner Polizist mit türkischen Wurzeln für Ankaras Geheimdienst gespitzelt haben. Da sitzen noch immer Deutsche in türkischen Zellen, da wird der Islam als Werkzeug zur Einflussnahme auf Auslandstürken missbraucht. Vom diktatorischen Gehabe im Inland wäre zudem auch ausführlich zu reden. Fazit: Da kommt ein grässlicher Gast, den die Bundesregierung besser nicht eingeladen hätte."

Die "Volksstimme" aus Magdeburg will von der Politik mehr Einsatz, damit sich die türkischen Verhältnisse nicht auf die Deutschtürken übertragen: "Erdogan-Gegner in Deutschland werden systematisch ausgespäht und unter Druck gesetzt, Spione in deutschen Behörden angeheuert. Türken wagen es nicht mehr, offen ihre Meinung zu sagen. Die Moscheevereinigung Ditib ist längst eine türkische Behörde auf deutschem Boden. 'Es mangelt Ditib an Respekt', sagt die Kölner Oberbürgermeisterin Reker, die sicher nicht im Verdacht steht, spalten zu wollen."

Die "Neue Osnabrücker Zeitung" ist mit Erdogans Auftritt in der Kölner Moschee einverstanden: "Hierzulande leben gut drei Millionen Türkischstämmige; was in Ankara passiert, findet entsprechend Widerhall. Umso wichtiger ist es, Recep Erdogan ins Bewusstsein zu rufen, dass Deutschland hinter all jenen Türken steht, die in Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Toleranz ihr Leitmotiv sehen. Erdogan mit Respekt zu empfangen steht dem nicht entgegen. Und deshalb ist es auch in Ordnung, wenn er zur Eröffnung einer Moschee vor Landsleuten spricht."

Das "Handelsblatt" führt aus: "Jeder diesseits des Bosporus weiß, dass Erdogan dringend auf die Milliarden aus Brüssel angewiesen ist. Es ist kein Zynismus, wenn Berlin diese Situation nutzt. Letztlich geht es darum, Erdogan zu bewegen, sich wieder als Demokrat eines weltoffenen Landes mit einer ebenso jungen wie dynamischen Bevölkerung zu beweisen. Die Bundesregierung muss einen Modus Operandi finden mit Erdogan."

Auch die "Rheinische Post" aus Düsseldorf fordert, Deutschland und die Türkei müssten "sprechfähig" bleiben. "Wenn man mit all jenen, die man nicht für demokratisch hält, keinen Umgang mehr pflegt, reduziert sich die Zahl internationaler Gesprächspartner drastisch. Es wird darauf ankommen, was nach dem offiziellen Ende des Staatsbesuchs passiert, wenn Erdogan in Köln die Ditib-Moschee eröffnet. Sollte die Stadt chaotische Szenen erleben oder Erdogan die Stimmung negativ anheizen, verschlechtert sich die Beziehung erneut auf das Niveau von Ende 2017."

Die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt: "Über Moscheen, Vereine, Internetforen und die Sendungen des staatlichen türkischen Fernsehens wird gezielt politisch und kulturell Einfluss genommen auf die im Ausland lebenden türkischstämmigen Bürger. Während die Pflege der kulturellen Bande zur Heimat der Vorväter bereichernd wirken kann, kann eine starke Bindung an das Ursprungsland gleichzeitig die Integration in die neue Heimat behindern. Genau das ist das Ziel von Erdogans Außenpolitik.

Die Auslandtürken sollen sich nicht mit ihrem neuen Zuhause identifizieren, sondern mit dem Land und der Kultur ihrer Eltern und Großeltern. Diese Haltung treibt gezielt einen Keil zwischen die türkischen Bürger in Europa und die Gesellschaft, in der sie leben. Die Folgen dieser von Erdogan gewollten und aktiv betriebenen Entfremdung sind gravierend - in erster Linie für die im Ausland lebenden Türken selbst. Keine Bevölkerungsgruppe in Deutschland ist wirtschaftlich und sozial so schlecht gestellt wie die türkischstämmige."

Über dieses Thema berichteten am 28. September 2018 tagesschau24 um 09:00 Uhr, 10:00 Uhr, 11:00 Uhr sowie um 12:15 Uhr und die tagesschau um 09:00 Uhr, 10:40 Uhr und 12:00 Uhr.

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