Berliner Kudamm in der Vorweihnachtszeit | dpa

Umfrage zu Verhaltensweisen Wie Epidemiologen durch die Krise kommen

Stand: 09.12.2020 17:01 Uhr

Wie verhalten sich eigentlich Epidemiologen selbst in der Corona-Pandemie? Wann würden sie wieder Hände schütteln, wann mit der Bahn reisen - und wie wollen sie Weihnachten feiern? Eine Umfrage.

Von Markus Grill und Teresa Roelcke, NDR/WDR

Die Mehrheit der deutschen Epidemiologen wird dieses Jahr Weihnachten im kleinen Kreis feiern. Das geht aus einer Umfrage von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" unter den Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie hervor. Demnach wollen nur 13 Prozent dieses Jahr "mit der Großfamilie Weihnachten feiern". 61 Prozent dagegen wollen dies erst "in mehr als einem Jahr" wieder tun. 

Markus Grill

Insgesamt haben 242 Epidemiologen 44 Fragen zum Alltagsverhalten in der Pandemie beantwortet. Ähnlich zurückhaltend wie bei Weihnachten zeigen sich die Wissenschaftler auch beim Thema Skiurlaub. Nur 13 Prozent würden in den nächsten drei Monaten Skifahren gehen, 22 Prozent in drei bis zwölf Monaten und 49 Prozent erst wieder in mehr als einem Jahr. "Das reine Skifahren ist nicht das Problem", sagt zum Beispiel Britta Büchler, Epidemiologin an der Universität Mainz. Vorsicht müsse man aber bei Festen und Menschenmengen walten lassen.  

Viele wollen Flugzeug meiden 

Mit dem Flugzeug würden in den kommenden drei Monaten nur 20 Prozent fliegen, mit der Bahn hingegen 56 Prozent reisen. Urlaub in Deutschland würden derzeit 41 Prozent machen, im europäischen Ausland aber nur 17 Prozent. Und viele geben an, dass sie "nur in einer Ferienwohnung" Urlaub machen würden, also nicht im Hotel, wo man zwangsläufig auch vielen anderen Touristen begegnet. Außerhalb Europas würden 64 Prozent der Epidemiologen erst in "mehr als einem Jahr" wieder Urlaub machen. 

Besuch von Fitnessstudios

Für riskant halten die meisten auch den Besuch von Fitnessstudios oder die Teilnahme an Hallensport. Nur 26 Prozent von ihnen würden das in den kommenden drei Monaten noch tun. 40 Prozent hingegen in drei bis zwölf Monaten und 14 Prozent erst in mehr als einem Jahr. "Ich habe meinen Fitnessstudio-Vertrag gekündigt", sagt Epidemiologin Eva Grill von der Ludwigs-Maximilians-Universität München. "Aber ich würde es sehr begrüßen, wenn die Sportplätze für die Allgemeinheit offen wären und wenn es mehr Plätze im Freien gäbe, an denen man Sport an Geräten machen kann."

Andere Epidemiologen antworteten, dass sie jetzt Krafttraining zu Hause machen oder nur dann ein Fitnessstudio besuchen, wenn es wöchentlich weniger als 30 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gebe und die Studios die Fenster auf Durchzug stellen. 

Ein Termin beim Arzt?

Für weniger problematisch halten die meisten derzeit einen Besuch beim Friseur (würden 74 Prozent machen), auch einen Termin beim Arzt, ohne dass es sich um einen Notfall handelt, würden 76 Prozent jetzt schon wieder vereinbaren. Mehr als 80 Prozent würden auch draußen mit Freunden oder Freundinnen wandern gehen, mehr als die Hälfte immerhin (52 Prozent) würden auch ältere Verwandte oder Freundinnen zu Hause besuchen. "Vorher versuche ich jedoch, Kontakte zu vermeiden", sagt der Epidemiologe und Arzt Tobias Abt vom Asklepios Klinikum St. Georg in Hamburg.

 

Wann impfen?

Sobald ein Impfstoff in Europa oder den USA zugelassen ist, würden sich 46 Prozent sofort impfen lassen, 37 Prozent erst in den nächsten drei bis zwölf Monaten und 14 Prozent erst "in mehr als einem Jahr". Als Gründe für eine spätere Impfung nennen manche "weil ich nicht zu einer Risikogruppe gehöre" oder "weil ich erst die Studienergebnisse abwarte".

Stefanie Helmer, Gesundheitswissenschaftlerin an der Charité in Berlin sagt: "Ich werde mich sobald als möglich impfen lassen", da sie aber keiner Risikogruppe angehöre, geht sie davon aus, erst später an die Reihe zu kommen.

Britta Büchler, die als Epidemiologin an der Uni Mainz arbeitet, ist mit Blick auf mögliche Nebenwirkungen zuversichtlich: "Eine Zulassung in Deutschland ist mit so vielen Prüfungen verbunden und die Hürden sind so hoch, dass ich mir hier keine Sorgen mache. Abgesehen davon werden Pharmafirmen hier eher nicht versuchen bei den Studien zu schummeln, da der Image-Schaden gewaltig wäre."

 

Etwa die Hälfte die Epidemiologen würde derzeit eine Abendeinladung im kleinen Kreis annehmen, knapp die andere Hälfte erst in drei bis zwölf Monaten. Zu denjenigen, die so eine Einladung im Moment nicht annehmen würden, gehört auch Hans-Georg Kräusslich, Leiter der Virologie an der Universität Heidelberg. Ab wann er eine solche Einladung wieder annehmen würde, sei "abhängig von der epidemiologischen Situation". Auch ins Restaurant würde Kräusslich "aktuell und in den nächsten Monaten nicht gehen", sondern erst "ab Frühjahr bei möglicher Außenbewirtschaftung oder bei deutlichem Rückgang der Neuinfektionen". Insgesamt würden 51 Prozent der Epidemiologinnen und Epidemiologen erst in drei bis zwölf  Monaten wieder ins Restaurant gehen, 43 Prozent würden das jetzt auch schon machen, sieben Prozent erst in mehr als einem Jahr.

"Hochzeiten kann man verschieben"

Die Hälfte würde in drei bis zwölf Monaten wieder zu einer Beerdigung oder einer Hochzeit gehen, ein Drittel würde das auch jetzt schon wieder machen, wobei die Teilnahme an einer Beerdigung größere Zustimmung erfährt. "Hochzeitsfeiern kann man verschieben, Beerdigungen nicht. Besuche bei Beerdigungen halte ich auch für psychologisch wichtiger."

Eine andere schreibt: "Habe im Sommer 2020 beides erlebt, beides war sicher, beides war deprimierend." 

 

Zu den Dingen, die viele erst in mehr als einem Jahr wieder machen würden, gehört es, nicht ständig einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen (54 Prozent), im Chor zu singen (51 Prozent), in einem Club zu gehen (69 Prozent), zu einer Karnevalsveranstaltung oder aufs Oktoberfest (59 Prozent). 

Eine fragliche Zukunft hat auch ein bisher typisches Begrüßungsritual: Nur sieben Prozent würden sich derzeit zur Begrüßung die Hand schütteln, 35 Prozent wollen dies in drei bis zwölf Monaten wieder machen, 46 Prozent aber erst in mehr als einem Jahr wieder und elf Prozent sogar nie wieder. "Ich hoffe, dass dies abgeschafft wird", schreibt ein Epidemiologe.

Als die "New York Times" im Sommer eine ähnliche Umfrage unter 511 US-Epidemiologen gemacht hatte, hatten immerhin noch 14 Prozent gesagt, dass sie diesen Sommer Hände schütteln würden.

Für den Hamburger Mediziner Abt ist Händeschütteln "während der Pandemie ein absolutes No-Go" und Grill, die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie schreibt: "Darauf habe ich zumindest im Winter schon immer verzichtet." 

 

Etwas bessere Chance hat immerhin der Brauch, jemanden zur Begrüßung zu umarmen. Dies würden derzeit 22 Prozent machen und in drei bis zwölf Monaten 35 Prozent wieder tun. Immerhin fünf Prozent wollen das aber auch nach Ende der Pandemie nie wieder machen. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Dezember 2020 um 17:00 Uhr.