Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine Rede während einer Kranzniederlegung anlässlich des 75. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs. | Bildquelle: AFP

Steinmeier zum 8. Mai "Es gibt kein Ende des Erinnerns"

Stand: 08.05.2020 12:28 Uhr

Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes hat Bundespräsident Steinmeier vor der Versuchung eines neuen Nationalismus gewarnt. Bei der zentralen Gedenkveranstaltung in Berlin betonte er, dass das Erinnern nicht aufhören dürfe.

Zum 75. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs hat sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vehement dagegen ausgesprochen, einen Schlussstrich unter die Geschichte zu setzen. "Es gibt kein Ende des Erinnerns. Es gibt keine Erlösung von unserer Geschichte", sagte Steinmeier bei der zentralen Gedenkveranstaltung in Berlin. "Nein, nicht das Erinnern ist eine Last - das Nichterinnern wird zur Last." Nicht das Bekenntnis zur Verantwortung sei eine Schande, sondern das Leugnen.

Steinmeier erinnerte an die 1985 vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker geprägte Formel "Tag der Befreiung" für den 8. Mai 1945. Heute müsse sich die Formulierung an die Zukunft richten, sagte der Bundespräsident. Befreiung sei niemals abgeschlossen, sie fordere jeden Tag aufs Neue.

Gegen Hass und Hetze

"Damals wurden wir befreit, heute müssen wir uns selbst befreien" - von der Versuchung eines neuen Nationalismus, der Faszination des Autoritären, Misstrauen, Abschottung und Feindseligkeit zwischen den Nationen. Befreien müsse man sich auch "von Hass und Hetze, von Fremdenfeindlichkeit und Demokratieverachtung - denn sie sind doch nichts anderes als die alten bösen Geister in neuem Gewand".

Dabei erinnerte Steinmeier an die Opfer der rechtsextremistisch, rassistisch oder antisemitisch motivierten Anschläge in Hanau, Halle und Kassel. Auch schloss er mit seinen Worten an die Diskussionen der vergangenen Tage an, welchen Status der 8. Mai künftig haben soll. Der AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland hatte mit seiner Äußerung, der 8. Mai sei als Feiertag ungeeignet, da er für Deutschland ein Tag der "absoluten Niederlage" sei, parteiübergreifende Empörung ausgelöst.

Die deutsche Geschichte sei eine gebrochene Geschichte mit der Verantwortung für millionenfachen Mord und millionenfaches Leid, führte Steinmeier aus. "Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben", betonte er. "Wer das nicht erträgt, wer einen Schlussstrich fordert, der verdrängt nicht nur die Katastrophe von Krieg und NS-Diktatur. Der entwertet auch all das Gute, das wir seither errungen haben - der verleugnet sogar den Wesenskern unserer Demokratie." Weil die Deutschen sich der historischen Verantwortung annähmen, hätten die Völker der Welt Deutschland neues Vertrauen geschenkt - "und deshalb dürfen auch wir selbst uns diesem Deutschland anvertrauen." Darin sehe der Bundespräsident einen "aufgeklärten, demokratischen Patriotismus"

Corona verhindert Staatsakt

Eigentlich hatte Steinmeier für den heutigen Tag einen Staatsakt angeordnet - die höchste mögliche Form der Würdigung eines Ereignisses durch den Staat. Die Veranstaltung vor dem Reichstagsgebäude mit mehr als 1500 Personen wurde jedoch wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Stattdessen fand an der Neuen Wache, der zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, eine Kranzniederlegung statt. Daran nahmen neben Steinmeier Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie die Präsidenten des Bundestags, Bundesrats und Bundesverfassungsgerichts, Wolfgang Schäuble, Dietmar Woidke und Andreas Voßkuhle teil.

Kranzniederlegung bei der zentralen Gedenkveranstaltung zum Ende des Zweiten Weltkriegs | Bildquelle: REUTERS
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Statt eines Staatsakts fand an der Neuen Wache in Berlin eine Kranzniederlegung im kleinen Kreis statt

Mit Blick auf den 1945 erfolgten Schwur "Nie wieder" sagte Steinmeier, dass dieser Satz heute nirgendwo so sehr gelte wie in Europa. "Wir müssen Europa zusammenhalten", mahnte der Bundespräsident. "Wir müssen als Europäer denken, fühlen und handeln. Wenn wir Europa, auch in und nach dieser Pandemie, nicht zusammenhalten, dann erweisen wir uns des 8. Mai nicht als würdig. Wenn Europa scheitert, scheitert auch das 'Nie wieder'."

Deutschland sei nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Gefährder der internationalen Ordnung zu einem ihrer Förderer geworden. "Also dürfen wir nicht zulassen, dass diese Friedensordnung heute vor unseren Augen zerrinnt." Nötig sei mehr internationale Zusammenarbeit - auch im Kampf gegen die Corona-Pandemie.

Steinmeier zum 8. Mai: "Damals wurden wir befreit, heute müssen wir uns befreien"
Birgit Schmeitzner, ARD Berlin
08.05.2020 13:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Mai 2020 um 13:00 Uhr.

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