Eine junge Frau steht an einem Fenster | dpa

Einsamkeit in der Pandemie "Das Telefon ist mein Retter"

Stand: 13.12.2020 02:35 Uhr

Die Corona-Pandemie ist auch eine psychische Belastungsprobe - vor allem jetzt vor Weihnachten. Besonders betroffen: alleinstehende ältere Menschen. Christian Kretschmer über Einsamkeit - und was dagegen hilft.

Von Christian Kretschmer, SWR

Einsamkeit - lange Zeit war das für Marianne Dörfler nur ein Wort und kein Gefühl, das ihr zugesetzt hat. "Ich bin bis zuletzt immer sehr aktiv gewesen, bin gerne zu Konzerten gegangen und habe mich mit Freunden meines Chors getroffen", erzählt die 83-Jährige am Telefon, die eigentlich anders heißt und ihren Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Seit dem Tod ihres Lebensgefährten vor zwölf Jahren lebt Dörfler allein in Mainz. Allein, das heißt zurzeit auch einsam: "Im Moment bin ich am Boden zerstört. Ich sage mir jeden Morgen: Ich schaffe das. Aber es ist nicht einfach."

Christian Kretschmer

Bis in den Herbst habe sie sich noch mit ihren beiden Töchtern im Garten treffen können. Das sei im Winter wegen der Kälte keine Option mehr. "Die wirklich schlimme Zeit fängt jetzt erst an", sagt Dörfler. Auch Weihnachten sei kein Lichtblick: Ob die Töchter kommen, wie viele Menschen überhaupt gemeinsam feiern dürfen - das wisse sie nicht: "Das politische Hin und Her ist belastend." Hinzu komme die Angst vor einer Ansteckung: "Ich weiß ja auch nie: Ist es für mich das letzte Weihnachten?" 

Ältere Frau sitzt im Rollstuhl  | picture alliance/dpa

Gerade ältere Menschen leiden oft unter den Kontaktbeschränkungen. Bild: picture alliance/dpa

Kontakt übers Telefon

Hilfe bekommt die 83-Jährige von Luna Fiedler. Die 23 Jahre alte Psychologin ist Seniorenbeauftragte der Diakonie und damit die psychische Stütze für sieben Seniorinnen und Senioren im Alter von 83 bis 101 Jahren. In normalen Zeiten kommt sie zum Kaffee vorbei. Seit November kann sie den Kontakt nur übers Telefon halten. "Das klappt ganz gut. Letztens hat mir ein Herr eine Stunde lang seine Lieblingsschallplatten übers Telefon vorgespielt", erzählt Fiedler. Anderen lese sie Bücher vor. Aber auch Fiedler berichtet vom Dilemma vieler älterer Menschen: Lieber allein sein und dafür einigermaßen sicher vor Ansteckung oder in Gesellschaft und dafür mit Infektionsrisiko? "Dieser Zwiespalt ist sehr belastend", erzählt sie. 

Psychotherapeutin Luna Fiedler

Luna Fiedler telefoniert derzeit sehr viel.

Das lässt sich auch an den Zahlen der Telefonseelsorge ablesen. Vor der Pandemie gab es laut dem Netzwerk bundesweit rund 2500 Telefonate am Tag. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr seien es mehr als 3000 gewesen - und zuletzt rund 2850, Tendenz steigend. Die Zahl der Beratungen per Chat habe sich im Vergleich zu 2019 sogar beinahe verdoppelt. Eines der beherrschenden Themen im Frühjahr wie im Winter: Einsamkeit, verbunden mit Ängsten. Jeder vierte Hilfesuchende fühlt sich demnach einsam.  

Ältere, Jüngere, psychisch Kranke ...

Vor den Folgen der Einsamkeit warnen auch Experten wie Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. Besonders betroffen seien ältere, alleinstehende Menschen, aber auch jüngere: "Wir wissen, dass zum Beispiel für Jugendliche die Situation sehr belastend ist, weil sie sich gemeinsam in ihrer Peer Group, also mit Gleichaltrigen, entwickeln - was bei den derzeitigen Umständen eben schwierig ist." Munz hebt noch eine weitere Gruppe hervor: Menschen, die psychisch erkrankt sind. "Hier hat sich schon beim ersten Lockdown gezeigt, dass viele ihre persönlichen Strategien, mit ihrer Krankheit umzugehen, aufgeben mussten. Psychische Entlastung zu finden, ist deutlich schwieriger geworden."

Manuel Bix

Manuel Bix gibt eine feste Tagesstruktur Halt.

Um zu verstehen, was das bedeutet, hilft es, mit Menschen wie Manuel Bix zu sprechen. Der 28-Jährige studiert in Mainz soziale Arbeit, steht kurz vor seinem Bachelor-Abschluss. Er erzählt, dass er seit seiner Kindheit Depressionen habe. "Es sind weniger die Kontaktbeschränkungen, die mich belasten", sagt er. "Vielmehr ist es die Sorge, dass ich in ein Loch falle, weil mir die Tagesstruktur wegbricht." Dazu zählt etwa der Besuch in einem Beratungscafé oder die Gruppentherapie mit anderen Betroffenen. 

Tagesstruktur gibt Halt

Mindestens für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr werden ihm diese Fixpunkte fehlen. Die Therapeutin bleibt nur für Notfälle erreichbar; das Beratungscafé schließt vorübergehend, wie bereits im Frühjahr wegen des Lockdowns. "Die Strukturlosigkeit wird dazu führen, dass ich noch mehr meinen Gedanken nachhänge", befürchtet Bix. "Was an Weihnachten hinzukommt, ist die Melancholie dieser Zeit", denn zu seiner Familie habe er kaum Kontakt. Das Beratungscafé versucht zu helfen. Etwa mit einem Überraschungspaket samt Terminkalender für die Feiertage, mit Basteltipps und Hinweisen zu Online-Veranstaltungen - ein wenig Halt in der Ausnahmesituation.  

"Ich rate allen, ihre Tagesstruktur aufrecht zu erhalten, und sich nicht zurückzuziehen", sagt Psychotherapeut Munz mit Blick auf die bevorstehende Zeit. Sport wirke ebenfalls psychisch stabilisierend. Wichtig sei, Kontakt mit Freunden und Familie zu halten und beispielsweise Termine zu vereinbaren, auch wenn es nur für ein Telefonat sei. "Angehörige sollten darauf achten, dass sie vor allem alleinstehende Ältere nicht vergessen", sagt Munz.

Marianne Dörfler, die Seniorin in Mainz, hat ihre eigene Strategie gefunden, um mit der Isolation etwas besser zurecht zu kommen: Spazieren gehen, jeden Tag, trotz Schmerzen. Und auch ihr helfen die regelmäßigen Gespräche am Telefon, mit ihrer Familie und mit Luna Fiedler. "Das Telefon ist mein Retter", sagt sie. 

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 10. Dezember 2020 um 06:50 Uhr.