Sachsen-Anhalt, Magdeburg: An einer Schallschutzwand prangt der Schriftzug "Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost".  | dpa

Deutsche Einheit Auch eine Frage der Sprache

Stand: 02.10.2020 03:37 Uhr

Ostlohn, Westrente, Aufschwung Ost: Sind diese Begriffe 30 Jahre nach der Deutschen Einheit noch zeitgemäß? Oder braucht es sie gerade deshalb: um Unterschiede und Ungleichgewichte aufzuzeigen?

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

West und Ost - das wird in unserem Sprachgebrauch immer schon als Gegensatzpaar benutzt. Wie heiß und kalt, groß und klein. Ein Wind kann aus Nordost oder Südwest wehen - aber eben kaum aus den Himmelsrichtungen Ost und West zugleich. Aber ist es richtig, diese Gegensätze zu betonen?

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Der ehemalige Innenminister Thomas de Maizière, der in Dresden lebt und in Bonn geboren ist, hält das für einen Fehler. "'Aufbau Ost' heißt ja: 'Es liegt alles in Trümmern und muss jetzt irgendwie aufgebaut werden'", sagt er. "Das war nach 1990 sicher noch der Fall, hat sich aber längst verändert. Deshalb sollten wir auf alle diese Begriffe 'innere Einheit', Angleichung der Lebensverhältnisse, 'Aufbau Ost' verzichten. Weil sie zum Ausdruck bringen, dass der starke Westen dem schwachen Osten aufhilft."

Eine Trotzhaltung

Aus Sicht de Maizières ist gerade das Gefühl der Ostdeutschen, sich nicht auf Augenhöhe zu befinden, Grund dafür, dass die AfD dort doppelt so hohe Wahlergebnisse einfährt als im Westen. "Das kriegt man nicht dadurch gelöst, dass man Mitarbeiter der Bundeszentrale für Politische Bildung aus dem Westen dahin schickt und sagt: 'Jetzt erklären wir euch mal, was Demokratie ist.' Dann entsteht sofort eine Trotzhaltung." 

Über den "Besserwessi" wurde auch schon vor 30 Jahren diskutiert. Im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio bezeichnet de Maizière, der den Einheitsvertrag einst mit aushandelte, den allgemeinen Vereinheitlichungswunsch als "Jagd nach einem Phantom". Schließlich seien die Löhne in Ostfriesland und Hamburg auch unterschiedlich.

Eine Phantomdebatte?

Eine Phantomjagd oder Phantomdebatte sieht der Linken-Politiker Matthias Höhn dagegen nicht: Gehaltsunterschiede spielten bei der Frustration in Ostdeutschland durchaus eine größere Rolle: "Die Menschen fühlen sich nicht ausreichend gewürdigt. Ihre Biographien spielen keine Rolle, sind entwertet worden. Und nach wie vor kriegen sie weniger Geld als ihre westdeutschen Landsleute - und das wissen sie." Höhn spricht von "Gefälligkeitsgutachten", die sich die Große Koalition Jahr für Jahr mit Bezug auf den Stand der Deutschen Einheit ausstelle.

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz, findet hingegen, Deutschland sei sich seit 1990 immer ähnlicher geworden: "Man kann das messen: angefangen bei Familienmodellen, über Freizeitgestaltung, Arbeitszeiten, Vereinsleben. Wohin man schaut, man findet mehr Gemeinsames als Trennendes", sagt er.  

"Gewaltige Umwälzungen"

Für den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hingegen besteht das Hauptproblem darin, dass 1990 der Westen dem Osten sein System schlicht übergestülpt habe, das Machtverhältnis der West- zu den Ostdeutschen von Anfang an klar gewesen sei. Auch de Maizière gibt zu, dass die Umwälzungen für die Menschen - wenn auch aus seiner Sicht erfolgreich - gewaltig waren.

Nun sei im Osten eine Veränderungsmüdigkeit eingetreten: "Wenn jetzt gesagt wird: 'Na ja, Leute, nun fängt die Veränderung erst so richtig an: Digitalisierung, Globalisierung, Flüchtlinge'", dann würden viele sagen, dass sie das nicht mehr möchten. Doch de Maizière bleibt aber dabei: Die Lage sei besser als die Stimmung - und die Verwendung bestimmter Vokabeln aus dem Einheitslexikon wenig hilfreich.

  

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 02. Oktober 2020 um 07:11 Uhr.