Gelsenkirchen gehört zu den ärmsten Kommunen Deutschlands. | Bildquelle: dpa

Deutsche Einheit Zwei Partnerstädte, eine Geschichte

Stand: 02.10.2020 22:27 Uhr

Cottbus und Gelsenkirchen haben eine gemeinsame Vergangenheit als Kohlestadt. 30 Jahre nach der Deutschen Einheit haben sich die beiden Partnerstädte unterschiedlich entwickelt. Ein Besuch.

Von Sebastian Schiller und Ulrich Crüwell, rbb, Jörg Steinkamp, WDR

"Man darf den Mut nicht verlieren und muss die Solidarität beibehalten", sagt Reinhard Adam, der letzte Betriebsratsvorsitzende der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen. Mit 14 Jahren fing er bei der Zeche an. 1993 wurde sie stillgelegt, inzwischen ist sie ein Museum. Heute führt er Touristen durch die Zeche. "Wandel ist immer", sagt er. "In Gelsenkirchen gibt es seit 150 Jahren Wandel."

"Die Lebenskraft des Reviers ist die Solidarität", sagte auch Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch im Pott im Jahr 1987. Damals war der Fall der Mauer noch undenkbar.

Dann kam die Wende. Gelsenkirchen verbrüderte sich im Jahr 1995 mit Cottbus zu einer Partnerstadt. Rathaus-Mitarbeiter aus dem Westen hatten zuvor den Kollegen im Osten bei der kommunalen Selbstverwaltung geholfen. Solch eine Erfahrung schweißt auf ewig zusammen. Und dann ist da die gemeinsame Erfahrung mit der sterbenden Kohleindustrie.

30 Jahre nach der Deutschen Einheit haben sich beide Städte unterschiedlich entwickelt. Gelsenkirchen hat heute eine Arbeitslosenquote von 16 Prozent, Cottbus etwa sechs Prozent und liegt damit im Bundesdurchschnitt. Größter Arbeitgeber in Cottbus ist das Braunkohle-Unternehmen Leag. In der Region nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze wird noch immer das einst sogenannte schwarze Gold abgebaut - übertage.

"In zwei Systemen gelebt"

Friseurin Sybille aus Cottbus hat ihr Handwerk in Gütersloh gelernt. Sie kehrte wieder in ihre Heimat zurück. "Die Leute drüben dachten, Cottbus liegt in Polen", erzählt sie. Dass sie in zwei Systemen gelebt hat, sieht sie heute als Vorteil.

In Sachsendorf, der größten Plattenbausiedlung Brandenburgs, sitzen Mike und Wirtin Vera an einem Tisch. Die Stimmung ist ziemlich schlecht. In 30 Jahren werde ihr Laden wohl eine Shisha-Bar sein, sagt Vera. Und Stammgast Mike fühlt sich alleingelassen und beklagt das fehlende Miteinander. "Vor der Einheit war das freundschaftlicher. Jeder denkt nur noch an sich."

Anders als in Cottbus scheint das Gefühl des Miteinanders in Gelsenkirchen noch immer recht präsent zu sein. Das liege an der Geschichte als Bergbau-Region, erklärt ein Passant. Unter Tage habe man sich auf den anderen verlassen müssen und diese Mentalität habe sich bis heute verfestigt. "Hier können sie nachts um drei beim Nachbarn klingeln und ihnen wird geholfen werden."

"Nordstern lebt weiter"

Der ehemalige Bergmann Adam ist nur wenige Meter von der Zeche entfernt auf die Welt gekommen. Als sein Betrieb geschlossen wurde, kämpften er und seine Kumpels um ihre Arbeitsplätze. "Die Zeche ist gestorben, aber Nordstern lebt in anderer Form weiter", sagt er. Mit der Bundesgartenschau 1997 wurde das Gelände des stillgelegten Bergwerks zu einem Freizeit- und Kulturpark.

Ähnliches versucht man auch in der Lausitz: Die vom Braunkohle-Abbau zerstörten Landschaften werden geflutet zu Europas größter künstliche Seenplatte.

Darstellung: