Ein Aushang für Nachbarschaftshilfe | Franziska Kracht/RBB

Nachbarschaftshilfe in Corona-Zeiten Comeback der Solidarität

Stand: 25.02.2021 12:46 Uhr

Es ist eine der positiven Erfahrungen in der Corona-Pandemie: Die Nachbarschaftshilfe erlebt eine Renaissance. Das klassische Ehrenamt in Organisationen hingegen wird schwieriger.

Von Franziska Kracht, RBB

"Achtung, ist schwer", sagt die 17-jährige Lucia Böhlen und übergibt ihrer Nachbarin eine Tasche voller Einkäufe. Seit Beginn der Pandemie geht die Schülerin für die 85-jährige Susanne Langer einkaufen. Und das, obwohl sie gerade mitten im Abistress ist.

Die Rentnerin weiß das zu schätzen: "Es ist für mich eine große Erleichterung. Am Anfang war ich ganz gerührt. Da kam sie am Anfang des Lockdowns und sagte, Frau Langer, ich mache mir solche Sorgen um Sie. Kann ich Ihnen helfen?"

Einmal in der Woche gibt sie ihre schweren Einkäufe mittlerweile an die Schülerin. Zu Beginn der Pandemie, als alle noch ohne Masken in Supermärkte gingen, war Böhlen noch häufiger für sie einkaufen.

Eine Rentnerin zuhause | Franziska Kracht/RBB

Solidarität in Zeiten von Corona: Die 85 Jahre alte Susanne Langer freut sich über die Hilfe beim Einkaufen. Bild: Franziska Kracht/RBB

Engagement nimmt zu

Böhlen ist eine von vielen, die seit der Pandemie in der Nachbarschaft helfen. Eine repräsentative Umfrage der Fachhochschule Münster zeigt: Während der Corona-Pandemie sind zwei Drittel der Menschen bereit, sich für ihre Nachbarn zu engagieren, zum Beispiel durch Einkaufen. Vor der Pandemie war es nur ein Drittel.

So eine große Solidarität gab es zuletzt 2015 mit dem Zustrom vieler Geflüchteter. Damals etablierten sich eine Vielzahl neuer Hilfs- und Integrationsprojekte.

Nachbarschaftsseiten im Netz stark gefragt

Die Geschäftsführerin des Nachbarschaftsportals nebenan.de, Ina Remmers, erinnert sich gut an den Beginn von Corona. "Es gab eine richtige Welle der Solidarität", sagt sie. Über nebenan.de bieten sich Nachbarinnen und Nachbarn gegenseitig Hilfe an: zum Beispiel beim Einkaufen oder in der Kinderbetreuung während des Homeoffices.

Die Anmeldezahlen auf der Seite hätten sich zeitweise durch Corona verfünffacht. In der Kategorie "Biete Hilfe" sei die Zahl der Beiträge zu Beginn der Pandemie zehn Mal so hoch wie normalerweise gewesen.

Auch heute, Monate später, liege das Aktivitätslevel bei den Nutzerinnen und Nutzern vier bis fünf Prozentpunkte über dem normalen Level. Heute geht es laut Remmers neben den praktischen Dingen wie Einkäufen vor allem um die Verbindung zu anderen: Da wird ein Balkonkonzert organisiert oder Nachbarn und Nachbarinnen tauschen sich über das Thema Einsamkeit im Lockdown aus.

Klassisches Ehrenamt unter Druck

Anders sieht es beim organisierten Ehrenamt aus - vor allem bei den Tätigkeiten, die auf direkten Kontakt angewiesen sind. Menschen in Seniorenheimen zu besuchen, ist schwierig bis unmöglich. Corona erschwert außerdem die Inklusion von Menschen mit Behinderung.

Insgesamt musste sich ehrenamtliche Hilfe in den vergangenen Monaten immer wieder neu erfinden: aus Gruppentreffen sind Online-Meetings geworden, Aktionen vor Ort können nicht mehr wie gewohnt stattfinden.

"Da geht schon ein bisschen der Spirit verloren", sagt Martina Löw, Abteilungsleiterin des Freiwilligenmanagements des BUND. Denn Online-Veranstaltungen seien bei Weitem nicht so gemeinschaftsbildend wie das Treffen im realen Leben.

Viele Herausforderungen

Ein Bericht des thinktanks "Zivilgesellschaft in Zahlen" (ZiviZ) kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: "Die Einschränkungen beschneiden die Handlungsmöglichkeiten zivilgesellschaftlicher Organisationen."

Die ZiviZ hat zu verschiedenen Zeitpunkten der Pandemie Führungskräfte von Verbänden, Organisationen der Zivilgesellschaft sowie Infrastruktureinrichtungen wie Freiwilligenagenturen und Wohlfahrtsverbände befragt. Im Sommer gaben 15 Prozent von ihnen an: Durch die Pandemie sei es bereits zu Kündigungen von Mitgliedschaften gekommen.

Eine weitere Herausforderung für das Ehrenamt ist, dass viele der langjährigen Helferinnen und Helfer wegen des Infektionsschutzes nur eingeschränkt im Einsatz sein können.

Eine Schülerin vor einem Supermarkt | Franziska Kracht/RBB

Schülerin Lucia Böhlen: Nachbarschaftshilfe trotz Abi-Stress Bild: Franziska Kracht/RBB

Mehr junges Engagement

Der Vorsitzende der Tafel Deutschland, Jochen Brühl, beobachtet eine Veränderung in der Zusammensetzung der Ehrenamtlichen. "Viele der über 60-Jährigen gehören zur Risikogruppe. Dafür gibt es ganz viele junge Leute, die nicht zur Schule oder Uni gehen konnten und sich engagieren wollen."

Diesen Eindruck bestätigt auch die Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, Gerda Hasselfeldt: "Wir erleben ein großes Engagement - gerade auch bei jungen Leuten."

Das könnte auch damit zu tun haben, dass die "Digital Natives" sich mit den neuen Formen der Hilfe wohler fühlen. "Die jungen Leuten haben ein bisschen mehr Digitalkompetenz und geraten damit mehr in den Fokus", beobachtet Löw vom BUND.

Digitale Vernetzung

Auch Schülerin Böhlen hat ihre Hilfe im Netz angeboten: In verschiedenen Facebook-Gruppen und auf Nachbarschaftsportalen wie nebenan.de und eBay-Kleinanzeigen. Darauf hat sie zahlreiche Rückmeldungen bekommen.

So kommentiert eine Facebook-Nutzerin unter Böhlens Hilfeangebot: "Sie hatten mir Hilfe für den Notfall mit meinem Hund angeboten. Noch schaffe ich das alleine, aber schön zu wissen, dass Sie da sind. Passen Sie gut auf sich auf!"

Dieses Feedback gibt ihr Kraft. "Das berührt dann auch mein Herz, so manche Kommentare. Es fühlt sich richtig gut an, dass die Arbeit so wertgeschätzt wird. Und dass das nicht selbstverständlich ist, sondern etwas ist, wo man Zeit opfert."

Mehr Hilfe auch nach Corona?

Böhlen möchte auch nach der Pandemie für ihre Nachbarn und Nachbarinnen da bleiben. "Wenn der Bedarf besteht, würde ich damit weitermachen. Vor allem für meine Nachbarin. Solange sie es braucht, mache ich es sehr, sehr gerne."

Insgesamt könnte ein Teil der Helfenden längerfristig ans Ehrenamt gebunden werden. Zu diesem Ergebnis kommen die Soziologen der Fachhochschule Münster in ihrer Studie "Nachbarschaftshilfe in der Corona-Pandemie": "Die Pandemie könnte eine Art Weckruf gewesen sein für Menschen, die sich grundsätzlich engagieren wollen - und das nun dauerhaft tun werden."

Über dieses Thema berichtete die ARD in der Sendung "Live nach Neun" am 27. März 2020 um 09:05 Uhr.