Eine Frau und ein Mann rechnen Geldscheine | Bildquelle: imago/JuNiArt

Steuermodell für Paare Neues Rütteln am Ehegattensplitting

Stand: 13.05.2020 08:52 Uhr

Von den Steuervorteilen des Ehegattensplittings profitieren nach wie vor überwiegend Männer. Das zeigt eine Anfrage der Grünen im Bundestag. Auch in Corona-Zeiten dürfte das Auswirkungen haben.

Von Isabel Reifenrath, ARD-Hauptstadtstudio

In der Corona-Krise dürften viele verheiratete Frauen in Kurzarbeit einen Effekt auf ihrer Lohnabrechnung deutlich spüren: Durch das Ehegattensplitting haben sie weniger Geld netto als ihre Ehemänner. Das liegt daran, dass sie zu etwa 90 Prozent in die Steuerklasse V gehen, während ihre Männer in Steuerklasse III stärker vom Ehegattensplitting profitieren. Je größer der Einkommensunterschied zwischen den Ehepartner ist, desto größer wird der Steuervorteil.

Die Finanzexpertin der Grünen Lisa Paus hält die Konsequenzen für enorm. "Jeder Arbeitgeber und alle Steuerberater sagen Frauen, 'das ist doch gar nicht schlimm, Steuerklasse III und Steuerklasse V - Sie haben früher mehr Geld". Es wird aber verschwiegen, dass die Frauen bei der Sozialversicherung, bei Lohnersatzleistungen dann deutlich geringere Nettoansprüche haben als Männer." Das führe zu geringeren Rentenleistungen und damit wahrscheinlich zu Altersarmut.

Männer verdienen mehr

Eine Kleine Anfrage der Grünen zeigt: Männer besitzen durchschnittlich mehr Vermögen. Den Spitzensteuersatz zahlen doppelt so viele Männer wie Frauen - den Reichensteuersatz sogar drei Mal so viele. Von vielen Steuervorteilen profitieren fast immer die Männer. Die Grünen fordern deshalb eine Reform des Steuersystems, vor allem, dass das Ehegattensplitting abgeschafft wird. Dass die Union am traditionellen Familienbild - Vater arbeitet, Mutter ist Hausfrau - festhält, benachteilige andere Familienmodelle.

"Die Steuergesetze gelten in Deutschland auf den ersten Blick für alle gleich", so Paus. "Wenn man aber weiß, dass sämtliche Begünstigungen so sind, dass sie für höhere Einkommen besser wirken, und dann weiß, dass Frauen geringeres Einkommen haben, sieht man, dass Frauen vom Steuersystem benachteiligt werden."

Mehr Tarifbindung gefordert

Nicht nur die Grünen, auch SPD und Linke fordern schon lange eine Reform des Ehegattensplittings zugunsten von Familien und Alleinerziehenden. Denn fast immer sind es die Frauen, die ihre Kinder alleine großziehen. SPD-Finanzexperte Michael Schrodi bedauert, dass die Union nicht bereit ist, das Ehegattensplitting abzuschaffen. "Die Union hält an dem eher traditionellen Familienbild fest und das ist hinderlich für mehr Geschlechtergerechtigkeit."

Grundsätzlich sei ein anderes Problem aber noch größer: Dass Frauen häufiger als Männer in schlecht bezahlten Berufen arbeiten. "Was wir brauchen sind mehr Tarifbindungen, damit Frauen auch mehr verdienen, gerade in systemrelevanten Berufen", sagt Schrodi. Die Berufswahl spielt auch laut Grünen-Politikerin Paus eine große Rolle. Sie sei ein Grund dafür, dass Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten. Das Steuersystem setze einen falschen Anreiz.

Union: Gleicher Steuertarif bereits möglich

Olaf Gutting von der Union sieht das anders. Er glaubt nicht, dass Frauen wegen des Ehegattensplittings weniger arbeiten. Er hält das klassische Familienmodell für selbst gewählt. "Das ist die Wahlfreiheit, die wir möchten - so hat jeder die Möglichkeit für sich die passende Balance, die Arbeitsaufteilung, so wie er sie möchte in der Familie zu realisieren." Auch ein Familiensplitting, das manche aus der CDU fordern, lehnt er ab. Dabei würde auch die Anzahl der Kinder berücksichtigt, nicht nur ob ein Paar verheiratet ist.

Schließlich sei es schon lange möglich, dass beide Ehepartner in Steuerklasse IV gehen. Das machen aber nur die wenigsten verheirateten Paare. Denn von den Steuervorteilen aus Steuerklasse III und V profitieren sie jeden Monat, nicht erst nach einem Jahr.

Die Grünen-Abgeordnete Paus rät aber jeder Frau zur Steuerklasse IV. "Dann hätten Frauen auch jetzt in der Corona-Krise Hunderte von Euro mehr direkt auf dem Konto, bei den Lohnersatzleistungen sowohl beim Kurzarbeitergeld als auch beim Arbeitslosengeld. Das wird ihnen derzeit vorenthalten." Frauen scheinen sich entscheiden zu müssen: Küche, Kinder oder ein volles Konto. Dass Männer weniger verdienen als ihre Frauen bleibt die Ausnahme.

Ehegattensplitting benachteiligt fast immer die Frauen
Isabel Reifenrath, ARD Berlin
13.05.2020 08:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 13. Mai 2020 um 10:31 Uhr.

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