Kämpfer der Gruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" in der nordirakischen Provinz Salaheddin.

Gefangenschaft in Nordsyrien Was wird aus deutschen IS-Kämpfern?

Stand: 11.05.2019 17:20 Uhr

Etwa 70 deutsche IS-Kämpfer sitzen in kurdischen Gefängnissen. Die Gefahr der Re-Radikalisierung steigt. Eigentlich müsste Deutschland sie zurücknehmen. Doch Innenminister Seehofer sagte dem Bericht aus Berlin: Jeder Fall müsse erst geprüft werden.

Von Michael Stempfle, ARD-Hauptstadtstudio

Ein Video von Lukas im Internet - das ist für Gabi Gläß aus Dortmund der Beweis: Ihr Enkel lebt noch. Inzwischen ist er knapp 24 Jahre alt, trägt einen langen Bart und sitzt offenbar in einem kurdischen Gefängnis in Nordsyrien fest - wie viele europäische IS-Anhänger. Im Video erzählt Lukas seine Lebensgeschichte: etwa, dass er sich schon als Jugendlicher für den muslimischen Glauben entschieden habe und nach seinem Fachabitur in das IS-Gebiet gezogen sei.

Gläß hat ihren Enkel die ersten zehn Jahre selbst groß gezogen. Das Verhältnis ist so, als wäre er ihr eigener Sohn. Wie eng die Beziehung der beiden ist, zeigt sich auch daran, dass Lukas - anders als viele andere IS-Anhänger - bis vor einigen Monaten Kontakt nach Deutschland hielt.

Deutscher Djihadist | Bildquelle: ARD
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Ein Foto von Enkel Lukas mit seinem Kind, das er seiner Großmutter per WhatsApp geschickt hat.

Per WhatsApp hat Lukas seiner Oma geschrieben, wie er und seine Frau damals eine Wohnung fanden und zwei Kinder bekamen. Woher er die Wohnung hat? Das weiß seine Oma bis heute nicht. Auch von kriegerischen Handlungen habe er nie etwas erzählt. Allerdings von einem Buchladen, den er erst eröffnete und dann wieder schließen musste, weil er damit gegen die Regeln des "Kalifats" verstoßen habe. Auch habe Lukas das "Kalifat" verlassen wollen - ohne Erfolg.

Kein Kontakt mit Enkel in Gefangenschaft

Seit er in kurdischer Gefangenschaft ist, hat Gläß keinen Kontakt mehr zu ihrem Enkel. So sehr sie ihn liebe: Lukas müsse zur Rechenschaft gezogen werden für das, was er zu verantworten habe, sagt sie streng. Das gelte auch für seine Frau, die vermutlich zusammen mit den beiden Kindern in einem Gefangenenlager in Nordsyrien untergebracht ist. Aber, fragt Gläß, hätten sie als deutsche Staatsbürger nicht das Recht, in Deutschland vor Gericht zu kommen? Und die Kinder seien doch nun wirklich unschuldig. Zumindest diese beiden sollte der Staat doch aus Syrien rausholen. Gläß kämpft mit den Tränen.

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Gabi Gläß will, dass ihr Enkel für das, was er getan hat, zur Rechenschaft gezogen wird.

Verheerende Zustände in Gefängnissen

So oder so ähnlich geht es den meisten Familienangehörigen der rund 60 bis 70 Männer und Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit, die sich derzeit in kurdischen Einrichtungen befinden. Die Männer sind häufig in Einzelzellen untergebracht, sagt Claudia Dantschke, Expertin für De-Radikalisierung bei der Organisation "Hayat". Die Frauen und Kinder hingegen seien in riesigen Gefangenenlagern. Es handelt sich um die Camps Roj, Ayn Issa und al-Hol in Nordsyrien.

Dass die Zustände dort zum Teil verheerend sind, ist bekannt. Die sanitären Bedingungen seien "extrem schlecht", erklärt Dantschke. In allen drei Lagern gebe es "Hardcore-IS-Frauen, die Druck ausüben auf andere Frauen, die sich vom IS distanzieren wollten".

Am schlimmsten sei die Lage in al-Hol. Da könne es keine Frau wagen, die Verschleierung abzulegen, sonst laufe sie vielleicht sogar Gefahr, umgebracht zu werden. Auch die medizinische Versorgung sei katastrophal. Das Lager sei überfüllt, die Kurden "völlig überfordert". "Es sterben auch regelmäßig Kinder", sagt Dantschke. Viele der deutschen Kinder litten an fürchterlichen Krankheiten. Auch die Fotos, die Gabi Gläß von ihren Urenkeln hat, zeigen Ausschläge im Gesicht.

Experten: Rücknahme entspricht geltendem Recht

Soll Deutschland nun Mitleid haben, ausgerechnet mit den Familien, die der westlichen Welt den Rücken gekehrt und sich brutalen Mördern angeschlossen haben? Eine äußerst heikle Frage, die nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen EU-Ländern und seit der vergangenen Woche auch am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte diskutiert wird.

Deutscher Djihadist | Bildquelle: ARD
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Schon als Jugendlicher hat sich Lukas für den muslimischen Glauben entschieden.

Aus Sicht des Nahost-Experten Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik ist die Antwort eindeutig: Ja, Deutschland muss deutsche IS-Kämpfer, Frauen und Kinder zurückholen. Es entspreche geltendem Recht, dass Staaten ihre Staatsbürger zurücknehmen: "Davon profitiert die Bundesrepublik oft, wenn sie Terroristen und andere Kriminelle etwa nach Tunesien, in den Libanon oder Russland abschiebt." Nun müsse eben Deutschland einige Deutsche zurücknehmen.

Sicherheitsrisiko Ex-Kämpfer

Darüber hinaus sieht Steinberg aber auch eine Verpflichtung gegenüber den Kurden in Syrien, die gemeinsam mit den USA den IS geschlagen und damit auch zur Verbesserung der Sicherheitslage in Deutschland seit 2016 beigetragen hätten. Die Rücknahme von wenigen Dutzend Personen sei "eine denkbar kleine Gegenleistung", so Steinberg.

Warum sich Außenminister Heiko Maas und Innenminister Horst Seehofer noch immer nicht dafür eingesetzt haben, die deutschen IS-Leute zurückzuholen, liegt auf der Hand: Die Ex-Kämpfer und ihre Familien könnten ein Sicherheitsrisiko für Deutschland darstellen. Die Sorge ist nicht unberechtigt. Es gebe zwar Frauen, die mit der Ideologie komplett abgeschlossen hätten, aber eben auch andere, "die noch immer der Ideologie anhängen oder uneinsichtig sind, was ihre eigene Schuld betrifft", sagt Dantschke.

Und fest steht: Auch Frauen sind in Syrien und im Irak Täterinnen gewesen: Sie haben die Ideologie gestützt, Propaganda gemacht, Kämpfer rekrutiert. Was, wenn sich diese Frauen nach ihrer Rückkehr salafistischen Gruppierungen in Deutschland anschließen?

Seehofer: Problem mit Mehrfachidentitäten

Seehofer betonte auf Nachfrage des ARD-Hauptstadtstudios Anfang der Woche: Jeder einzelne Fall müsse geprüft werden. Nicht immer sei es so leicht, die Staatsangehörigkeit festzustellen. Ein großes Problem seien Mehrfachidentitäten.

Horst Seehofer | Bildquelle: FILIP SINGER/EPA-EFE/REX/Shutter
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Bundesinnenminister Horst Seehofer forderte im Februar diesen Jahres eine genaue Identitätsprüfung für potentielle IS-Rückkehrer.

Das seien "Ausflüchte", antwortet Claudia Dantschke. Der Bundesnachrichtendienst sei in Nordsyrien vor Ort und wisse sehr wohl, welche Deutschen dort seien. Es gebe Fotos. Die Frauen in den Lagern kommunizierten meist über WhatsApp mit ihren Familien in Deutschland. Es könnten Dokumente ausgetauscht werden. Die Identität sei relativ gut überprüfbar.

Seehofer gegen Sammeltransporte

Seehofer führt jedoch einen weiteren Grund für das Verhalten der Bundesregierung an: Der Staat müsse einen klaren Überblick über die Ermittlungs- und die Beweislage haben. Soll heißen: Deutschland müsse wissen, wer im IS-Gebiet welche Taten begangen habe, um Täter nach ihrer Rückkehr auch sofort vor Gericht und dann ins Gefängnis bringen zu können. "Und solange dies nicht so erfolgt ist, wie es nach meinem Dafürhalten erfolgen sollte, bin ich dagegen, dass wir zum Beispiel Sammeltransporte machen."

Eine Haltung, die Dantschke "extremst schädlich" nennt. Sie kenne Frauen, die seit fast zwei Jahren in diesen Lagern seien, nachdem sie sich Kurden ergeben hätten. "Sie waren in dem Moment durchaus desillusioniert", so Dantschke. Für die Expertin wären diese Zweifel am IS eine kleine Chance, ein Hoffnungsschimmer gewesen: ein Ansatz, um die Frauen zu deradikalisieren.

Gefahr der Re-Radikalisierung

Und jetzt? Je länger die Frauen in den Lagern blieben, desto mehr steige der Frust und desto höher die Gefahr einer Re-Radikalisierung. "Und dann bekommen wir sie als hardcore-ideologisierte Frauen wieder zurück", so Dantschke. "Hätten wir sie vor zwei Jahren schon zurückgeholt, hätten wir gut mit ihnen arbeiten können."

"Claudia Dantschke" vom Zentrum Demokratische Kultur
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Claudia Dantschke von Organisation "Hayat" berichtet von katastrophalen Zuständen in kurdischen Gefängnissen.

Wie lange kann sich Deutschland diese Haltung noch erlauben? Sowohl die Kurden als auch die Amerikaner bitten eindringlich um die Rücknahme deutscher IS-Kämpfer. Es räche sich nun, dass Berlin nicht früh reagiert habe, sagt Nahost-Experte Steinberg. "Vor einem Jahr wäre es noch möglich gewesen, die Deutschen ohne größere öffentliche Aufmerksamkeit einzeln oder in Kleingruppen zurückzuführen." Diese Chance sei verpasst worden.

Gläß: "Keine Hilfe von Behörden"

Nachdem sich jetzt auch US-Präsident Trump eingeschaltet habe, wachse sogar die Gefahr, dass das US-Militär die Verdächtigen einfach vor einer deutschen Vertretung in Erbil oder Amman oder gar in Ramstein absetzt, meint Steinberg.

Gabi Gläß hat sich inzwischen mit anderen Angehörigen von IS-Anhängern zusammengeschlossen und Ende April erstmals an einer Demonstration vor dem Auswärtigen Amt teilgenommen. Von Behörden bekomme sie keine Hilfe, keine Antwort auf ihre Fragen. Sie fühlt sich völlig alleingelassen, so als sei sie selbst eine Terroristin, sagt sie.

Über dieses Thema berichtete der Bericht aus Berlin am 12. Mai 2019 um 18:30 Uhr.

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