Heike Drechsler | Bildquelle: picture-alliance / dpa

Heike Drechsler wehrt sich "IM Jump" - Gutachten widerlegt Vorwurf

Stand: 24.10.2018 06:07 Uhr

Bei Wikipedia steht: Leichtathletin Heike Drechsler war als "IM Jump" für die Stasi tätig. Das stimmt nicht, wie ein dem BR vorliegendes Gutachten zeigt. Wie verbreitete sich der Vorwurf?

Von Heike Otto, BR

Seit 1993 sah sich Heike Drechsler permanent Vorwürfen ausgesetzt, inoffizielle Mitarbeiterin der Staatssicherheit gewesen zu sein. Als Beleg dafür wird unter anderem immer wieder eine von ihr unterschriebene Quittung angeführt: Ein mit der Familie befreundeter Stasi-Offizier hatte ihr vor der Leichtathletik-WM 1987 in Rom 500 DM gegeben, und Heike Drechsler hatte den Erhalt mit dem Namen "Jump" quittiert.

Heike Drechsler | Bildquelle: picture alliance /
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"Wie ein Klops im Hals" hätten sich die Vorwürfe angefühlt, sagt Drechsler.

"Ich habe das immer mit mir rumgeschleppt und jedes Mal war das wie ein Klops im Hals, erzählt Drechsler. "Ich habe richtig Wut bekommen, weil das so nicht stimmt, dass ich IM war. Das stimmt so nicht." Trotzdem hat sie sich über zwei Jahrzehnte nicht gewehrt, ist öffentlich nicht gegen die Vorwürfe und diejenigen, die sie erhoben haben, vorgegangen. Vor etwa zwei Jahren aber entschied sich Heike Drechsler, ihre eigene Geschichte aufarbeiten zu lassen. Sie wollte den Makel in ihrem Lebenslauf nicht mehr länger hinnehmen.

Stasiforscher entlastet Drechsler

Die zweifache Olympiasiegerin trat an den renommierten Stasiforscher Helmut Müller-Enbergs heran und bat diesen, ein Gutachten anzufertigen. Mehr als ein Jahr lang durchkämmte der Historiker Akten und führte zahlreiche Gespräche. Das Fazit:

"Im Ergebnis der zu untersuchenden Frage, ob Frau Heike Drechsler, geboren am 16. Dezember 1964 als Heike Gabriela Daute, nach den Maßstäben des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) beziehungsweise im weiteren Fortgang der Untersuchung auch denen des Stasi-Unterlagen-Gesetzes als inoffizielle Mitarbeiterin (IM) des MfS zu bewerten ist, fällt die Antwort eindeutig aus: Nein."

Keine Verpflichtungserklärung, keine Berichte

Laut Akte und Gutachten war Heike Drechsler ein sogenannter Vorlauf-IM. Sie sollte als inoffizielle Mitarbeiterin geworben werden, was aber nie passierte. Sie unterschrieb weder eine Verpflichtungserklärung noch verfasste sie Berichte für die Staatssicherheit. Der IM-Stempel, so Müller-Enbergs, wurde ihr zu Unrecht aufgedrückt. Die Stasiunterlagenbehörde und einige Journalisten hätten bei der Beurteilung des Falles Fehler gemacht.

Helmut Müller-Enbergs | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Müller-Enbergs hat das Gutachten angefertigt.

Das bringt den Wissenschaftler mächtig in Rage. "Das kommt dabei heraus, wenn man schlampig und vulgär arbeitet. Unangemessen. Es handelt sich um Menschen, die eine Würde haben, und sie leben in einem Rechtsstaat. Und entsprechend hat man sich auch zu verhalten."

Fehler von Journalisten und Unterlagenbehörde

Der BR begleitete die Aufarbeitung exklusiv, sah notwendige Akten der Stasiunterlagenbehörde ein und sprach mit zahlreichen Wegbegleitern und Experten. Zum Beispiel mit dem Anwalt Kai Bonitz, der seine Doktorarbeit über das Stasiunterlagengesetz geschrieben hat. "Es sind Fehler gemacht worden", sagt er. "Alle Beteiligten, sowohl von der Behörde als auch von Presse und Medien, täten gut daran, das nochmal kritisch zu reflektieren."

Die Stasiunterlagen-Behörde hatte 1993 Unterlagen aus Drechslers Akte an die Presse herausgegeben, kurz danach wurde die Leichtathletin von anklagenden Medienberichten überrollt.

Volker Lilienthal, Journalistik-Professor an der Universität Hamburg, hat sich die Beiträge von damals angesehen. Er kritisiert vor allem, dass einzelne Journalisten vorschnell geurteilt hätten. "Wenn es einen Verdacht gibt, dann dürfen Journalisten dem grundsätzlich natürlich nachgehen. Aber sie müssen dafür eben auch selbst recherchieren, sie können sich nicht auf eine Quelle - hier eine MfS-Akte - verlassen. Sie müssen weitere Quellen heranziehen. Denn aus zeitlichem Abstand wissen wir ja, nicht alles, was in MfS-Akten steht, stimmt."

Heike Drechsler im DDR-Sportanzug streckt die Arme zur Siegerpose bei einem Wettkampf 1986 in Tallin. | Bildquelle: picture-alliance / dpa
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Heike Drechsler im DDR-Sportanzug. Aufgenommen wurde dieses Foto bei einem Wettkampf 1986 in Tallin.

Im Lexikon als "IM Jump"

Für Heike Drechsler hatte das viele Konsequenzen. Unter anderem wurde sie im Lexikon "Wer war wer in der DDR" der Bundesstiftung Aufarbeitung als "IM Jump" geführt. Der Stasi-Forscher Müller-Enbergs ist als Mitherausgeber zwar nicht für den sportlichen Bereich zuständig, fühlt sich aber moralisch verantwortlich: "Das war vermeidbar. Es hätte auch von Wissenschaftlern die Sorgfalt aufgebracht werden müssen, die ich für meine Arbeit für geboten halte. Und die Herausgeber werden Heike Drechsler um Entschuldigung bitten müssen."

Den Eintrag korrigierte der Verfasser des Drechsler-Gutachtens inzwischen. Der neue Wortlaut: "Sie war kein IM des MfS." Heike Drechsler sagt, sie hätte die Aufarbeitung in erster Linie für sich selbst gemacht. Aber die prominente Sportlerin will den Vorwurf in Zukunft nicht mehr hinnehmen. "Wenn jetzt nochmal jemand behauptet, ich wäre IM gewesen, würde ich rechtlich gegen ihn vorgehen", sagt sie.

Nachfragen des Bayerischen Rundfunks zum Fall Drechsler ließ die Stasi-Unterlagenbehörde inhaltlich bislang unbeantwortet.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 24. Oktober 2018 um 07:06 Uhr.

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